Neujahrsmarathon Zürich 2013

Silvesterabend mit Wildfremden und doch Gleichgesinnten

Erlebnisbericht vom Neujahrsmarathon Zürich, der jeweils in der Silvesternacht um Punkt Mitternacht startet.

Copyright: ZVG/Neujahrsmarathon

Silvesternacht, kurz vor 22 Uhr, Hauptbahnhof Zürich: Alle scheinen nur ein Ziel zu kennen: Eine Party Location! Alle? Nein, eine kleine Truppe leistet erbitterten Widerstand und geht buchstäblich gegen den Menschenstrom. Erkennungszeichen: Sport- statt Handtasche, Wasserflasche statt Bierdose. Ziel: Die neunte Austragung des Neujahrsmarathons in Schlieren.

Doch wieso verbringt jemand Silvesternacht durch die Nacht laufend? Was bringt Läufer aus 26 Nationen dazu, in diesen Vorort von Zürich zu reisen, nur um sich am weltweit ersten Marathon des Jahres in der Dunkelheit abzumühen? Um dies in Erfahrung zu bringen, bleibt nur, sich den Sportlern anzuschliessen und ebenfalls nach Schlieren zu fahren…

Dort angekommen, führt ein kurzer Fussmarsch zur Sporthalle, dem Epizentrum des Laufs. Hier befinden sich praktischerweise neben Garderoben und Startnummernausgabe auch Start und Ziel aller Kategorien. Zudem passieren die Läuferinnen in diesem Jahr die Halle nach jeder 6 –km-Schlaufe und werden dabei von Zuschauern und Helfern kräftig angefeuert. Beim Betreten der Halle kurz nach 22 Uhr herrscht aber noch eine beinahe feierliche Ruhe. Nur der Dresscode (Tights und Laufschuhe) und das Menü (Pasta) verraten, dass es sich hier nicht um eine verspätete Weihnachtsfeier handelt. Auch in den Garderoben ist nichts von der Nervosität und Hektik zu spüren, die sonst bei Läufen oft herrscht. Man könnte die Stimmung wohl am ehesten mit «konzentrierter Ruhe» umschreiben.

Sind hier etwa ausschliesslich Profis am Start? Vermutlich treibt die Aussicht auf den Kategoriensieg und damit eine Jahresweltbestleistung einige Läufer an den Start. Doch das Niveau der einzelnen Teilnehmer ist dabei so breit gefächert wie an anderen Läufen auch. Was ist es dann, was einen dazu bringt, die Silvesternacht rennend zu verbringen? «Dinner for one habe ich schon gesehen», meint eine 12km-Läuferin achselzuckend. Der 59-jährige Marathonläufer, der mit seinem Kollegen bereits zum zweiten Mal extra aus Israel für diesen Lauf anreist, lächelt nur müde, als habe er es aufgegeben, seine Leidenschaft zu erklären. Heute Abend muss er seine Motivation wohl auch nicht weiter erläutern, es geht ja allen gleich. Wie der Westschweizer Roman findet: «Mal ehrlich, wir sind doch hier alle ein bisschen verrückt» und spricht damit einen weiteren Grund für den Neujahrsmarathon an: Die Möglichkeit, den Silvesterabend mit Wildfremden und doch Gleichgesinnten zu verbringen.

Inzwischen geht es gegen Mitternacht, der Start rückt näher und die Läufer scheinen doch noch zu erwachen. Es wird gedehnt, gelacht, Stirnlampen und gar Kostüme werden in Betrieb genommen. Und dann gilt es auch schon ernst: 2012 ist vorüber, schnell wünscht man noch der Person neben sich, die man vor zehn Minuten kennenlernte, «es guets Nöis» und der Neujahrsmarathon 2013 kann beginnen!

Gleich nach der Halle wartet schon das erste Highlight: Vulkane säumen den Weg und geben den Eindruck, durch Goldregen zu laufen! Das Feld zieht sich auch auf dem schmalen Weg entlang der Limmat rasch in die Länge, so dass auch immer wieder ein Blick auf die Feuerwerke der umliegenden Gemeinden riskiert werden kann. Dazwischen ist immer wieder «es guets Nöis» zu hören, sei es von Zuschauern oder einem der fünfzig Helfer, welche ihren Silvester für eine Horde verrückter Läufer einsetzen. Bereits sind die ersten 2 km zurückgelegt und die Strecke führt über eine Brücke auf die andere Flussseite, vorbei am Kloster Fahr Richtung Dietikon. Hier befinden sich kaum Zuschauer, doch bevor Eintönigkeit aufkommen kann, weisen Streckenposten den Weg über die nächste Brücke und es geht bereits wieder Richtung Sporthalle.

Dort ist es definitiv vorbei mit der feierlichen Ruhe, welche vor zwei Stunden noch vorherrschte. Kräftig werden Freunde, Teamkollegen, Verwandte oder auch Unbekannte angefeuert und von Musik und Scheinwerfern unterstützt.

OK-Präsident Roger Kaufmann lässt es sich nicht nehmen, den Rennverlauf persönlich zu kommentieren und die Sieger des 6-km-Laufs zu verkünden. Die Idee zum Neujahrsmarathon entstand aus dem Wunsch heraus, auch selber mal einen Lauf zu organisieren und stiess in seinem Bekanntenkreis sofort auf Begeisterung. Als auf Stadtzürcher Gebiet keine Bewilligung erteilt wurde, fand sich in Schlieren die scheinbar perfekte Alternative: Die Sporthalle Unterrohr bietet nicht nur die nötige Infrastruktur, sondern ist mit ÖV auch gut erreichbar. Zudem ist auch in kalten Nächten die Chance auf eine eisfreie Strecke an der Limmat am höchsten.

Als Roger Kaufmann 2005 den ersten Neujahrsmarathon durchführte, war ihm noch nicht bewusst, dass er fortan seinen Silvester in einer Turnhalle verbringen würde. «Wir rechneten damals mit ungefähr 20 Leute – doch bereits bei der ersten Durchführung meldeten sich über 100 Leute an. Da wussten wir, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Doch den Läufern gefällt es, so mache ich das gerne.» Dass das OK aus Leidenschaft arbeitet, macht den Charakter dieser Veranstaltung aus: Professionell organisiert und doch mit Liebe zum Detail. So erhalten beispielsweise viele Teilnehmer ihren Jahrgang als Startnummer. Zudem wird gänzlich auf finanziellen Gewinn verzichtet, was den Sportlern durch tiefe Startgebühren zu Gute kommt. Dies könnte sich allerdings ändern: Coop als wichtigster Sponsor unterstützte dieses Jahr den Lauf zum letzten Mal. Es ist zu hoffen, dass sich ein neuer Sponsor findet!

Die Freude der Organisatoren am Marathon zeigt sich übrigens auch auf der Website des Laufs, die neben Hintergrundinfos zur Geschichte des Marathons auch eine spannende Berechnung der persönlichen Laufzeiten anbietet. Reinklicken lohnt sich also auch für Läufer, die lieber tagsüber unterwegs sind!

Je länger die Nacht, desto mehr fragt man sich, wieso man sich gewundert hat, was die Läufer hierher treibt. Der Weg ist das Ziel, der Lauf ist der Grund. Und die glücklichen Gesichter der Finisher, die nach und nach über die Ziellinie laufen, geben einem recht.

Wer noch immer zweifelt, dem sei geraten, nicht nach Gründen zu suchen, sondern sich einfach für den Jubiläumslauf 2014 anzumelden. Man darf sicher sein, dass das OK zur zehnten Austragung mit einigen Überraschungen und Neuerungen aufwartet.

Und während andere am 1. Januar verkatert den sportlichen Vorsatz doch auf den nächsten Tag verschieben, wird man vom Muskelkater gerne an einen ganz besonderen Silvester erinnert. Fazit: Einmalig!

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