Leichtathletik-EM 2014 in Zürich

Ein Feuerwerk für die Leichtathletik

Vom 12. bis 17. August 2014 geht im Stadion Letzigrund die Leichtathletik-EM über die Bühne, der grösste Schweizer Sportanlass in diesem Jahrzehnt.

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Eine erste Bilanz zeigt: Die Veranstalter in Zürich haben das Feuer entfacht, die Schweizer Leichtathletik ist allerdings noch nicht richtig warmgelaufen. Schon die Zahlen sind beeindruckend: 1400 Athletinnen und Athleten kämpfen in 47 Disziplinen um Medaillen und Finalteilnahmen. 250 000 Schaulustige werden in der Woche vom 12. bis 17. August 2014 allein im Stadion Letzigrund erwartet. Und am TV dürften 360 000 000 (360 Millionen!!) Zuschauer die Titelkämpfe live mitverfolgen. Die Leichtathletik-EM 2014 ist der grösste Schweizer Sportanlass seit der Euro 2008. Und die Titelkämpfe in Zürich werden – nach der vom Bündner Stimmvolk abgelehnten Kandidatur für Olympische Winterspiele 2022 – für die nächsten zehn Jahre der grösste Sportevent hierzulande bleiben. Die alpinen Ski-Weltmeisterschaften 2017 in St. Moritz dürften in der Wahrnehmung der Schweizer Öffentlichkeit zwar ebenfalls eine grosse Rolle spielen, europaweit aber nie derart Akzente setzen. Patrick Magyar, CEO der Leichtathletik- EM, spricht denn auch von einer «historischen Veranstaltung» für die Schweiz, von einem «Once-in-a-lifetime-Event», einem Anlass, bei dem Athleten wie Zuschauer nur einmal im Leben die Chance haben, dabei sein zu können. Bestes Beispiel dafür: Die ersten und bislang letzten Leichtathletik- EM in der Schweiz fanden im Jahr 1954 in Bern statt.

Schon 25 000 Tickets verkauft
Im Gegensatz zur Olympia-Kandidatur 2022 war die Leichtathletik-EM 2014 öffentlich nie umstritten. Das Budget von 37 Millionen Franken gab kaum je zu reden, in den Parlamenten von Stadt und Kanton Zürich ist eine Defizitgarantie von je fünf Millionen Franken mit fast 100-prozentiger Zustimmung zugesichert worden. Dies auch deshalb, weil die EM-Veranstalter auf soliden Grundlagen ein cleveres Marketing aufgezogen haben. Die budgetierten Sponsoring- Einnahmen liegen mit sieben Millionen Franken weit höher als bei den EM in Helsinki 2012 und Barcelona 2010 – und die Einnahmen aus dem Ticketverkauf sollen allein 15 Millionen einbringen. Bereits jetzt, rund 16 Monate vor der Eröffnung, sind mehr als 20 Prozent der EM-Tickets verkauft worden, ohne dass die Veranstalter aufwendig dafür geworben hätten. «Die ersten Blöcke auf der Zielgeraden sind schon ausverkauft», freut sich Magyar, «der Run auf die Week Packages hat uns alle überrascht.» Zumal der öffentliche Verkauf für die Wochenpakete erst im Spätsommer beginnt – und Einzeltickets gar erst 2014 angeboten werden. «Zurzeit sind alle Ampeln auf Grün», sagt CEO Magyar, der auch als Meeting-Direktor von Weltklasse Zürich fungiert. «Wir sind mit den Vorbereitungen voll auf Kurs». Die Kampfgerichte sind bestimmt, die Volunteers, die rund 2000 freiwilligen Helfer, die beim Anlass in verschiedensten Funktionen ehrenamtlich mitarbeiten, werden zurzeit rekrutiert – und das Maskottchen Cooly, das bereits an der Eishockey-WM 2009 lanciert wurde und bei Weltklasse Zürich 2012 sein Comeback feierte, ist als EM Botschafter fast jedes Wochenende auf den nationalen Sportbühnen im Einsatz.

Positives Image
In der Bevölkerung geniesst Zürich 2014 offenbar einen grossen Rückhalt. In einer im September 2012 durchgeführten repräsentativen Umfrage in der Deutschschweiz standen 96 Prozent der Befragten der EM in Zürich positiv oder zumindest neutral gegenüber. Fast die Hälfte der Befragten erklärte sogar, dass sie bei Möglichkeit gern live an der EM dabei sein würde. Abgeneigt gegenüber dem Grossanlass zeigte sich nur jeder Hundertste. Von der Strahlkraft und Faszination der Heim-EM sind auch Viktor Röthlin, Marathon- Europameister 2010, und Nicola Spirig, Triathlon-Olympiasiegerin 2012, angezogen worden. Röthlin zeigte sich bereit, seine Karriere nach den Olympischen Spielen in London um zwei Jahre zu verlängern, um an der EM in Zürich kurz vor seinem 40. Geburtstag die Chance zu haben, seine Laufbahn mit einem Höhepunkt vor heimischer Kulisse beschliessen zu können. Triathletin Spirig liess sich durch die EM gar zu einem Umstieg in die Leichtathletik motivieren.

Leistungsentwicklung gebremst
Eitel Sonnenschein also bei Swiss Athletics? Nicht ganz. Vor allem im letzten Jahr sind in der Schweizer Leichtathletik Wolken aufgezogen. Nach rasanten Aufstiegen von Hürdensprinterin Lisa Urech und Weitspringerin Irene Pusterla in die erweiterte Weltspitze sowie zahlreichen, vielversprechenden Leistungen an Nachwuchswettkämpfen geriet der Aufwärtstrend in der vergangenen Saison ins Stocken. Urech, Silbermedaillengewinnerin an der U23-WM, musste sich letztes Jahr bereits der dritten Hüftoperation unterziehen; Pusterla, EM-Sechste 2012, kam plötzlich nicht mehr auf Weiten, andere hoffnungsvolle Talente stagnierten in der Leistungsentwicklung. Der Euphorie folgte die Ernüchterung. «Die Aufbruchsstimmung erlitt einen Dämpfer», bekennt Peter Haas, Leistungssportchef von Swiss Athletics. Haas weiss, dass beim ambitiösen EM Fahrplan des 2008 lancierten Förderprojekts «Swiss Starters 2014» Rückschläge zum Geschäft gehören. Die vielen Verletzungen und gesundheitlichen Probleme potenzieller Hoffnungsträger haben ihm aber zu denken gegeben. «Wir dürfen dabei nicht nur von Pech reden», zeigt er sich selbstkritisch. «Verletzungen sind oft auch eine Folge von Überbelastung.» Im Bestreben um Leistungssteigerungen schenkten einige Athleten der nötigen Erholung zu wenig Beachtung. Andere «Swiss Starters 2014» haben sich durch die Chance einer Heim-EM zwar begeistern lassen, seien aber nicht bereit gewesen, den Weg kompromisslos durchzuziehen. «Job oder Studium haben bei vielen immer noch einen höheren Stellenwert», stellt Haas fest und spricht damit ein für die Schweiz typisches Problem an: «Dem Spitzensport hierzulande fehlt immer noch der nötige Zuspruch.» Er macht in diesem Bereich aber auch Lichtblicke aus. Einige Leistungsträger verlängern ihr Studium (u. a. Weitspringerin Pusterla, Langhürdler Kariem Hussein).
Um Verbesserungen zu erzielen, hat Swiss Athletics einige Massnahmen getroffen: Mit dem Deutschen Herbert Czingon ist ein ausgewiesener Trainer im Stabhochsprung engagiert worden, der hauptsächlich in Magglingen arbeitet und «dank seiner grossen Kompetenz bei Athletinnen und Athleten sehr gut angekommen ist», wie Haas hinzufügt. Im Weiteren fördert Weltklasse Zürich die Top-Kandidaten für 2014 noch gezielter, Physiotherapeut Daniel Troxler, ein Vertrauensmann von Viktor Röthlin, wird enger an den Verband gebunden, die Firma Humanis unterstützt sämtliche Heimtrainer der Swiss Starters 2014 und St. Moritz offeriert mit dem Projekt «Alto 2014» eine Heimbasis für die Höhentrainingslager.

Ehrgeizige Ziele
Trotzdem: Die Ziele sind ehrgeizig. An der EM in Zürich will Swiss Athletics an jedem Tag mindestens einen Finalplatz generieren. 30 bis 35 Athletinnen und Athleten sollen hierfür das Grundgerüst bilden. «Wir müssen alle noch sehr hart auf dieses Ziel hinarbeiten», weiss Haas. Für CEO Patrick Magyar, der über Weltklasse Zürich auch die Förderung der hoffnungsvollsten Athleten begleitet, glaubt jedenfalls, «dass wir in diesem Jahr noch viel Freude an den jungen Schweizer Athleten haben werden». Aber obwohl das Projekt Swiss Starters gegründet worden war, bevor Zürich 2014 überhaupt den Zuschlag erhalten hatte, hinkt es den hohen Erwartungen hinterher. «Vielleicht», konstatiert selbst Magyar, «vielleicht kommt Zürich 2014 für die Schweizer Leichtathletik zwei Jahre zu früh.» Ein Feuerwerk wird im Letzigrund trotzdem gezündet. Auch mithilfe des Schweizer Fernsehens, das als Host-Broadcaster der Leichtathletik-EM die grösste und aufwendigste Eigenproduktion der Geschichte in Angriff nimmt.