Kleine Loipengebiete

Mit viel Engagement

Kleine Langlaufgebiete investieren viel Herzblut und Ehrenamt in die Loipenpräparation. FIT for LIFE hat einige besucht.

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Endlich schneit es mal wieder bis ins Flachland. Und der Schnee bleibt sogar ein paar Tage liegen! Angefressene Wintersportler wissen, was das bedeutet: Bei idealen Bedingungen ist Langlaufen für eine begrenzte Zeit auch im Schweizer Mittelland möglich. Zahlreiche kleine und kleinste Langlaufgebiete zwischen Boden- und Genfersee nehmen ihren Loipenbetrieb auf. Doch während die einheimischen Wintersportfans bereits die Schneeberichte ihrer Region studieren und die Langlaufski wachsen, haben die Chefs und Spurteams derartiger «Mikro-Loipen» erst einmal alle Hände voll zu tun.

Bauer als Spurchef
Allen voran die Bauern. Sie sind es, die in den meisten Fällen darüber entscheiden, ob gespurt wird oder nicht. «Ich schaue am frühen Morgen zum Stallfenster raus und entscheide dann, ob und wann ich fahre», erzählt etwa Landwirt Fritz Weber von der Staffelegg-Loipe ob Auenstein bei Aarau. «Kritisch wird es, wenn es die ganze Nacht schön geschneit hat und genau dann, wenn ich spuren müsste, eine Kuh kalbt.»

Kann in solch einem Fall nicht einfach eine andere Person aus dem Loipenverein diese Spur ziehen? «Bei uns springen Rentner ein», erklärt Edith Stalder von der Langlaufloipe Habkern BE. Sie gibt aber zu bedenken: «Professionelle Loipenfahrzeuge mit Fräse, Glätter und hydraulischen Spurplatten muss man bedienen lernen, wenn man keine Schäden in der Landschaft hinterlassen will. Dazu sind Schulungen und Sicherheitskurse im Schnee nötig. Ausserdem verlangen einige Kantone eine Sonderbewilligung vom Strassenverkehrsamt.»

Die Zeiten, da man Loipen noch per Traktor oder Schneetöff und angehängter Spurwalze erstellt hat, sind fast überall vorbei. Ausnahmen bilden die Staffelegg, wo Bauer Weber seinen Mähtraktor mit hydraulischen Schaufeln und Spuranhänger zum Loipenfahrzeug umrüstet. «Das funktioniert bestens, da unsere Loipe entlang der Feldwege und nicht durchs freie Gelände führt.» Auf der Loipe Wellenberg bei Frauenfeld kommt ein Quad mit Schneeraupen zum Einsatz. «Das in der Anschaffung eher günstige Gerät hat den Nachteil, dass man eine Loipe zwei- bis dreimal abfahren muss, um eine gute Spur zu erhalten», sagt Sylvia Brassel, die sich seit 18 Jahren als Kassierin im Langlaufclub Wellenberg TG betätigt.

Die Qualität muss stimmen
Ist die Loipe gespurt, fängt die Arbeit erst an, jedenfalls im Thurgau. «Wir präparieren sämtliche Strassenübergänge der vier Kilometer langen Loipe mit Schaufeln und in Handarbeit.» Denn egal, wie klein ein Langlaufgebiet ist: «Die Qualität muss stimmen!» Darin sind sich alle Loipenbetreiber einig. Philipp Forster, Präsident der Loipe Bäretswil ZH erinnert sich an die Zeit vor vier, fünf Jahren zurück. «Damals waren wir mit einem schlichten Spurtöff unterwegs, der auch schon mal stecken geblieben oder in den Bach gestürzt ist.»

Die Loipe hielt den qualitativen Ansprüchen der Sportler auf die Dauer nicht mehr stand, immer mehr Langläufer blieben aus – selbst wenn genug Schnee lag. «Wir fragten uns im Vorstand: Machen wir weiter oder lassen wir es bleiben?» Der Entscheid lautete: weitermachen und in die Qualität investieren. Wie viele andere kleine Loipenbetreiber schafften sich auch die Bäretswiler in den letzten Jahren ein professionelles Pistenfahrzeug an. Kostenpunkt für eine gut erhaltene Occasion: rund 70000 Franken. Kein Pappenstiel für einen Verein, der gegen 30 Mitglieder und einen Jahresbeitrag von 40 Franken aufweist. Mit vereinten Kräften gelang es, die Summe am Ende aufzutreiben.

Projektförderbeiträge vom Vereinskapital aus dem Verkauf von Schweizer Langlaufpässen «Loipen Schweiz», Beiträge von der Gemeinde und Gelder aus dem Sport-Toto-Fonds bildeten in vielen Fällen die Finanzierungsbasis des Pistenfahrzeugs. Hinzu kamen Beiträge aus anderen Quellen: Manche Loipen werden von lokalen Sportfachgeschäften, einer regional tätigen Bank bzw. Versicherung, privaten Gönnern sowie schlicht vom Frauenverein des Dorfes unterstützt. Die Betreiber der Lindenbergerloipen, auf der Kantonsgrenze vom Aargau und Luzern gelegen, haben sich ein regelrechtes Profispurgerät angeschafft. «Mit unserem Pistenbully ‹Paana› könnten wir Weltcup-Loipen präparieren», schmunzelt Jean-Charles Nichini, seit 23 Jahren Präsident der Lindenbergerloipen ob Muri AG. «Kässbohrer bewilligte uns eine Bezahlung der 127000 Franken in sechs Raten. Im Jahre 2020 gehört das Fahrzeug dann endlich uns!» Damit unterhält der Verein ein Loipennetz à total 21km und betreibt eine beleuchtete 4-km-Schlaufe als Nachtloipe. Ein Privater vermietet vor Ort sogar Einsteiger-Ausrüstungen.

Bescheidener Stundenlohn
Doch ein Profifahrzeug allein genügt noch nicht. Auch der Unterhalt des Fahrzeugs und das Betreiben der Loipe ziehen Kosten nach sich. Alle der für diesen Artikel befragten Loipenbetreiber entschädigen ihrem Spurteam den Einsatz mit einem bescheidenen Stundenlohn von 25 bis 40 Franken. «Mit Öl, Benzin, Wartung, Versicherungs- und Unterstellkosten, aber auch mit Markiermaterial wie Kilometertafeln oder Absperrungen kommen wir in Bäretswil auf rund 10000 Franken Fixkosten pro Jahr», rechnet Philipp Forster vor. Viel Geld für einen Sport, der derart stark von idealen Witterungsverhältnissen abhängt und je nach Schneelage bloss an einigen wenigen Tagen ausgeübt werden kann. Ist eine Loipe im Mittelland länger als 40 Tage pro Saison in Betrieb, darf man bereits von einem «Rekordwinter» reden.

Genügend Schnee macht aus einem Acker jedoch noch keine gut besuchte Loipe. Das weiss keiner so genau wie Loipenpräsident Fredy Abächerli aus Menzingen ZG. Er ist, wie viele andere Loipenbetreiber auch, ein angefressener Langläufer, der in jungen Jahren im Regionalkader lief. Seit über 30 Jahren weibelt er nun ehrenamtlich für die 5-km-Loipe auf der Hochebene von Menzingen. «Wenn der erste Schnee da ist, entscheidet der richtige Zeitpunkt, ob eine Loipe gut gespurt ist und den Ansprüchen der Bevölkerung genügt.» Fährt man zu früh und verschandelt das Wiesland, ist es aus mit dem Goodwill der Landbesitzer – dann nützen auch gutgemeinte Gegenleistungen wie ein Abendessen, kostenlose Loipenbenützung oder ein Pfund Honig nichts mehr.

Fährt der Bauer hingegen zu spät – eben, weil gerade eine Kuh kalbt – werden schon mal missmutige Worte laut. «Seit Dario Cologna derart erfolgreich ist und das Schweizer Fernsehen vermehrt Langlaufrennen überträgt», dessen ist sich Fredy Abächerli gewiss, «hat das Interesse am Langlaufen, an gutem Material und am eigenen Training spürbar zugenommen. Und damit auch die Ansprüche an die Loipe.» Sorgfältig erstellte Loipenberichte, täglich aktualisierte Zustandsbeschriebe und hochaufgelöste Loipenpläne auf der eigenen Webseite bilden da erst den Anfang.

Drei-Schichten-Betrieb
Interessanterweise weisen viele Loipen nahe an den städtischen Zentren einen Drei-Schichten-Betrieb auf. Morgens betätigen sich vor allem männliche Rentner mit Klassik-Skis, am Nachmittag eher jüngere Frauen mit ihren Freundinnen. Und über Mittag sowie nach Feierabend gehören die Loipen den Sportläufern, welche das Langlaufen, zuweilen auch mit Stirnlampe, auf Wettkampfniveau betreiben. «Wir versuchen deshalb, unsere Loipe Tag und Nacht in perfektem Zustand zu halten», erzählt Sylvia Brassel vom Wellenberg TG. «Wenn eine Horde Wildschweine die Loipe über Nacht aufgewühlt hat, so bessern unsere Vorstandsmitglieder die Spur eigenhändig mit der Schaufel aus.»

Einstieg in den Langlaufsport
Äussere Einflüsse, welche die Loipe beschädigen, sind so vielfältig wie die Loipengebiete selber. In Menzingen stören bei günstigen Windverhältnissen manchmal Snowkiter den Langlaufbetrieb, während im Naturschutzgebiet Lombachalp bei Habkern auch mal Auerhühner, Schneehasen, Gemsen, Rehe und Hirsche ihre Spuren in der Loipe hinterlassen. Andernorts kämpft man mit Schildern und Absperrungen gegen taktlose Fussgänger oder Fatbiker. Doch all dies sind Kleinigkeiten, wenn es um den ärgsten Feind der tiefer gelegenen Langlaufgebiete geht: Weder die teuersten Pistenfahrzeuge noch die allergrössten ehrenamtlichen Anstrengungen können sich gegen schneearme Wintertage und Tauwetter behaupten.

«Natürlich kann unsere Loipe auf 700 m ü. M. nicht mit den grossen Loipenzentren wie im Goms oder Engadin mithalten», ist sich Philipp Forster von Bäretswil bewusst. «Gleichwohl haben Loipengebiete wie unseres einen klaren Vorteil: Wenn Schnee liegt, findet das Langlaufen direkt vor der Haustüre statt.» Die Eintrittshürde ist so tief wie nirgends sonst. Im Sportgeschäft des Dorfes ein Paar Ski mieten oder beim örtlichen Skiclub nachfragen – und ab auf die Loipe oder zum Schnupperkurs!

Beliebte Schnupperkurse
Die Loipe Menzingen hat mit Letzterem sehr gute Erfahrungen gemacht. Klara Meier, im Jahre 1991 Zentralschweizer Meisterin im Langlauf, bietet an einzelnen Samstagen kostengünstige Einsteigerkurse für Klassik und Skating an.

Liegt genug Schnee, unterrichtet sie sogar an trüben, stürmischen Samstagen regelmässig mehrere Klassen hintereinander. «Manch ein Einsteiger besorgt sich in der Region ein Paar Ski für wenige Hundert Franken und legt dann gleich hier im Dorf los.» Und was vor der Haustüre beginnt, findet vielleicht mal in einer Ferienwoche im Goms oder gar beim Engadin Skimarathon seine Fortsetzung.

Auch wenn der Loipenunterhalt in schneereichen Wintern richtig viel Stress und Arbeit bedeutet, so spricht Langlauflehrerin Klara Meier allen der hier porträtierten Loipenteams aus der Seele: «Wenn unser Engagement dazu führt, dass sich Beginner und Wiedereinsteiger ebenso wie Genussläufer und Wettkampfathleten mit Freude bei uns in der Loipe begegnen – so machen wir doch alles richtig!»


Ein Muss für jeden Langlauf-Fan
34000 Loipenpässe schweizweit
Damit kleine Loipen finanziell über die Runden kommen, sind sie auf Erträge aus dem Verkauf des schweizweit gültigen Langlaufpasses angewiesen. Jeder Pass à 140 Franken spült nämlich bares Geld in die lokalen Kassen: zwischen 95 und 110 Franken, je nach Grösse der Lokalloipe. Es lohnt sich also, den Schweizer Langlaufpass digital (aufs Smartphone laden) oder analog über jenes Gebiet zu beziehen, in dem man geografisch zu Hause ist oder am meisten Langlauf betreibt. «Loipen Schweiz» verkauft in guten Wintern an die 34000 Langlaufpässe, die auf sämtlichen der rund 180 Loipen in der Schweiz gültig sind. Aus den generierten Einnahmen werden auch einmalige Projektbeiträge in der Grössenordnung von 6000 Franken bewilligt, die dann direkt in einen kleinen Loipenbetrieb fliessen. Erlöse aus dem Verkauf von regionalen Saisonkarten oder Tagestickets verbleiben zu 100 Prozent beim örtlichen Loipenbetreiber.


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