Post-Race-Depressionen nach Ironman-Wettkämpfen

«Nur wer entspannt, kann wieder anspannen»

Die Gemütslage befindet sich zwischen überschwänglicher Freude und depressiver Verstimmung. Ironman-Athlet Ronnie Schildknecht erklärt, wie er damit umgeht.

Ronnie Schildknecht (Copyright: ZVG)

Es war in Zürich im Jahr 2007, als ich zum ersten Mal bei einem Ironman-Wettkampf als Erster über die Ziellinie laufen konnte. Das Gefühl war unbeschreiblich, ich konnte mein Glück kaum fassen, ich dachte: «Jetzt verändert sich alles, mein ganzes Leben wird Kopf stehen.» Euphorisiert, stolz und müde fühlte ich mich am Tag und eigentlich noch die ganze Woche danach. Doch je länger umso mehr schlich sich auch eine gewisse Leere ein, die ich zuvor noch nie erlebt und mit der ich so nicht gerechnet hatte. Diese Befindlichkeit kam, als die spürbaren Schmerzen weg waren, ich aber noch nicht genügend erholt war, um wieder trainieren zu können. Dazu kam die Feststellung, dass sich mein Leben im Grunde überhaupt nicht verändert hatte. Nicht, dass mein Leben vor diesem Sieg schlecht gewesen wäre, doch waren meine Erwartungen an das, was danach kommen würde, andere. Irgendwie dachte ich, ich wäre einfach nur glücklich und alles wäre einfach nur noch geil. Dass zu diesen positiven Gefühlen überhaupt irgendetwas Negatives dazukommen könnte, war für mich überraschend. Und so hatte ich etwas mit Antriebslosigkeit zu kämpfen, die erst weniger wurde, als ich wieder in den normalen Trainingsalltag einsteigen konnte. Ob ich seither wieder solche Krisen hatte? Ja, immer wieder, und zwar unabhängig davon, wie das Wettkampfresultat ausfiel. Mit der Zeit lernte ich, dass solche gemischten Gefühle ganz normal sind, weil nach einem Höhepunkt der ganze Druck abfällt, zur körperlichen eine mentale Erschöpfung dazukommt und die Endorphine irgendwann auch weg sind. Man befindet sich dann in einem Zustand, der unter Athleten als «Post-Race-Depression» bekannt ist. Typischerweise tritt sie auf, je wichtiger ein Rennen war und je mehr einen der Wettkampf psychisch und physisch abverlangt hat. So fiel ich auch in den Wochen nach dem Ironman Switzerland 2013 in ein kleines, psychisches Loch und ich fragte mich «Was nun?» und «Wo ist nur meine Motivation geblieben?» Ich konnte Zürich zum siebten Mal in Folge gewinnen und hatte damit etwas erreicht, was noch niemandem zuvor gelungen war. Natürlich war ich überglücklich und stolz auf mich – aber gleichzeitig fühlte ich mich auch etwas leer. Die Gemütslage befand sich zwischen überschwänglicher Freude und leicht depressiver Verstimmung. Dies hatte sicherlich auch damit zu tun, dass ich Körper und Psyche in der gesamten Saison vor Zürich schon einiges abverlangt hatte, konnte ich doch vor Zürich den Ironman Südafrika und den in Deutschland wichtigen Citytriathlon Heilbronn gewinnen. Im Nachhinein war wohl alles etwas viel. Es gab Tage, da verbrachte ich ganze Nachmittage im Bett und schaute mir irgendwelche Serien im Fernsehen an. Zum einen entspannte mich das ungemein, gleichzeitig hatte ich auch nicht wirklich die Energie, etwas anderes zu tun. So entschied ich mich damals kurzfristig, auf einen Start an der 70.3.- Weltmeisterschaft in Kanada zu verzichten. Ich wäre weder körperlich noch mental in der Lage gewesen, dieses Rennen in Angriff zu nehmen. Bis Hawaii konnte ich mich dann zwar einigermassen erholen, doch ins Ziel schaffte ich es nicht mehr – die ganze Saison hatte mich zu sehr ausgelaugt.

«Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf»
Seither gab es keine vergleichbare Post-Race- Krise und schon gar keine ewigen TV-Sessions mehr. Das würde meine Frau heute wohl auch nicht mehr zulassen – und ich auch nicht. Seit unsere Tochter Mila auf der Welt ist, nutze ich die Zeit nach Wettkämpfen am liebsten mit der Familie zusammen. Der Trainingsalltag kehrt ohnehin schnell genug wieder zurück. Damit ich gut wieder in diesen hineinfinde, hat sich meine Einstellung in der Nachbereitung eines Höhepunktes schon ein wenig geändert. Es ist zwar nicht so, dass ich früher gefeiert hätte, als gäbe es kein Morgen mehr, aber für eine Weile dachte ich jeweils wirklich nicht daran, dass die Saison nach einem Höhepunkt noch weitergehen würde. Heute lautet mein Motto eher «nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf» und der Zeitraum, in dem ich nicht an den nächsten Wettkampf denke, ist kürzer geworden. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich älter und ruhiger geworden bin, vielleicht ist aber diese Professionalität auch mehr vonnöten, da wir Profis grundsätzlich an mehr Wettkämpfen teilnehmen als noch vor sechs, sieben Jahren. Trotzdem ist Abschalten nach wie vor essenziell und dazu gehört auch, dass ich Zeit nur für mich habe, um Ruhe zu finden, um mir alles durch den Kopf gehen zu lassen, aber auch, um an nichts denken zu müssen und einfach nur entspannen zu können. Denn nur wer auch entspannt, kann sich wieder richtig anspannen, und nur bei absoluter Entspannung können die Batterien wieder aufgeladen werden. Ich denke, dies ist mit ein Grund, weshalb ich es schaffe, über viele Jahre hinweg so konstant zu sein.

Keine Angst vor Misserfolg
Vielleicht erscheint es manchen unverständlich oder gar anmassend, im Zusammenhang mit Erfolgen überhaupt etwas Negatives zu schreiben, doch gibt es eben auch da nicht nur schwarz oder weiss. Das habe ich in meinen dreizehn Jahren als Triathlon-Profi gelernt. Anfangs dachte ich noch, Siege würden mein Leben komplett verändern, doch heute weiss ich: Sie haben nicht mein Leben, sondern mich und meine Sicht der Dinge verändert. Seit ich Erfolg habe, habe ich keine Angst mehr vor Misserfolg. Weil ich weiss, dass sich mein Leben nach einer Niederlage genauso wenig verändern wird wie nach einem Sieg. Ich habe meine Liebsten um mich, Mila lächelt mich genauso herzig an nach einem schlechten wie nach einem guten Rennen, und wir haben alles und noch viel mehr, als wir zum Leben brauchen. Und weil ich weiss, dass Letzteres nicht selbstverständlich ist, relativiert sich ohnehin alles. Das, was ein Sieg schlussendlich wirklich spürbar von einer Niederlage unterscheidet, ist, neben der Freude natürlich, der Umgang mit den Schmerzen. Nach einem Sieg spreche ich oft von «schönen Schmerzen», weil sie mich an das erinnern, was ich leisten konnte. Und das macht mich richtig glücklich. Hatte ich hingegen einen schlechten Tag, erinnern mich meine Schmerzen noch lange daran. Und weil dieses Gefühl so mies ist, versuche ich, es bestmöglich zu verhindern!

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