Tour de Tirol: 75 km, 3500 Höhenmeter und ganz viele Emotionen

Wie aus «nie mehr!» ein «nächstes Jahr wieder!» wurde

Tour de Tirol, das sind 10 km am Freitag, ein Bergmarathon am Samstag und ein 23-km-Traillauf am Sonntag. FIT for LIFE-Laufbloggerin Franzsika Greuter war dabei.

Pressebild (Copyright: Tour de Tirol)
Podium der AK W U30 (Copyright: Ulrike Benkart)
Franziska Greuter (Copyright: Tom Fedler)

10 km am Freitagabend, ein Bergmarathon am Samstag und zum Auslaufen ein 23-km-Traillauf am Sonntag. So was hielt ich einst für unmöglich und die Teilnehmenden für verrückt. Bis ich im Juni in Liechtenstein meinen ersten Bergmarathon finishte. Ich stellte fest, dass Berglaufen nicht nur richtig Spass macht, sondern der Muskelkater danach auch geringer ist als bei Strassenläufen. So schien eine Teilnahme an der Tour de Tirol plötzlich realistisch und aufgrund der Schwärmereien meiner Kollegen auch äusserst attraktiv. Dass ich nur zwei Wochen zuvor den Berlin Marathon laufen würde, schien zwar suboptimal, aber das zehnjährige Jubiläum der Tour de Tirol wollte ich mir nicht entgehen lassen. Würde schon irgendwie gehen. Und wie! Und nun stehe ich also vor der Herausforderung, die Tour de Tirol in Worte zu fassen. Keine leichte Aufgabe, aber ich will es versuchen.

Freitag: Söller Zehner, 10 km 106 Höhenmeter

Beim 10-km-Lauf gilt es, dreimal die gleiche Runde zu drehen, welche als «coupiert» angekündigt wurde. Da wir mehrheitlich auf Asphalt laufen, müssen die Oberschenkel abwärts viel Bremsarbeit leisten. Eigentlich ist das Ziel, Kräfte für den Samstag sparen, was aber nicht einfach ist. Zu gross ist die Versuchung, sich von den anderen Läufern, die teilweise nur am Freitag starten, mitreissen zu lassen. Trotzdem bleibt noch Luft, sich am Panorama zu erfreuen. Auf der ersten Runde leuchten die Berge in der Abendsonne, auf der zweiten sind sie ins Dämmerlicht getaucht und auf der letzten Runde kaum noch zu sehen. Die Aufwärmrunde ist geschafft und das erste Finishergeschenk wartet!

Samstag: Kaisermarathon, 42,198 km, 2345 Höhenmeter
Auf der Treppe zum Frühstücksraum stelle ich fest, dass sich die Befürchtung vom Vorabend bewahrheitet: Muskelkater in den Oberschenkeln und nicht zu knapp. Ich verfluche mich dafür, dass ich mich am Vorabend in den abwärts Passagen nicht hatte zurückhalten können. Aber jetzt ist es zu spät. So reihe ich mich kurz vor halb neun mit den knapp 600 anderen Teilnehmern ein. Für jene, welche die Wettkampfbesprechung am Vorabend verpasst haben, wiederholt Organisator Martin Kaindl noch mal den wichtigsten Punkt: «Have fun und lasst euch an den Verpflegungsposten genügend Zeit». Sehr sympathisch. Und dann wird das Rennen mit einem Gewehrschuss gestartet. Zum Glück weiss ich noch nicht, was mich die nächsten 42 Kilometer erwartet.

Da am Sonntag Schuhe mit mindestens 3mm-Profil Pflicht sind, habe ich mir für die Tour extra Trail-Schuhe gekauft. Zur Entscheidung für das Modell trug nicht zuletzt das Schnürsystem mit Schnurschlaufe und einem Stopper bei. Doch genau dieses wird mir nun zum Verhängnis: Am linken Schuh löst sich die Schlaufe und bevor ich zu Ende denken kann, verfängt sie sich im Profil des rechten Schuhs und ich finde mich am Boden wieder. Knie, Hände und Ellbogen bluten, aber scheinen noch ganz. Die Uhr auch. Also aufstehen, Krone richten, weiterlaufen.

Doch die Krone wackelt. Nicht die Wunden beunruhigen mich, sondern der Umstand, dass ich die Schmerzen sehr tragisch finde. Ein untrügliches Zeichen für die Müdigkeit, die ich bisher verdrängt habe. Die anstrengende Woche und der Marathon haben wohl doch Spuren hinterlassen. Die nächsten Kilometer werden richtig lang und es kommen Zweifel auf, ob das hier eine Nummer zu gross ist für mich. Ist im richtigen Moment aufhören nicht auch eine Leistung? Wie würde ich von hier überhaupt zurückkommen? Gibts so was wie ein Besen-Motorrad? Normalerweise ist DNF keine Option. Doch diesmal ist es gerade die Option DNF, die neue Energie bringt. Denn bei der Vorstellung, in einem Besenfahrzeug (das wohl gar nicht existiert), unverrichteter Dinge zurück ins Tal zu fahren, wird mir klar, wie enttäuscht ich wäre und wie sehr ich ins Ziel will. Und diese neue Energie kann ich auch brauchen, denn ab Kilometer 35 folgt nochmals ein sehr steiler Anstieg und der letzte Kilometer gleicht einer Wand.

Der Speaker ist bereits zu hören, aber das Ziel ist nicht zu sehen. Noch 500 m Meter. Wo ist dieses verd… Ziel? Dann endlich ist es in Sichtweite. Noch 50 m, maximal 100 m. Aber sie scheinen endlos. Einen Fuss vor den anderen – und dann über die Ziellinie. Geschafft. Freude kommt aber noch keine auf, es ist einfach nur Erleichterung. Ich sehe wohl auch nicht mehr so frisch aus, denn die Helferin, die mich in eine Wärmefolie hüllt, fragt mich mehrmals, ob alles gut sei. «Ja, ja, danke», versichere ich und lasse mich zur grosszügigen Zielverpflegung führen.

Auch als ich frierend in der Gondel zurück nach Söll sitze, will sich noch nicht wirklich Freude einstellen. Aber eine gewisse Zufriedenheit angesichts des Bergs unter mir, den wir zu Fuss bezwungen haben. Doch in der Wärme kommen dann nicht nur erstaunlich schnell die Kräfte auf, sondern auch Freude darüber, durchgehalten zu haben. Dann werd ich das morgen auch noch schaffen!

Sonntag: Pölven Trail, 23,4 km, 1240 Höhenmeter
Nach dem Startschuss steigt die Strecke schnell an. Kurz darauf bemerke ich mit Schrecken, dass sich das Schnürsystem wieder gelöst hat, diesmal rechts. Eine halbe Sekunde später finde ich mich am Boden wieder. Und noch schneller haben mich zwei nachfolgende Läufer unter den Armen gepackt und wieder auf die Beine gestellt. An dieser Stelle noch mal ein Danke für diese Hilfsbereitschaft und Reaktion! Schnürsystem fixieren, Jacke noch ganz – weiterlaufen, kenn ich ja inzwischen. Wie gestern werde ich in den Abwärtspassagen oft überholt. Es ist allerdings schwierig, die Plätze in den Ansteigen wieder gut zu machen, denn oft lassen die schmalen Wege kein Überholen zu. Diese nutze ich, um in meiner Tasche nach Gel zu suchen und es mit einem Schluck aus der Trinkflasche runterzuspülen. Da heute nur drei Verpflegungsstationen angeboten werden, ist ein Trinkgürtel empfohlen. Die drei Verpflegungsstationen sind zugleich auch mein einziger Anhaltspunkt, wie viele Kilometer wir bereits zurückgelegt haben. Ansonsten habe ich das Gefühl für die Distanz völlig verloren, doch dieser scheinbar zeitlose Lauf gefällt mir. So sehr ich die Schuhe für das Schnürsystem hasse, so sehr liebe ich sie für ihr Profil, mit dem ich mich auf diesem anspruchsvollen Weg doch sehr sicher fühle. Überhaupt macht das hier richtig Spass. Vielleicht, weil ich mir inzwischen gewohnt bin, mit heftigem Muskelkater zu laufen. Vielleicht, weil ich weiss, dass heute keine der Gesamtstarterinnen frische Beine hat. Oder vielleicht habe ich einfach sehr viel Kaffee zum Frühstück getrunken. Und so kann ich auch die Landschaft richtig geniessen, die immer wieder Neues bietet. Schien eben noch die Sonne durch die Wolken, rennen wir nun durch dichten Nebel, der von den Blättern tropft und dem ganzen etwas Mystisches verleiht. Spektakulär auch der Steinbruch, der nur für das Rennen geöffnet wird. Trotz dieser Schönheit bin ich aber froh, als wir den letzten Verpflegungspunkt bei Kilometer 19 erreichen, denn neben der Muskeln ist auch der Kopf von gestern müde und es ist anstrengend, die Konzentration aufrecht zu erhalten.

Die letzten Meter dieser 75 km langen Tour sind geschafft, jetzt geht es durch den Zielbogen. Dahinter lasse ich mir von Unbekannten gratulieren und freue mich mit den nachfolgenden Läufern, die nun ebenfalls im Ziel eintreffen. Ich habe die Tour de Tirol 2015 als 2. Frau in der Gesamtwertung meiner AK abgeschlossen und darf zum Abschluss sogar einen Pokal abholen!

Am Marathon fasziniert mich, beim Start nie zu wissen, was einen erwartet. Auch bei bester physischer Vorbereitung können unangemeldete Situationen auftreten, die den Sportler vor mentale Herausforderungen stellen. Diese Herausforderung ist bei einem Mehrtages-Rennen wie der Tour noch grösser. Läuft ein Tag schlecht, wie bei mir der Samstag, gilt es, nicht aufzugeben und am nächsten Tag mit neuer Zuversicht an den Start zu gehen. So wurde aus dem «Nie wieder!» vom Samstag ein «Hoffentlich kann ich nächstes Jahr wieder teilnehmen»!