Was ist Doping?

Verschwommene Grenzbereiche

Doping ist verboten. Und Doping ist Betrug. Stimmt. Doch was genau ist Doping?

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Die Suche nach einer Klärung des Begriffes Doping erweist sich als äusserst kompliziert und widersprüchlich. Als im Januar 2003 die kleine Olesja das Licht der Welt erblickte, war das eine gute Nachricht. Die russische Nachrichtenagentur Prawda schrieb erfreut über ihre Mutter: «Die Athletin hatte keine Abtreibung, anders als die meisten Sportlerinnen.» Olesjas Mutter, die russische Skilangläuferin Julia Tschepalowa, hatte im Vorjahr bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City drei Medaillen gewonnen. Zwei Monate später wurde ihre Schwangerschaft bekannt und die Gerüchteküche begann zu brodeln. Mediziner wissen, dass Schwangerschaft die sportliche Leistung verbessern kann, denn in dieser Zeit steigt die Zahl der roten Blutkörperchen, welche den für Sportler so wichtigen Sauerstoff transportieren. Julia Tschepalowa sah sich dem Generalverdacht der «Abtreibungs-Doping-Machenschaft » ausgesetzt. Unter diesem Titel befasste sich 2003 auch eine juristische Zeitschrift mit dem erschreckenden Thema. «Die Wirkung einer Schwangerschaft ist mit Blutdoping vergleichbar», schrieb das Fachblatt, aber weil nach 14 bis 15 Wochen die Leistungssteigerung ende, bestehe der breite Verdacht, dass Athletinnen in einigen Ländern in einen abscheulichen Kreislauf aus Schwangerschaft und Abtreibung verwickelt seien. Es gibt keine bewiesenen Fälle von Abtreibungs-Doping. Doch allein dass die Möglichkeit erwogen wird, lässt ahnen, dass den Versuchen von Sportlern, sich Vorteile im Wettkampf zu verschaffen, offenbar allein die menschliche Fantasie die Grenzen setzt.

Keine klare Doping-Definition
«Die Dopingthematik gilt als das wichtigste und bislang ungelöste Problem der Sportwissenschaft», schreibt denn auch Claudia Pawlenka, Herausgeberin des Buchs «Sportethik. Regeln – Fairness – Doping». Denn, so die Sportphilosophin: «Die Schwierigkeiten liegen darin, zu sagen, ob etwas Doping ist oder nicht, und wenn ja, warum es verboten ist.» Wie schwierig eine Definition offensichtlich ist, kann man als interessierter Laie feststellen, indem man auf die offizielle Internetseite www.dopinginfo.ch surft. Wer dort im Glossar unter D nach «Doping» sucht, der wird enttäuscht. Nach «Diuretika» kommt «Dopingliste», dort werden die verbotenen Wirkstoffe aufgelistet. Danach folgt das «Dopingstatut » von Swiss Olympic. Dessen juristischverklausulierten Text kann man herunterladen und unter Ziffer 12 finden sich schliesslich «Doping-Tatbestände». Doch auch hier wird nicht das Doping an und für sich erklärt, sondern nur, dass Doping vorliegt, wenn man die Anti-Doping-Regeln verletzt. Eine Definition findet man endlich in der «Lausanne Declaration» der Olympischen Bewegung von 1999. «Doping», steht dort, «wird definiert als Gebrauch eines Artefakts (englisch: artifice), sei es ein Wirkstoff oder eine Methode, das potentiell gesundheitsgefährdend für den Athleten ist und/oder das leistungssteigernd wirken kann, oder das Vorhandensein eines Wirkstoffs im Körper des Athleten oder der Gebrauch einer Methode, die auf der Liste im Anhang des Anti-Doping-Codes der Olympischen Bewegung stehen.» Sind wir nun schlauer? Nein, denn der Begriff des Artefakts, des Künstlichen – ebenso wie sein Gegenteil, das Natürliche – ist auch für die Experten schwammig. «Kaum ein Begriff wird im Rahmen der Dopingthematik so kontrovers diskutiert wie der Begriff der Natürlichkeit», schreibt die Frankfurter Philosophin Pawlenka. Aus diesem Grund haben die Anti- Doping-Funktionäre zusätzlich zu der abstrakten Definition die sogenannten pragmatischen Definitionen aufgestellt. Das sind die bekannten Doping-Listen, auf denen konkrete Wirkstoffe und Methoden aufgelistet werden, die verboten sind. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA bringt zu jedem 1. Januar eines Jahres eine neue Liste heraus, die für die meisten Staaten gilt, auch für die Schweiz. Die WADA hat drei Kriterien festgelegt: 1. wirkt leistungssteigernd, 2. gefährdet die Gesundheit der Sportler, 3. verletzt den Geist des Sports. Sobald eine Methode oder ein Wirkstoff zwei dieser drei Kriterien erfüllt, machen sich die zahlreichen Komitees der Organisation mit Sitz in Lausanne und Montréal an die Arbeit. Athleten, Ärzte, Ethiker, Regierungsdelegierte, Sportfunktionäre werten Untersuchungen aus, diskutieren, wägen ab. Am Ende ist die Liste um einen Punkt länger – oder eben nicht.

Was ist der Sinn des Leistungssportes?
Doch auch über die drei Kriterien wird gestritten. Zur Frage, was eigentlich der Geist des Sports sei, sagt zum Beispiel der Oxforder Ethikprofessor Julian Savulescu: «Leistungssteigerung ist nicht gegen den Sportsgeist. Leistungssteigerung ist der Sportsgeist. Besser sein zu wollen, ist menschlich.» Dem widerspricht energisch Sven Güldenpfennig. «Der Sport-Sinn ist nicht, wie oft behauptet, auf unbegrenzte Leistungssteigerung hin angelegt,» schreibt der Inhaber der «Olympiaprofessur» der Universität Hamburg in dem erwähnten Buch «Sportethik». «Doping», so Güldenpfennig weiter «liegt nicht in der Logik sportlichen (Selbst-)Überbietungs-Strebens, sondern widerspricht ihr.» Güldenpfennig definiert Sport als «eine kulturell ‹domestizierte› Form des Umgangs mit Grenzen» und schlussfolgert radikal: «Strenggenommen kann es Doping im Sport gar nicht geben: Der dopende Athlet verlässt die Sinnsphäre des Sports unter Vortäuschung einer Teilnahme daran. Es gibt nur Sport oder Doping.» Das ist die graue Theorie. Die schillernde Praxis sieht, zumindest für uns Laien, doch eher so aus: Es gibt immer mehr dopende Sportler, trotz immer höheren Ausgaben im Kampf gegen das Doping. Manch einer sagt, und das klingt zynisch und realistisch zugleich: heute siegt derjenige Sportler, der den besten Apotheker und den besten Anwalt hat. Ein Blick in Archive und Geschichtsbücher zeigt: Sportler waren seit jeher wandelnde Versuchslabore für leistungssteigernde Mittel. Die Athleten im antiken Griechenland kippten Wein und Halluzinogene hinunter und assen Tierherzen und -hoden. «Während um die Jahrhundertwende vor allem Alkohol, Kaffee, Kokain und Strychnin beliebt waren, griffen Sportler später immer häufiger auf Produkte aus der chemischen Industrie zurück.» Das schrieb Eric Gremmelmaier, der in einem Artikel in der NZZ an die frühen Dopingdiskussionen in der Schweiz erinnerte. So hatte bereits 1941 der NZZ-Sportredaktor Fritz Klipstein gewarnt: «Zuverlässige Beobachtungen lassen erkennen, dass die Verwendung von Reizmitteln in schweizerischen Sportkreisen allmählich häufiger geworden ist, und da das Doping bereits auch Jugendliche zu erfassen begonnen hat, kann die Öffentlichkeit an dieser Erscheinung nicht mehr länger achtlos vorbeigehen. » Über die Jahre veränderten sich die Methoden, aber auch die Beurteilung von Doping. «Gründerväter der modernen Sportmedizin», schreibt Gremmelmaier, «fanden in den sportlichen Grossanlässen des Fin de Siècle, insbesondere den Rad- Classiques, ein geeignetes Testfeld für ihre Experimente mit Stimulanzien.» Ende des 19. Jahrhunderts fand Doping «sozusagen unter den Augen einer sportbegeisterten Öffentlichkeit und unter ärztlicher Kontrolle statt.»

Dopingfreigabe als Lösung?
Doping – öffentlich und unter ärztlicher Kontrolle? Tatsächlich wird eine kontrollierte Freigabe leistungssteigernder Mittel bis heute von einigen Experten befürwortet. Ethikprofessor Savulescu ist einer von ihnen. Das erste Argument des Australiers mit der Doppelqualifikation in Medizin und Philosophie haben wir bereits angetroffen: Leistungssteigerung sei nicht gegen den Sportsgeist. Ein weiteres seiner Argumente lautet: Die Einnahme von Dopingmitteln gefährdet nicht unbedingt die Gesundheit der Sportler. Wenn es wirklich um die Gesundheit der Sportler ginge, sagt Savulescu, dann müssten manche Mittel auf den Doping-Listen einzelnen Athleten erlaubt werden. In einem Artikel im British Journal of Sports Medicine schrieb Savulescu: «Wenn ein Schütze wegen einer Herzkrankheit Betablocker benötigt, dann sollten wir uns nicht damit aufhalten, dass ihm diese vielleicht einen Vorteil über die anderen Schützen geben. Oder wenn ein anämischer Radfahrer EPO nehmen will dann sollten wir uns vor allem um die Behandlung seiner Blutarmut sorgen.» Naturgemäss teilt die Welt-Anti-Doping- Agentur diese Haltung nicht. Ihr medizinischer Direktor mahnte in einem offenen Brief an die Adresse der Freigabe- Befürworter: «Der Gebrauch selbst des gewöhnlichsten Medikaments ist mit Risiken und möglichen Nebenwirkungen verbunden.» Bevor ein Arzt zum Rezeptblock greife, müsse er Risiko gegen Nutzen abwägen, schrieb Alain Garnier im August 2006. «Doping für alle Athleten zu befürworten widerspricht diesem Grundprinzip der Medizin.» Im Übrigen gebe es «keine glaubhaften Daten, welche belegen, dass ein Medikament weniger gefährlich sei, wenn ein Arzt es verschreibt. Tagtäglich erleben Patienten in Krankenhäusern weltweit die Nebenwirkungen von Medikamenten, und das obwohl sie unter der strengen Beobachtung von erfahrenen Ärzten stehen.» Savulescu hat dafür eine weiteres Argument pro Freigabe parat: Die kontrollierte Freigabe könnte den Sport fairer machen. «Die Freigabe von Dopingmitteln im Sport könnte die wirtschaftliche Diskriminierung verringern», schreibt Savulescu, und als Beispiel nennt er Höhenzelte oder Höhenkammern (auch in Magglingen ist eine Höhenkammer eingerichtet). Wenn Sportler in diesen künstlich sauerstoffreduzierten Kammern trainieren, produzieren sie vermehrt rote Blutkörperchen, welche so wichtig sind für den Sauerstofftransport zum Muskel. Höhenzelte sind nach den Doping-Listen erlaubt. Gleichzeitig sind diese Hightech-Konstruktionen um ein Vielfaches teurer als EPO-Spritzen. Eine Injektion mit diesem Hormon ist jedoch verboten, obwohl, so Savulescu, die Wirkung dieselbe ist: vermehrte Produktion roter Blutkörperchen. Die Sportler aus reichen Ländern gehen also ins Höhenzelt, die ärmeren Athleten Schauen in die Röhre. Ist das nun fair? Sieht so Chancengleichheit aus? Chancengleichheit, darin sind sich die Theoretiker ausnahmsweise einig, heisst ja nicht, dass alle Wettkampfteilnehmer gleich sein sollen in ihren Anlagen. Sonst müsste der Schwimmer Ian Thorpe mit seinen Riesenfüssen – Schuhgrösse 52 – sofort das Becken verlassen. Ebenso wäre der finnische Skiläufer Eero Mäntyranta seine drei Medaillen von den Winterspielen 1964 losgeworden. Lange nach Innsbruck fand man heraus, dass er aufgrund einer seltenen genetischen Mutation wesentlich mehr rote Blutkörperchen hatte als der Durchschnitt. Doch solche körperlichen Unterschiede, solche genetischen Ausnahmen machen ja erst den Reiz des Sports aus.

Tiger Woods ein Cyborg?
Mit Chancengleichheit im Sport meint man, dass die Ausgangsbedingungen dieselben sind: beim 100-Meter-Lauf hat jeder dieselbe Distanz zu bewältigen, auf vergleichbaren Bahnen, mit den eigenen Füssen und so weiter. Bei den Olympischen Spielen 1904 etwa wurde dem Amerikaner Fred Lorz sein Marathon-Sieg aberkannt, als man herausfand, dass er sich die halbe Strecke hatte fahren lassen. Heute sind Versuche, sich einen Vorteil zu verschaffen, ungleich subtiler. Und meistens haben sie mit äusserst komplexen, teuren, aufwändigen neuen Technologien zu tun. Die Theoretiker sprechen bereits vom Menschen im Zeitalter seiner biotechnischen Reproduzierbarkeit. Begriffe wie Gendoping, Techno-Doping und Cyborg schwirren im Raum. Schon im Jahr 2003 nahm die WADA Gendoping in ihre Verbotsliste auf, vorsorglich. Den Cyborg dagegen gibt es längst. Den Begriff, eine Zusammensetzung aus «kybernetisch» und «Organismus», prägten die Wissenschaftler Manfred Clynes und Nathan Kline 1960 in der Zeitschrift «Astronautics». Für ein NASA-Forschungsprogramm untersuchten sie Möglichkeiten, den Menschen anpassungsfähiger an ein Leben im Weltraum zu machen. Heute steht Cyborg für die Verbindung zwischen organisch Gewachsenem und Technik im Menschen. Vergessen wir Science-Fiction: auch der Kollege mit dem Herzschrittmacher ist ein Cyborg. Und ja, auch Tiger Woods ist wohl ein Cyborg. Würde der früher extrem kurzsichtige Golf-Millionär nur eine Brille tragen und sich damit sozusagen der Technik einer Sehhilfe bedienen, wäre er es nicht. Denn beim cyborgisierten Menschen muss es in irgendeinem Stadium eine Verletzung des Körpers geben. Der Cyborg-Forscher Dierk Spreen von der Universität Paderborn definiert Cyborgs mithilfe des Unter-die-Haut-Kriteriums, oder salopp: des «Aua»-Kriteriums. Beim Kollegen mit Herzschrittmacher ist es die Operation. Bei Tiger Woods ebenso. Denn der liess sich zweimal die Augen operieren. Beim ersten Mal korrigierten die Ärzte per Lasertechnik seine Kurzsichtigkeit. Seit der zweiten Operation jedoch soll Woods angeblich eine Sehschärfe von weit über 100% besitzen. Ist das fair? Ermöglicht das noch eine «natürliche» Leistung? Nun, es steht jedenfalls nicht auf der Doping-Liste. Es gibt keine einfache Antwort mehr auf die Frage, was im Sport natürlich und was künstlich ist. Das ist der Grund, warum die Doping-Definition, wie sie heute steht, so unbefriedigend bleibt. «Jede Klage über den Doping-Missbrauch im Sport», schreibt Barbara Ränsch-Trill im Buch «Sportethik», «ist eine Klage über die verlorene Natürlichkeit. Es wird erwartet, dass Sportler – so wie die Natur sie geschaffen hat – in den Wettkampf treten.» «Aber solche Klagen vergessen», schreibt die Philosophieprofessorin der Deutschen Sporthochschule Köln, «dass das menschliche Leben längst künstlich ist. Es ist künstlich, seit der Mensch sich gegen die Natur behauptet und seine Welt – seine Kultur – geschaffen hat.»

Und im Breitensport?
Dabei stehen heute vor allem die hochgerüsteten Profis unter Verdacht. Das war nicht immer so, in den 1930er- und 40er-Jahren interessierten «sich die Dopingexperten nicht für die Gebaren der professionellen Spitzensportler», stellt der bereits erwähnte NZZ-Artikel zur Geschichte des Dopings in der Schweiz fest. Stattdessen hatten die Experten «vor allem den Breitensport im Visier». Das lag gewiss einerseits daran, dass der Profisport noch kein Milliardengeschäft war. Der Autor betont jedoch die damals zugrunde liegende nationalistische Ideologie. «Rassenhygienische Argumente, welche die deutschen Diskussionen prägten, waren auch in der Schweiz prominent vertreten. Für die Eidgenössische Turn- und Sportkommission hatte», schreibt der Autor, «der wahre Sportgedanke die Funktion, der Nation einen widerstandsfähigen, derben Nachwuchs zu garantieren, der die nötige Härte im Kampf um die Existenz von Natur aus besitze.» Heute ist das Thema Doping im Breitensport vor allem in Form von Vermutungen anzutreffen. Vielleicht halten sich deshalb Schweizer Offizielle, gelinde gesagt, bedeckt. Die telefonisch gestellte Frage «Spielt Doping im Breitensport in der Schweiz eine Rolle?» wollte Beat Geyer, der Sprecher der Sport Union Schweiz, des zweitgrössten Breitensportverbands des Landes (Schwerpunkte Turnen, Fitness und Gymnastik) nur schriftlich beantworten. Geyers Antwort: «Im Breitensport auf unserer Basis, also bei Turnfesten, Jugendsporttagen und Spielturnieren, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass jemand zu unerlaubten Mitteln zur Leistungssteigerung greift. Hier geht es mehr um das Mitmachen und um das gemeinsame Erlebnis. Zudem funktioniert die soziale Kontrolle beim organisierten Breitensport im Verein recht gut.» Auf die Frage, ob es Instrumente gebe, um das Ausmass eventuellen Dopings im Breitensport zu erfassen, antwortete Geyer allerdings: «Sind der Sport Union Schweiz nicht bekannt.»

Fairplay und Teamarbeit entscheidend
Auch der Dopingbeauftragte des Bundesamts für Sport, Matthias Kamber, äusserte sich nur zögerlich. Kamber antwortete auf die Frage, welche Rolle Doping im Breitensport in der Schweiz spielt: «Wenn überhaupt, eine untergeordnete. Wir haben das im Jahr 2000 untersucht und haben keine Dopingfälle gefunden.» Wie auch immer es um die Verbreitung von verbotenen Mitteln im Breitensport bestellt sein mag: Pädagogen warnen, dass der Sport bald nicht mehr taugen könnte als Instrument, um Kindern Werte wie Fairplay und Teamarbeit beizubringen. Eine amerikanische Studie untersuchte im Jahr 2004 2400 männliche Sportler an High- Schools. 56 Prozent dieser Teenager stimmten der Aussage zu: «Erfolgreiche Leute tun alles, um zu siegen, selbst wenn andere das Betrug nennen.» Betrogen werden ist nicht schön. Dieser intuitiven Wahrheit wollen wir zum Schluss noch auf den Grund gehen. Nennen wir es das ästhetische Argument gegen Doping. Denn schliesslich schauen wir uns sportliche Wettkämpfe nicht als intellektuelle Herausforderung an, sondern eben weil sie schön und aufregend sind. Der Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, hat das Betrugsgefühl gut erklärt. Sobald man herausfindet, dass der «bezaubernd schöne Schlag der Nachtigall» gar nicht die «natürliche» Stimme der Nachtigall war, sondern der Bub im Schilfrohr sie nur imitierte, ist die Enttäuschung über den «Betrug» gross, schrieb Kant. So gross, dass «es niemand lange aushalten wird, diesem vorher so reizend gehaltenen Gesange zuzuhören.» Vielen Sportfans ergeht es ähnlich, wenn sie nach einem formidablen Weitsprung oder Radrennen erfahren, dass der Sieger keine «natürliche» Leistung gezeigt hat. Doch auch in diesem Punkt, wir ahnen es bereits, herrscht keine Einigkeit. So schrieb der Sport-Redaktor der britischen Tageszeitung «Financial Times», dass die aufregendsten 10 Sekunden seines Lebens der Sieg von Ben Johnson über 100 Meter bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul waren. Und zwar noch heute, obwohl David Owen natürlich weiss, dass Johnson gedopt war. Begeistert über die «Ochsenkräfte in Johnsons Sprint» schrieb Owen: «Wenn leistungssteigernde Drogen zu einem solchen Spektakel beitragen können, dann sollten wir lang und gründlich darüber nachdenken, ob es wirklich im besten Interesse des Sports ist, sie zu verbieten.» So provozierend sie auch tönen mögen: Stimmen wie die des Sport-Redaktors Owen und des Ethik-Professors Savulescu sind vielleicht besser für den Sport als die Sportfunktionäre meinen. Denn sie machen deutlich, dass das Thema Doping eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit ist, deren Für und Wider immer wieder von neuem ausgehandelt werden muss. Und gleichzeitig ist die geringe Zahl der Befürworter einer Doping-Freigabe wohl der beste Beweis dafür, dass die grosse Mehrheit der Gesellschaft einen Sport ohne Doping sehen will.

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