Das Milliardengeschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln

Etikettenschwindel mit Folgen

Oft steht auf der Verpackung nicht alles drauf, was drin ist. Bei Ernährungssupplementen gilt: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.

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Am Anfang redete sich die deutsche Biathletin Evi Sachenbacher noch auf einen verunreinigten asiatischen Tee heraus. Geschehen an den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi, wo die Dopingkontrolleure das verbotene Stimulans Methylhexanamin im Körper der Skilanglauf-Olympiasiegerin von 2002 und 2010 gefunden hatten. Recherchen führten später zu einem Präparat namens Stem-Enhance, das – angeblich auf botanischer Basis – die Zahl der Stammzellen erhöhen und somit die Regenerationszeit verkürzen könne. Stem-Enhance ist Bestandteil eines Nahrungsergänzungsmittels. Am 14. November 2014 verkürzte der Internationale Sportgerichtshof (TAS) Sachenbachers zweijährige Sperre auf sechs Monate, wie zuvor schon bei anderen «unabsichtlichen» Dopern. Düpiert erklärte die 33-Jährige ihren Rücktritt; fortan wolle sie Ernährungsberatung studieren. Was im Falle des ständig unüberschaubarer werdenden Marktes an Nahrungsergänzungsmitteln vielleicht eine ganz gute Idee ist. Denn was verbirgt sich mittlerweile nicht alles unter dieser Bezeichnung? Nahrungsergänzungsmittel sollten ursprünglich – wie es der Name sagt – die normale Ernährung ergänzen. Nicht mehr und nicht weniger. Vor allem Hochleistungssportler greifen gern zu ihnen, weil dort Vitamine und Mineralstoffe, wie sie auch in normalen Lebensmitteln vorkommen, in konzentrierter Form und hoher Dosierung vorhanden sind, was eine Abdeckung des Bedarfs auch in spezifischen und harten Trainingsphasen möglich macht. Doch wer nicht krank ist, wer nicht unter den Nachwehen einer Verletzung leidet, wer sich obendrein vielseitig ernährt und methodisch trainiert, benötigt im Normalfall keine Nahrungsergänzungsmittel. Darüber sind sich Sportärzte und Trainer weltweit einig. Manfred Donike, der 1995 verstorbene Leiter des Instituts für Biochemie in Köln, postulierte vor fünfundzwanzig Jahren sogar noch etwas pauschaler: «Nahrungsergänzungsmittel produzieren nichts anderes als teuren Urin. Es ist völlig unnötig, sie zu benutzen.»

Doch hier irrte Donike. Denn Nahrungsergänzungsmittel können in gewissen Fällen durchaus nützen. Sie können zum Beispiel Schwangeren helfen, genügend Folsäure aufzunehmen. Oder es kann bei einer Ernährung ohne Milch hilfreich sein, sich über ein Nahrungsergänzungsmittel zusätzlich Kalzium einzuverleiben. Sie können älteren Menschen oder chronisch Erkrankten auch helfen, den Appetit anzuregen. Und eine Studie der Berliner Charité zeigt, dass Obst- und Gemüsesaftkonzentrate die Anzahl der Tage einer Erkältung verringern können. Dass Nahrungsergänzungsmittel auch im Sport Potenzial haben, lässt sich auf der Website von Antidoping Schweiz (antidoping.ch) nachlesen. So stellen Sportgetränke im Ausdauerbereich das Supplement mit dem grössten Leistungspotenzial überhaupt dar. Und Regenerations- und Mahlzeitenersatz-Produkte können die Ausschüttung von Stresshormonen sowie den Abbau von Muskelprotein unterdrücken. Laut antidoping.ch sollten «Supplemente nicht über längere Zeit und ohne individuelle Beratung einer Fachperson eingenommen werden», gleichzeitig bestätigt die Webseite aber auch: «Aufgrund von wissenschaftlichen Studien an gesunden, trainierten Menschen sind bei adäquater Dosierung direkte (schnell eintretende) oder indirekte (zeitlich verzögerte) positive Leistungsbeeinflussungen möglich.» Auch deshalb wohl sind deren Umsätze enorm gestiegen. Im November 2013 schätzte das Düsseldorfer Handelsblatt allein die europäischen Umsätze auf rund sechs Milliarden Euro pro Jahr. Denn Nahrungsergänzungsmittel sind in Europa und Nordamerika mittlerweile fast überall erhältlich: im Supermarkt an der Ecke, im Sportstudio, in Drogerien und Apotheken, vor allem aber im Internet. Als Tabletten, Kapseln, Pulver oder in flüssiger Form. All diese Mittel sind nicht verschreibungspflichtig, weil sie nicht als Medikamente gelten. So müssen sie weder wissenschaftliche noch behördliche Zulassungsverfahren durchlaufen und enthalten mitunter auch Zusätze, die – laut der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) – als Dopingmittel gelten.

Kölner Liste
Einer von Donikes Nachfolgern am Kölner Institut für Biochemie, Dr. Hans Geyer, hat deshalb schon 2001 die sogenannte «Kölner Liste» kreiert, nachdem er 1999 bei einem israelischen Hochspringer Spuren eines kontaminierten Nahrungsergänzungsmittels gefunden hatte. Auf Geyers Liste stehen seitdem, jeweils aktuell, jene Mittel, die nicht nur nach Hersteller-Angaben, sondern vor allem nach den Analysen seines Zentrums für präventive Dopingforschung dopingfrei sein sollten. Jedermann kann sich dort per Internet informieren, von allen Punkten der Welt aus. Umgekehrt sollte man daher von Nahrungsergänzungsmitteln, die nicht auf dieser Liste stehen, die Hände lassen – denn sie könnten kontaminiert sein. In der Schweiz musste dies jüngst ein 48-jähriger Hobbybiker erfahren, der beim Marathon-Klassiker «Grand Raid Verbier-Grimentz» zur Dopingkontrolle antraben musste – und prompt hängenblieb. In seinem Urin liess sich Metandienon nachweisen, ein anaboles Steroid, auch bekannt als Methandrostenolon. Eingenommen hat der regelmässig an Bike-Marathons teilnehmende Sportler (meist in den Top Ten seiner Altersklasse) die Substanz über ein Nahrungsergänzungspräparat, welches er übers Internet bestellte. Die unüberlegte Einnahme ist ihn teuer zu stehen gekommen, denn neben einer zweijährigen Sperre musste der nichtlizenzierte Sportler die angelaufenen Kosten in Höhe von knapp 2000 Franken übernehmen. Dass solches gerade bei Online-Bestellungen leicht passieren kann, hat Hans Geyer, dessen Forschungen in der Szene als weltweite Richtschnur gelten, in den letzten fünfzehn Jahren auch erfahren müssen: «Nahrungsergänzungsmittel werden mittlerweile zunehmend, und zwar weltweit, nicht versehentlich verunreinigt, sondern ganz bewusst gefälscht.» Auch mit unerforschten Hormonen, mit Aufputschmitteln, Medikamenten, deren klinische Erprobungen abgebrochen wurden und die gar nicht erst in die Herstellung gekommen sind oder mit Psychopharmaka. Sogar das einstige Rattengift Strychnin wurde in Nahrungsergänzungsmitteln gefunden; es wurde schon 1994 von dem amerikanischen Wissenschaftler John M. Hoberman in dessen Buch «Sterbliche Maschinen» als Teil der Doping-Mixtur «Caffeine Houdes» ausführlich beschrieben, die vorwiegend im Radsport zum Einsatz kam. Dennoch werden all diese Medikamente und Gifte in Nahrungsergänzungsmitteln versteckt und so an die Frau und den Mann gebracht. Bevorzugt in Europa und Nordamerika. Auf den Etiketten stehen dann irgendwelche Fantasienamen oder oft gar nichts. Die deutsche Anti-Doping-Agentur (NADA) hatte schon 2012 zehn weltweit kursierende Fantasienamen für das von der WADA verbotene Stimulans Methylhexanamin veröffentlicht; inzwischen gibt es weitaus mehr wechselnde Bezeichnungen. Doch hinter keiner steht ein in Europa offiziell zugelassenes Medikament.

«Medizinisches Essen»
Warum so etwas geschieht? Ein Beispiel von vielen: Die klinische Studie eines Experimentalmedikaments wurde abgeschlossen, doch das getestete Medikament wird von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) nicht für die Behandlung konkreter Krankheiten zugelassen. Was nun? Allein, um die entstandenen riesigen Kosten zu minimieren, bleibt nur noch die Flucht ins «medizinische Essen», wie die Forscher Nahrungsergänzungsmittel gern verspotten. So geraten denn von Jahr zu Jahr immer mehr illegale Arzneimittel auf diesen Markt – also versteckt in Nahrungsergänzungsmitteln, auf deren Packungen sie erst gar nicht deklariert werden. Zum Teil sind es Arzneien, die aus gesundheitsgefährdenden Gründen vom Markt genommen wurden oder bereits bei den klinischen Erprobungen geschwächelt haben. Ein Geschäft, das ohne Unterlass weitergeht: So schrieb das Amerikanische Ärzteblatt im Oktober 2014, nach einer Studie über abgemahnte Nahrungsergänzungsmittel hätten drei Jahre darauf zwei Drittel aller monierten Produkte erneut verbotene Substanzen enthalten. In Schlankheitspillen steckte Subtramin, in Potenzmitteln Sildenafil; leistungsfördernde Mittel wurden mit anabolen Steroiden angereichert; beruhigende Präparate mit rezeptpflichtigen Antidepressiva.

Leistungssportler, wo auch immer auf der Welt, greifen dennoch täglich nach Nahrungsergänzungsmitteln; manche benutzen dabei innerhalb eines Monats bis zu zwanzig verschiedene Präparate. So warnt derzeit die australische Anti-Doping-Agentur nicht nur die Besucher von Bodybuilding-Studios, und zwar rund um den Globus, vor einer Droge, die DS Craze genannt wird. Dieses Nahrungsergänzungsmittel enthält nämlich den Baustoff Metamfetamin, früher als Pervitin bekannt. Obwohl der Besitz von DS Craze in den meisten europäischen Ländern und den USA straf bar ist, wird es unter dem Modenamen «Crystal Mets» oder «Ice» als Massenware angeboten. Das förderten unlängst amerikanische Dopingkontrolleure zu Tage. Produkte, die bereits in allzu vielen Fällen die Abnehmer in paranoide Wahnvorstellungen getrieben und zu psychischen Abhängigkeiten geführt haben. Nachrichten, die jedermann täglich lesen kann, wenn er nur will. So hätte auch der jamaikanische Sprint-Olympiasieger Asafa Powell durchaus erfahren können, ob ein von ihm im Sommer 2013 konsumiertes Nahrungsergänzungsmittel mit der verbotenen Stimulanz Oxilofrin versetzt war, das die Ermüdung verzögern kann. Powell wurde 18 Monate lang gesperrt, wenngleich Detlef Thieme, der Chef des früheren DDR-Anti-Dopinglabors Kreischa relativiert: «Der Nachweis sagt gar nichts über Powells tatsächliche Leistungsmanipulation aus.» Möglicherweise habe Powell Oxilofrin, ein Mittel gegen zu niedrigen Blutdruck, nur zur Verschleierung anderer Medikamente verwendet. Oder Powell glaubte, wie so manche andere Sportler, an die angebliche Wirkung eines geradezu Wunder bewirkenden «Zaubermittels».

So wie sogar der grösste Boxer aller Zeiten, Muhammad Ali. Er setzte vor seinem letzten Kampf am 11. Dezember 1981 gegen den gebürtigen Jamaikaner Trevor Berbick auf ein «Zaubermittel», wie er es nannte, ein Nahrungsergänzungsmittel, das bei steter Gewichtsabnahme gleichzeitig auch Kraftzuwachs versprach – ein Widerspruch in sich. Ali wog damals 107 Kilogramm – soviel wie nie zuvor in seiner langen Karriere. Ali erlitt übrigens gegen Berbick eine klare Punktniederlage und sein 2012 verstorbener Trainer Angelo Dundee sagte nach dem «Drama von Bahama», der wochenlang konsumierte «Zaubertrank» habe Ali so geschwächt, dass dieser über keine Reflexe mehr verfügt habe. Heute warnen Boxer, Ringkämpfer, vor allem aber Gewichtheber vor Nahrungsergänzungsmitteln, mit deren Hilfe man bequem das Limit seiner Gewichtsklasse erfüllen könne, ohne an Kraft zu verlieren. Viele dieser Mittel würden das seit 2010 in der EU, den USA und in der Schweiz vom Markt genommene Medikament Sibutramin enthalten, ohne es auf der Packung aufzuführen. Sibutramin hatte bis 2010 weltweit zu mindestens 34 Todesfällen geführt.

Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) führt eine für jedermann zugängliche Liste unentbehrlicher Arzneimittel – Nahrungsergänzungsmittel finden sich nicht darunter. Das Internationale Olympische Komitee (IOK) empfiehlt statt Nahrungsergänzungsmittel «Gesunderhaltung und Regeneration», zumal 15 Prozent der in 13 Ländern erworbenen Produkte Anabolika enthalten würden. Die Europäische Fussball-Union (UEFA) schreibt, Studien über Nahrungsergänzungsmittel, die derzeit bei Fussballspielern en vogue seien, würden beweisen, das diese mit anabolen Steroiden und Stimulanzien kontaminiert seien. Wer sie konsumiere, gehe ein hohes Risiko ein, die Hoffnungen auf Leistungssteigerungen seien trügerisch. Fazit: Wer sich nicht in diesen dubiosen Graubereich begeben will, tut daher gut daran, sich vorgängig gründlich zu informieren, falls er seine Ernährung ergänzen will.