Plötzlicher Herztod

Todesfälle im Ausdauersport

Manchmal brechen Sportler bei einem Breitensportanlass tot zusammen. Wie gefährlich sind Wettkampfsituationen? Kardiologe Christian Schmied im Gespräch.

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Die Schweizer Ausdauersport-Highlights Swiss City Marathon, Engadin Skimarathon, GP Bern, Greifenseelauf, Stanserberglauf und Sempachersee-Triathlon besitzen neben der grossen Beliebtheit bei den Teilnehmern leider auch eine traurige Gemeinsamkeit: Sie alle mussten in den letzten Jahren einen Todesfall durch plötzlichen Herztod beklagen. Bevor jetzt mahnende Zeigefinger in die Höhe schnellen, die gute Nachricht gleich vorneweg: Gerade Ausdauersport ist aus gesundheitlicher Sicht langfristig enorm wertvoll und der positive Nutzen überwiegt bei Weitem die möglichen kurzzeitigen Gefahren. Diese Erkenntnis hat sich längst auch wissenschaftlich an breiter Front durchgesetzt. Das Risiko, sich mit einer Chipstüte vor dem Fernseher zu verabschieden ist für viele Menschen weit grösser als die Gefahr, als Sportler plötzlich tot zusammenzubrechen. Doch ebenso gilt: Bei Veranstaltungen, bei denen eine grosse Anzahl Menschen gemeinsam unterwegs sind, treten immer wieder Todesfälle auf – auch beim Sport. Und weil jeder Todesfall einer zu viel ist, stellen sich allenfalls lebensentscheidende Fragen: Sind solche Ereignisse Schicksal oder haben sie etwas mit der persönlichen Wettkampfvorbereitung und Renngestaltung zu tun? Wie müssen Anlässe für solche Fälle aufgestellt sein? Und wie reagiert man als Teilnehmer eines Sportevents, wenn man plötzlich in einen Vorfall involviert wird? FIT for LIFE fragte Christian Schmied, Leitender Arzt Kardiologie sowie Leiter der Sportkardiologie und Sportmedizin am Universitätsspital Zürich.

Herr Schmied, kann man das Risiko eines Herzinfarkts während eines Ausdauersportanlasses in Zahlen beziffern?

Nur bedingt. Man liest zwar immer wieder Statistiken von Marathonläufen und da geistern Zahlen von rund 0,5 bis 3 Todesfällen pro 100 000 Teilnehmern herum, aber wie hoch die effektive Gefahr beim Laufen ist, kann mit solchen Erhebungen nicht zuverlässig ermittelt werden. Auf jeden Fall weisen Ausdauersportler auch im Wettkampf ein geringeres Risiko auf als die durchschnittliche Normalbevölkerung im Alltag. Interessanterweise konnte beispielsweise bei jungen amerikanischen Soldaten ein Risiko von einem Herz-Todesfall pro 9000 festgestellt werden.

Gibt es dafür eine Erklärung?

Junge Menschen sterben in erster Linie an einem angeborenen Herzfehler wie beispielsweise an einer Herzmuskelerkrankung, während ältere Sportler praktisch immer als Todesursache einen Herzinfarkt erleiden. Oder anders gesagt: Angeborene Herzfehler zeigen sich meist bereits in jungen Jahren, ab dem 30. bis 35. Lebensjahr bilden hingegen degenerative Veränderungen der Koronargefässe die grösste Gefahr. Die meisten Todesfälle bei Ausdauersportanlässen sind darauf zurückzuführen.

Ist bei solchen Fällen der Sport der Auslöser oder hätte die gleiche Person zum gleichen Zeitpunkt in Ruhe auch einen Herzinfarkt erlitten?

Sport ist ein Trigger, der das Risiko eines plötzlichen Herztodes während des Sports und bis rund eine Stunde danach erhöht. Im gleichen Atemzug muss man aber erwähnen, dass Sport das allgemeine Risiko massiv senkt. Man muss also ein zeitlich beschränktes erhöhtes Risiko kurzfristig in Kauf nehmen, um langfristig seine Prognosen positiv beeinflussen zu können. Bei einem untrainierten Raucher mit Übergewicht und hohem Cholesterinwert ist das Risiko auf dem Liegestuhl weit höher als für einen Sportler an einem Wettkampf. Entscheidend bei Sporttreibenden sind aber eine akkurate Vorsorgeuntersuchung und Sportberatung.

Ist die Gefahr im Wettkampf höher, als wenn man zum gleichen Zeitpunkt einen gemütlichen Lauf im Wohlfühltempo unternehmen würde?

Das hängt davon ab, wie Sie an einen Wettkampf herangehen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen kompetitivem und nicht kompetitivem Sport und weist Wettkampfsport ein höheres Risiko zu. Doch der Wettkampf hat damit nur bedingt etwas zu tun. Vielmehr hängt es mit der Intensität und dem Stress zusammen, mit dem der Sport betrieben wird. Schwitzen, emotionaler Stress, Leidensfähigkeit, Überwindung bis ans Limit, zugrunde liegende Veränderungen am Herzen – all diese Faktoren können das kurzfristige Risiko eines Herzstillstandes erhöhen. Wenn Sie völlig stresslos im Steady-State eine Stunde laufen gehen und dabei mit Ihrem Laufpartner diskutieren, ist die Gefahr daher geringer. Sogenannte «Peak-Belastungen», bei denen entweder die physische Anstrengung oder der emotionale Stress maximal sind, erhöhen das Risiko. Bei der Fussball-WM 2006 konnte man feststellen, dass die Herzinfarktrate bei den deutschen Fussballfans immer dann emporschnellte, wenn Ihre Mannschaft gerade ein Spiel absolvierte. Die Zuschauer befanden sich dann emotional in einer Stresssituation.

Bedeutet das für Ausdauersportler, dass man sich nicht bis zur kompletten Erschöpfung fordern oder auch nicht zu häufig ein hartes Intervalltraining absolvieren sollte, obwohl gerade dies viele Sportler leistungsmässig weiterbringt und ihnen ein gutes Gefühl vermittelt?

Bezüglich Herzinfarkt grundsätzlich ja, aber so absolut würde ich das nicht sagen. Ein völlig gesundes Herz kann kaum überfordert werden. Aber dennoch ist es ratsam, mit zunehmendem Alter seine Ressourcen nicht allzu oft auszureizen und «Peak-Belastungen» zu dosieren.

Was genau kann im Körper bei «Peak-Belastungen» passieren?

Ich versuche, es vereinfacht zu erklären: Jeder Mensch muss im Laufe seines Lebens Alterungsprozesse hinnehmen, das gilt auch für die Gefässe. Ein schlanker und nicht rauchender Sportler ist sicher weniger davon betroffen als unsportliche und/oder übergewichtige Raucher, aber auch Sportler besitzen mit zunehmendem Alter gewisse Ablagerungen in den Arterien. Bei intensivem Sport und schnellem Blutdurchfluss durch einen hohen Puls können diese Ablagerungen an den Gefässwänden aufgerissen werden, das nennt man eine Plaque-Ruptur. Der Körper reagiert auf diese «Wunde» und verschliesst sie – und mit ihr das Blutgefäss –, wodurch es zu einem Herzinfarkt kommen kann. Auch bei emotionalem Stress kann es zu Plaque-Rupturen kommen, da durch Stresshormonausschüttung und Sympathikusaktivierung eine ähnliche Wirkung auf den Kreislauf erfolgt, wie bei physischer Belastung. Bei jüngeren Sportlern – auch ohne Plaques – kann physischer und psychischer Stress bei einer zugrundeliegenden Herzmuskel- oder Reizleitungserkrankung wiederum zu spontanen, potenziell gefährlichen Rhythmusstörungen führen.

Bei Ausdauersportanlässen betrifft es in den meisten Fällen um die 40-jährigen Männer, und zwar meist gegen den Schluss der Belastung. Will der Kopf in diesen Fällen etwas leisten, was der Körper nicht mehr mitmacht?

Das ist eine Vermutung, ja, obwohl das schwierig zu beweisen ist. Aber ich denke schon, dass übertriebener Ehrgeiz und Leistungswille bis zum Umfallen Faktoren sind, die negativ wirken, zumindest bezüglich der Auslösung von gefährlichen Rhythmusstörungen beziehungsweise einer Plaque-Ruptur mit anschliessendem Herzinfarkt.

Wieso sind Männer gefährdeter als Frauen?

Zumindest bis zur Menopause haben die weiblichen Geschlechtshormone einen protektiven Einfluss bezüglich Arteriosklerosebildung und daher besteht ein gewisser Schutz. Vielleicht setzen sich die Frauen kompetitiv auch weniger unter Druck, aber das ist nur eine Vermutung.

Als Empfehlung gilt es also, psychische und körperliche Stresssituationen einzuschränken?

Das ist empfehlenswert, ja. Aber man muss auch da differenzieren. Wenn sich ein Sportler regelmässig untersuchen lässt und keine Verdachtsmomente für ein erhöhtes Risiko bestehen, sind intensive Belastungen durchaus problemlos möglich. Wie genau sieht eine solche Präventions-Untersuchung aus? Ein Basis-Check beinhaltet einen Fragebogen, mit dem ein kardiovaskuläres Risikoprofil erstellt wird, eine gezielte körperliche Untersuchung und eine «Herz-Strom-Kurve», ein sogenanntes EKG. Bei älteren Sportlern zusätzlich empfehlenswert ist eine Blutentnahme zur Bestimmung der Cholesterin- und Blutzuckerwerte. Wenn alle Untersuchungen unauffällig sind, lautet unsere Devise: Treiben Sie Sport!

Wer sollte sich untersuchen lassen?

Wir empfehlen bei jungen Sportlern im Alter zwischen 12–14 Jahren ein regelmässiges kardiales Screening in Abständen von ein bis zwei Jahren. Mit dem erwähnten «Basis-Schema», mit Fragebogen, Untersuchung und EKG können bei jungen Sportlern über 90 Prozent der zugrunde liegenden Herzerkrankungen erkannt werden. Bei älteren Sportlern, ab dem 25. bis 30. Lebensjahr, wird das Screening komplexer, da vorhandene Verkalkungen und Ablagerungen an den Herzkranzgefässen gesucht werden müssen. Deshalb kommen bei diesen Sportlern sicher eine Blutentnahme und gegebenenfalls ein Belastungstest hinzu. Untersuchen lassen sollten sich ältere Sportler, die nach einer viele Jahre dauernden Sportabstinenz wieder neu mit Sport beginnen. Hobbysportler checken regelmässig ihren Bewegungsapparat, aber aus meiner Sicht sollten sie dasselbe auch mit ihrem Motor, dem Herzen, machen. Natürlich erkennt man mit dem erwähnten Basis-Screening nicht alles, aber wenn es Verdachtsmomente gibt, werden diese meist festgestellt. Und mit der passenden Behandlung spricht auch bei einem Befund nichts dagegen, dennoch angepasst Sport auszuüben.

Was sieht man mit einem EKG?

Bei jungen Sportlern ist das Ruhe-EKG das wichtigste Werkzeug zur Erkennung von zugrunde liegenden, angeborenen Herzproblemen. Zur Erkennung von Plaques bringt das EKG aber kaum etwas. Falls das Basis-Screening erhöhte Verdachtsmomente ergibt, kann man ein Belastungs-EKG machen, aber auch damit erkennt man geringgradige Veränderungen der Gefässe nicht zwingend. In Zukunft könnten genetische Tests und bildgebende Verfahren, wie etwa Koronar-CTs oder ein Herz-MRI Alternativen darstellen, aber die sind aktuell noch viel zu teuer für Reihenuntersuchungen. Doch langfristig besteht da Potenzial.

Was kostet ein Basis-Screening?

Das ist je nach Labor- und Zeitaufwand unterschiedlich, aber die Kosten liegen im Bereich von wenigen Hundert Franken. Ein Basis-Screening bei jüngeren Sportlern ist billiger.