Dopingexperte Matthias Kamber im Interview

Der Kampf gegen Doping

Der Direktor von Antidoping Schweiz erklärt, wieso es in der Schweiz so wenige Dopingfälle gibt, wer am meisten getestet wird und wo potenzielle Dopingsünder Schlupflöcher finden.

Copyright: Andreas Gonseth

Matthias Kamber, was bevorzugen Sie als oberster Schweizer Dopingbekämpfer: Eine Dopingkontrolle mit negativem Befund oder eine mit einem positiven Resultat?

Meine Zielsetzung ist eine effiziente Dopingkontrolle mit guter Planung, guter Durchführung, freundlichem Auftreten und einem klaren Resultat. Wenn all dies erfüllt wird, ist es für mich egal, ob der Befund positiv oder negativ ist.

Brauchen Sie als Agentur nicht eine gewisse Anzahl aufgedeckter Dopingfälle, um die Effizienz Ihrer Arbeit zu demonstrieren?

Die Wirksamkeit einer Antidopingagentur hängt nur sehr bedingt von der Anzahl positiver Fälle ab. In Ländern wie der Schweiz, in denen ein funktionierendes Rechtssystem herrscht, eine gute Vernetzung besteht, unbestechliche und qualitativ hochstehende Labors zur Analyse vorhanden sind und man keine Angst davor hat, auch grosse Namen rigoros zu kontrollieren, ist die Abschreckung hoch. Dadurch gibt es erfahrungsgemäss weniger Dopingfälle als in Ländern, bei denen keine solchen Strukturen herrschen.

Dann ist die Schweiz auf einem hohen Stand in der Dopingbekämpfung?

Ich würde mal sagen, wir sind auf einem guten Weg. Aber vieles könnte auch bei uns noch besser sein.

Zum Beispiel?

Ein funktionierendes System musste in der Schweiz innert weniger Jahre aufgebaut werden, wir haben ja erst seit 2008 eine unabhängige Agentur. Blutproben beispielsweise sind erst seit 2010 möglich. Oder nehmen wir die Vernetzung mit den Behörden. In Australien arbeitet der Zoll direkt mit der Antidopingagentur zusammen und gibt verdächtige Personen und Informationen weiter. Bei uns ist das aus gesetzlichen Gründen noch nicht möglich. Wir bauen deshalb neu in unserer Agentur eine Ermittlungs-Abteilung auf, die aus zwei Leuten besteht. Auch England oder Amerika besitzen solche Abteilungen. Die Ermittler verfolgen alle Spuren, die sie auf die Fährte von Dopingsündern führen. Dazu gehören Aussagen der Dopingkontrolleure, das Sichten der Blutprofile, die Beobachtung von Leistungsentwicklungen oder auch die Analyse einer Wettkampfplanung. Verdächtige Athleten können so ganz gezielt beobachtet und kontrolliert werden. Damit die Schlupflöcher für Dopingsünder immer kleiner werden, ist die Vernetzung aller Behörden und beteiligten Personen eine wesentliche Voraussetzung,

Wo sind noch solche Schlupflöcher vorhanden?

Kurzfristige Mikrodosierungen sind weltweit aktuell das grösste Problem. Die Zeitfenster, in denen solche entdeckt werden können, sind klein. Auch Peptide, das sind kurzkettige Proteine, die Einfluss auf die Gene ausüben oder das Wachstum beschleunigen können, sind eine Gefahr. Und deshalb ist es so wichtig, dass wir möglichst viele Informationen von allen Seiten verarbeiten, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort einen Missbrauch aufdecken zu können.

Wie sieht es mit EPO oder Blutdoping aus?

EPO ist sicher noch nicht verschwunden, aber auch EPO wird heute eher in Mikrodosierungen eingesetzt und weit weniger flächendeckend als früher. Blutdoping ist immer ein Problem, da auch dort vermehrt mit kleinen Dosen gearbeitet wird und man einen Missbrauch nur mit langfristigen Blutprofilen aufdecken kann. Es braucht Zeit, bis man solche seriös angelegt hat.

Arbeiten Sie daran?

Ja, das tun wir, zum Beispiel auch mit freiwilligen Projekten wie aktuell Clean Water mit den Schwimmern oder Clean Gigathlon, bei denen alle im Projekt beteiligten Sportler regelmässig getestet werden.

Wer bezahlt die Kosten dieser Projekte?

Die Verbände oder Sponsoren. Wir verrechnen dafür nicht den Vollkostenbetrag, da wir von den Informationen ebenfalls profitieren.

Wie hoch sind die Kosten für das Erstellen eines Blutprofils?

Wir benötigen dazu pro Sportler rund sechs bis acht Kontrollen über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr. Das kostet rund 10 000 Franken.

Ein Sportler könnte sich für diesen Betrag also eine reine Weste erkaufen?

Wenn das Blutprofil entsprechend unverdächtig ist - zumindest bis zu einem gewissen Grad - ja. Eine 100-prozentige Sicherheit ist aber auch mit einem sauberen Profil nicht gegeben. Dennoch: Für einen Sponsor eines Sportlers oder eines Verbandes wären Blutprofile - wenn sie von einer unabhängigen Agentur wie von uns gemacht werden - aus meiner Sicht eine sinnvolle Möglichkeit, um aufzuzeigen, dass sie für einen Kampf gegen Doping einstehen und mit Doping nichts zu tun haben wollen.

Fabian Cancellara wird laut eigenen Aussagen rund 50-60-mal pro Jahr getestet, ein Dario Cologna weit weniger. Zu Recht?

Antidoping Schweiz jedenfalls wird er nicht so häufig getestet. Aber die ICU beispielsweise hat die Regelung, dass bei vielen Rennen oder Rundfahrten immer automatisch das gesamte Podest getestet wird, das kann sich je nach Erfolg häufen. Die reine Kontrollzahl sagt aber wenig aus. Als Antidoping Schweiz machen wir lieber sechs bis acht ganz gezielte Kontrollen, als viele deklarierte.

Die Radfahrer werden aber immer noch am häufigsten getestet?

Radsport ist immer noch eine sehr «gefährdete” Sportart, das stimmt. Aber auch in den Sportarten Leichtathletik, Langlauf, Schwimmen oder Triathlon wird häufig Kontrolliert

Wozu wird das 5-Millionen-Budget von Antidoping Schweiz neben den Dopingkontrollen noch eingesetzt?

Damit bestreiten wir möglichst viele Aufgaben in den Tätigkeitsfeldern Kontrollen, Information, Prävention und Forschung. Dabei ist es ein stetes Abwägen, welche Mittel in welchem Masse wo eingesetzt werden können. Der aktuelle Betrag ist die Untergrenze für ein seriöses Programm. Eine zusätzliche Million wäre wünschenswert. Damit könnten wir den Bereich Ermittlungen verstärkt angehen und auch noch gezielter in der Prävention wirken.

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