Ermüdungsbruch im Kreuzbein

Typische Sportverletzung von Marathonläufern

Ermüdungsbruch im Kreuzbein. Einfach nur Pech? Oder das Dauerrisiko eines Langstreckenläufers? Die Einschätzungen der Sportmediziner German Clénin und Peter Züst.

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Adrian Lehmann, Marcel Berni und Tadesse Abraham erlitten alle einen Ermüdungsbruch im Kreuzbein. Alle drei befanden sich nach den Europameisterschaften in Amsterdam im emotionalen Hoch, alle drei waren topmotiviert und versuchten sich – wie es alle Spitzensportler tun – noch näher an ihr persönliches Limit heranzutasten. Und alle drei haben sie dieses Limit überschritten und es erst gemerkt, als es zu spät war. Motor und Ambition liefen auf Hochtouren, aber das Chassis brach. Zufall? Die bemerkenswerte Häufung provoziert Fragen: Wieso erwischt es drei Schweizer Langstreckenläufer innert weniger Monate mit derselben Verletzung? Wieso betrifft es bei allen das Kreuzbein und nicht wie meist bei Ermüdungsbrüchen die unteren Extremitäten? Und gibt es eine verhängnisvolle Systematik, die vermeidbar gewesen wäre – oder zumindest in Zukunft vermeidbar ist? Für German Clénin, Sportmediziner in Bern-Ittigen und ärztliche Bezugsperson von zahlreichen Spitzensportlern wie auch von Adrian Lehmann, sind alle Fragestellungen berechtigt, die Antworten darauf aber schwierig: «Das Risiko eines Ermüdungsbruchs läuft beim Langstreckenlauf mit», so Clénin, «denn Leistungssport ist immer auch ein Flirt mit dem Limit, eine ständige Gratwanderung, bei der die Gefahr eines sprichwörtlichen Stolperns oder sogar eines Absturzes latent mitschwingt.» Gerade deshalb müsse man bei jedem einzelnen Athleten intensiv Ursachenforschung betreiben, um solche Verletzungen künftig vermeiden zu können. Mögliche auslösende Faktoren gebe es viele, wie Lauftechnik und Schuhwahl, Fussform und Fussstatik, Trainingsumfang, -intensität und -inhalte, Ernährung mit allfälligen Mangelzuständen (Vitamin D, Calciumunterversorgung) usw.

Zu viele Kilometer erhöhen das Risiko
Die leider meist unbeantwortbare Frage in der Ursachenforschung indes ist, welcher der auslösende Faktor eines Ermüdungsbruchs schlussendlich ist – wenn es überhaupt einen einzelnen gibt. Zumindest bei den sehr hohen Kilometerumfängen der Marathonläufer setzt Clénin aber ein Fragezeichen. «Ein Ermüdungsbruch ist im Grunde genommen wie eine Materialermüdung. Eine Stelle wird konstant belastet, bis sie zunehmend gereizt wird und letztendlich irgendwann nachgibt.»

Entscheidend sei daher, dass die Knochen ab und zu gezielt geschont würden, damit sie sich regenerieren können. Clénin verweist auf den ehemaligen Spitzenläufer Viktor Röthlin, der während seiner Aktivzeit einst in einem Referat von einer mindestens dreiwöchigen «Knochenheilungszeit» mit anschliessend nochmals «dreiwöchiger langsamer Rückkehr ins reguläre Lauftraining» sprach, die er sich jeweils nach einem Marathonlauf gegönnt habe. Sportmediziner Clénin dazu: «Röthlins Aussage tönt sinnvoll. Viele Trainer und Läufer verbinden ein gewinnbringendes Lauftraining zwar zwingend mit hohen Kilometerumfängen, aber ich stelle in Frage, ob ab einem Kilometerumfang von 150 pro Woche die weiteren Trainings zu Fuss zurückgelegt werden müssen. Vielmehr denke ich, dass bei überlangen Umfängen das Risiko für eine Stressreaktion bis hin zu einer Stressfraktur unverhältnismässig ansteigt. Da müssten mehr Trainings mit Velo und Laufen kombiniert durchgeführt und auch generell mehr Alternativtrainings eingeplant werden.» Ein Beispiel, das Clénins These stützt, ist Nicola Spirig. Die Triathlon-Olympiasiegerin von 2012 hat vor ihrem bemerkenswerten EM-Marathon in Zürich 2014 vielseitig trainiert und kaum je über 100 km pro Woche laufend zurückgelegt, um einer Stressreaktion möglichst vorzubeugen. Der Erfolg gab ihr Recht.

Wieso ausgerechnet das Kreuzbein?
Wieso bei Lehmann, Berni und Abraham ausgerechnet das Kreuzbein die Schwachstelle darstellte, kann sich Clénin nicht schlüssig erklären. «Das Kreuzbein ist ein sehr starker Knochen. Trotzdem ist er als Teil des Beckenrings direkt und indirekt Zug- und Druckbelastungen ausgesetzt. Gut vorstellbar, dass speziell im ermüdeten Zustand, bei allzuvielen Laufkilometern eben, die Schläge beim Laufen vermehrt in den passiven Strukturen wie Bändern und Knochen des Beckenrings landen und dort eine Stressreaktion provozieren. Und vielleicht haben sich die Strukturen an Füssen und Beinen über die Jahre auch an die Belastung gewöhnt, wodurch die Schwachstelle nach oben gewandert ist.» Um das Kreuzbein bei übermässigen Schlägen zu stützen und zu stabilisieren, hält es Clénin für wichtig, im Training der Kräftigung des Beckenrings und auch des Beckenbodens mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Diskrepanz zwischen Belastung und Belastbarkeit
Sportarzt Peter Züst, der Tadesse Abraham medizinisch betreut, ist der Ansicht, dass beim schnellsten Schweizer Marathonläufer ein klassischer «Trainings-Overload» für die Verletzung verantwortlich ist. «Tadesse war in letzter Zeit äusserst erfolgreich, hat sich enorm fokussiert und wollte unbedingt Europarekord laufen, er hat seinen Körper ausgewunden – und ist dabei übers Limit hinausgeraten.» Züst findet, dass vor allem bezüglich Regeneration noch Potenzial bestehe. «Bei der Belastung ist Tadesse wohl beim Maximum angelangt, aber seine Belastbarkeit kann er mit gezielten Kräftigungs- und Regenerationsmassnahmen noch optimieren.» Und auch bei der Ernährung gelte es aufzupassen. Züst: «In intensiven Trainingsphasen ist es äusserst gefährlich, wenn man eine negative Kalorienbilanz aufweist und neben dem harten Training noch an Gewicht verliert, wie es Tadesse in Äthiopien passiert ist.»

Sowohl Lehmann wie auch Berni haben aus ihrer Verletzung konkrete Vorsätze für die Zukunft gefasst. «Ich muss meine Beckenstabilität verbessern», sagt Lehmann, «das hat mir die Zusammenarbeit mit dem Physiotherapeuten in den letzten Monaten deutlich gezeigt.» Gezielte Kraft-, Lauf- und Sprungübungen sollen die Ansteuerung verbessern und für mehr Stabilität sorgen. Auch den Kilometerumfängen will Lehmann verstärkt Beachtung schenken. «In der konkreten Marathonvorbereitung braucht es eine gewisse Kilometerzahl, daran führt kein Weg vorbei, aber in den Zwischenphasen werde ich künftig den Umfang stärker zurückfahren. Zudem werde ich im Trainingsalltag mehr Einheiten schonend durchführen, zum Beispiel auf dem Antischwerkraftlaufband Alter-G.» Auch für Marcel Berni ist der Kilometerumfang ein Thema. Eines, das auch seinen Kopf fordert. «Ich bin scheinbar ein Athlet, der nicht allzu viele Kilometer verträgt. In einem Trainingslager ist das mental extrem schwierig. Intellektuell weiss ich, dass man den Motor auch anders trainieren kann als nur mit Laufen, und trotzdem ist es hart, wenn ich die Beine hochlagern soll, obwohl ich mich gut fühle, während die anderen rennen gehen und ihre Kilometerumfänge auf Social Media posten.» Weil bei Berni durch Untersuchungen auf dem Alter-G deutliche Defizite in der linken Muskelkette wie teils auch in der Beweglichkeit festgestellt werden konnten und zudem ein Vitamin-D-Mangel diagnostiziert wurde, hat er wie Lehmann das laufspezifische Krafttraining intensiviert. Zusätzlich nimmt Berni ein Vitamin-D-Präparat ein. Vitamin D ist für den Knochenaufbau wichtig, da es die Kalziumresorption im Darm fördert und dadurch die Kalziumeinlagerung in den Knochen steigert. Tadesse Abraham befindet sich noch in der Verarbeitungsphase, obwohl er im ersten Moment erstaunlich gelassen auf die Zwangspause reagierte: «Ich hatte bislang Glück und war nie wirklich verletzt, jetzt habe ich halt einfach mein persönliches Limit überschritten. Das ist mir vorher nie passiert, denn ich habe mein Limit gar nicht gekannt. Jetzt kenne ich es.»

Die Schlussfolgerungen tönen bei allen ähnlich. Vielseitiger, kräftiger, umsichtiger. Ob das hilft, in Zukunft einen Ermüdungsbruch zu vermeiden, wird sich weisen. Garantien dafür gibt es keine, denn alle drei werden (und müssen) weiterhin versuchen, die individuellen Grenzen auszureizen, wenn sie sich im Spitzensport behaupten wollen. Und wenn dann im Formhoch die Endorphine mit den Läufern durchbrennen, werden präventive Vorsätze meist als Erstes zur Seite gelegt.