Sundown Marathon Singapur

Der Erlebnisbericht von Martin Avi Abraham

Der Sundown Marathon in Singapur wird nachts ausgetragen und zeichnet sich durch tropische Hitze aus. Bei diesem aussergewöhnlichen Setting kommt es schon mal vor, dass die Versuchung grösser ist als die Vernunft.

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Es gibt Dinge, die tut man bar jeder Vernunft; obwohl man weiss, dass man sie bereuen wird. Doch manchmal ist die Versuchung einfach zu gross. Sieben Wochen nach dem letzten Marathon gleich den nächsten anzugehen, gehört zu den eher unvernünftigen Dingen im Leben. Doch der Zufall wollte es, dass ich am 31. Mai 2014 in Singapur war und an diesem Tag der 7. Sudown Marathon ausgetragen wurde. Und wenn es der Zufall so einrichtet, dann muss man auch einmal die Unvernunft siegen lassen und dem Abenteuer eine Chance geben. Und eines sei vorweg gesagt: das Abenteuer hat sich mehr als gelohnt!

Startaufstellung in der Formel-1-Boxenstrasse
Denn wo sonst ausser in Singapur kann man denn bitte noch Startaufstellung in einer F1-Boxenstrasse nehmen und quasi aus den Startklötzen von Hamilton, Vettel und Co. ins Rennen gehen? Gemäss Veranstalter soll ein Teilnehmerfeld von ca. 30 000 Sportlern über drei Distanzen an den Start gegangen sein. Bei gestaffelten Startzeiten - erst die 10-km-Läufer um 22:30 Uhr, dann die Marathonis (mit mir) um 23:30 Uhr und zu guter Letzt das Halbmarathonfeld um 00:30 Uhr - blieb mir ausreichend Zeit, den Start der 10-km-Läufer aus nächster Distanz mitzuverfolgen. Und das nahm sich genau so aus, wie man es haben möchte bei einem Volkslauf: Mächtig Stimmung, Party ohne Ende, durchinszeniert mit ausgesprochen guten Speakern, unterstützt von DJ und Live Band und Warmup-Crew, die dafür sorgen, dass kein Läufer unmotiviert die Strecke in Angriff nimmt. Und zwar bis zum letzten Starter! Denn bei drei Startwellen, die sich über fast 20 Minuten zogen, bekamen alle dieselbe Energie mit auf den Weg wie die allersten, dasselbe gilt für das Marathonstarterfeld, und für das Halbmarathonfeld anzunehmenderweise ebenso. Und es erscheint mir ein wesentlicher Vorteil zu sein, mit einem eigentlichen Startschuss ins Rennen zu gehen und nicht mit 5-, 10- oder 20-minütiger Verspätung, in der die eigene Spannung schon wieder etwas verloren hat.

Ich starte also bestens motiviert, fast schon euphorisch in das nächtliche Singapur und muss auf Anhieb feststellen, allen realistischen Erwartungen zum Trotz, die Anforderungen doch noch unterschätzt zu haben. Es ist drückend heiss, die Luft steht in den Strassen wie in einer Anwärmkammer für die Sauna und sehr viel früher als erwartet, macht sich der Substanzverlust bemerkbar, schon die ersten Kilometer beginnen sich auf dem heissen Asphalt wie Kaugummi in die Länge zu ziehen. Immerhin besteht die Hoffnung, nach 10 km im East Coast Park ein wenig kühlenden Wind abzubekommen. Allerdings, die Hoffnung ist vorerst vergeblich. Spätestens bei Kilometer 12, dort, wo die Halbmarathonschleife nach links über die Fort Road zurück an die Marina führen würde, und noch 10 km geradeaus bis zum Wendepunkt vor Augen, spätestens jetzt kommen Zweifel, an der Sinnhaftigkeit des Unterfangens. Aber es besteht ja noch die Möglichkeit, einen Gang zurückzuschalten und sich von einer hinteren Pacemakergruppe einholen zu lassen. Aber das Shirt wird heute nicht mehr trocken, so viel zu trinken, dass die Blase zum Problem werden könnte, ist rein theoretisch schon nicht mehr möglich. Und noch 30 km vor sich…

Wie lange kann das noch gut gehen?
Um Himmels Willen, was hatte ich mir nur dabei gedacht! Bei Kilometer 15 ist es dann soweit. Während ich den picknickenden Singaporians auf den Wiesen noch neidvolle Blicke zuwerfe, holt mich die 4h30 Gruppe ein, die einen wahren Energieschub auszulösen im Stande sind. Das Tempo passt, so dass ich locker dran bleiben kann, immer noch Reserven, um reichlich Trinkpausen einzulegen. Bis km 20 passt das dann ausserordentlich gut, auch wenn im Hinterkopf bereits schon wieder die Frage hämmert, wie lange das noch gut gehen kann. Dann setzt auch endlich Wind ein, er bläst zwar vorerst von der falschen Seite, mitten ins Gesicht und weht einige der neu gewonnenen Endorphine wieder fort, aber die Aussicht auf die baldige Wende lässt mich auch das durchstehen. Und dann endlich! Km 22, Regen setzt ein. Es ist unglaublich, wie leicht ich glücklich zu machen bin! Und wer das noch nicht erlebt hat, der kann das vielleicht nicht verstehen, aber ist gibt fast nichts Schöneres als im tropischen Regen zu rennen. Meine Körpertemperatur sinkt um gefühlte 5˚C, ich kann das Tempo wieder erhöhen und den Rückstand auf die 4h30-Gruppe wieder massiv verringern. Die Zuversicht steigt wieder und die 10 km bis zum Ende des East Coast Parks - es geht noch immer geradeaus! - erscheinen nachgerade wie ein Kinderspiel. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Der Regen sollte nur ein Strohfeuer bleiben, nach 15 Minuten ist es auch schon wieder vorbei und die drückende Hitze wirkt jetzt umso heftiger.

Mittlerweile habe ich das Gefühl, einen etwas zu engen Helm auf dem Kopf zu haben. Das heisst, Änderung der Strategie, Pausen einlegen ist angesagt. Die «Hydration Stations», die etwa alle 2 km eingerichtet sind, bieten sich dazu vorzüglich an. Ist die nächste in Sicht, heisst es, ins Gehtempo zu wechseln, abzukühlen und dann das nächste Segment in Angriff zu nehmen. Das kostet natürlich Zeit, aber ich kann so immerhin meine Pace bei etwa 7 Minuten einpendeln. Das ist gar nicht mal so schlecht, denn immerhin scheint in der Gegenrichtung der Strom der langsameren Läuferinnen nicht und nicht abzureissen. Und es beginnt Sinn zu machen, dass die Zeitlimite beim Sundown Marathon bei grosszügigen acht Stunden liegt. Endlich ist die Fort Road erreicht und ein wenig Abwechslung der Strecke in Sicht. Jetzt noch der Nicoll Flyover, der schon von weitem mit seiner Steigung bedrohlich wartet und dann aber ist das Gröbste überstanden.

Im Ziel wartet nachts um halb fünf die Party
Km 35 und die Gehpausen werden jetzt ein wenig länger und auch etwas häufiger, aber das Rennen dazwischen ist noch immer fast leichtfüssig, und ausserdem kann man die Gehpausen auch gut für ein bisschen Plaudern nutzen. Aller Focus ist dann aber auf den Zieleinlauf gerichtet. Noch nie habe ich die Finishline so sehr herbei gesehnt, noch nie habe ich sie mir so hart erarbeitet, noch nie habe ich sie so verdient gehabt! Noch vorbei an Marina Sands, um die Kurve phantasiere ich fast, dass die Strecke durch die klimatisierte Mall führen könnte. Tut sie leider nicht, auch egal, es ist nicht mehr weit. Noch über die Fullerton Bridge, der Sound vom Race Village kommt von Minute zu Minute näher. Party wartet, das Ziel wartet, die unzähligen Volunteers stehen noch immer an der Strecke und feuern an. Raffles Boulevard, die Tribünen der F1 Strecke sind in Sicht, die letzten Meter, Zielsprint und geschafft!

Es ist fast 4:30 Uhr morgens, Sonntagmorgen. Aber was kümmert mich die Zeit. Das Zielgelände ist voll von erschöpften, glücklichen Läufern, auch der Grossteil der Halbmarathonläuferinnen ist jetzt wohl im Ziel. Der Strom der Finisher wird wohl noch lange anhalten. Immerhin ist es tröstlich zu wissen, im vorderen Teil platziert zu sein. Das ist zwar auch völlig gleichgültig eigentlich, bedeutet aber, dass ich nicht allzu viel falsch gemacht haben kann. Die Anforderung des Rennens war enorm, zu enorm vielleicht für mich, um meine normale Zeit zu laufen. Aber das war ja schliesslich nicht mein Ziel.

Letzten Endes war der Sundown Marathon in Singapur ein Spaziergang für mich. Im eigentlichen und nicht im übertragen Sinne. Aber ein äusserst eindrucksvoller!

Martin Avi Abraham, 1968 in Wien geboren, lebt, läuft und schreibt in Zürich und Wien - und manchmal in der ganzen Welt. Immer ambitioniert, selten um den Sieg, oft mit sich selber um die Wette. 2013 ist sein Kinderbuch «Lucky der Gecko» im Kommode Verlag Zürich erschienen.