Mein erster Bergmarathon

«Manchmal ist es vernünftig, ein bisschen verrückt zu sein!»

Unsere Laufbloggerin Franziska Greuter mag eigentlich vor allem schnelle, stimmungsvolle Städtemarathons. Bis sie so verrückt war, sich für einen Bergmarathon anzumelden. Ihr Bericht vom LGT Alpin Marathon 2015.

Copyright: Swiss-Image
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Eine Woche vor dem Start habe ich mich für meinen ersten Bergmarathon angemeldet. Schon seit einigen Jahren schwärmt ein Laufkollege vom Lauf in Liechtenstein, und jetzt möchte ich ihn endlich mal selber erleben. Speziell trainiert dafür hab ich nicht. Doch der Wunsch, mal einen Marathon zu laufen, bei dem allein das Ankommen eine Herausforderung für mich ist, ist stärker als die Bedenken wegen fehlendem Training. Und manchmal ist es ja das Vernünftigste, ein bisschen verrückt zu sein.

Die fehlende Berglauf-Erfahrung versuche ich mit akribischer Vorbereitung am Computer auszugleichen. Ich nehme die Bilder vergangener Austragungen unter die Lupe, rufe alle paar Stunden die Wetterprognosen ab, studiere das Höhenprofil und den Verpflegungsplan. Erleichtert stelle ich fest, dass viele Teilnehmer auf den Bildern mit üblichen Laufschuhen und nicht mit speziellen Gelände-Modellen (neudeutsch: Trailschuhe) unterwegs sind. Und da ich es mit der Verpflegung etwas genauer wissen will, sende ich eine Anfrage an den Veranstalter, die prompt und detailliert beantwortet wird – der erste Eindruck ist also sehr positiv!

Die Wetterprognose wird jeden Tag besser und meine Vorfreude grösser. Ich betrachte das Ganze als ein Experiment mit dem Ziel «ankommen» und gehe ungewohnt locker an die Sache ran.

Hier ist alles ein bisschen entspannter
Im Vergleich zu den gelaufenen Strassenmarathons erscheint mir hier alles ein bisschen entspannter und lockerer. Die Startnummer wird uns ohne Anstehen ausgehändigt, und auch die Gepäckabgabe geht ganz fix. Mein Blick wandert immer wieder auf die Uhr. Ich bin sehr gespannt, was mich die nächsten Stunden erwartet und sehne den Start herbei. Kurz bevor es losgeht, freut sich Vorjahressiegerin Jasmin Nunige darüber, dass ihre Gesundheit einen Start wieder zulässt und verpasst es nicht, allen Teilnehmenden einen schönen Lauf zu wünschen. Eben, alles ein bisschen entspannter und freundschaftlicher hier.

Und dann fällt der Startschuss zu meinem ersten Bergmarathon! Die ersten zehn Kilometer weisen allerdings noch kaum Höhenmeter auf. Meist flach geht es zuerst über Wiesen und dann dem Rhein entlang Richtung Vaduz. Hier, so habe ich mir sagen lassen, heisst es der Versuchung eines zu hohen Tempos zu widerstehen, denn das würde man im Laufe des Tages büssen. Dies ist wirklich nicht einfach, denn ich möchte diese Kilometer so schnell wie möglich hinter mich bringen. Nicht nur, weil ich mich auf die Berge freue, sondern auch wegen der schwülen Wärme. Doch mit einer anderen Läuferin schwatzend vergeht dieses erste Viertel auch in angepasstem Tempo rasch und wir passieren Vaduz. Nach einer Schlaufe vorbei an Strassencafés nehmen wir dann endlich die erste Steigung in Angriff. Schon bald wechseln die meisten Läufer zum Gehen. Eigentlich fühle ich mich fit genug, um hier zu rennen, doch ich fürchte, dass ich dies später büssen würde. Im Ziel wird mir ein erfahrener Bergläufer sagen, dass man rennen solle, so lange man kann. Das merke ich mir fürs nächste Mal!

Immer wieder stehen auch Zuschauer am Strassenrand die uns begeistert anfeuern und so fliegen die Kilometer nur so dahin. Bald ist bei Kilometer 20 auch schon der erste Anstieg geschafft. Bergablaufen zählt nicht zu meinen Stärken und der Rhythmus-Wechsel nach dem langen Anstieg erschwert die Sache zusätzlich. Schon spüre ich den ersten Läufer im Nacken. «Soll ich Dich vorbei lassen?» frage ich. «Nein, nein, dein Tempo ist perfekt!» kommt es von hinten und er werde genügend Abstand halten. Dieser kurze Dialog ist charakteristisch für die Stimmung an diesem Lauf: Obwohl es sich um einen Wettkampf handelt, ist es eher ein mit- denn ein gegeneinander. Und dieser Respekt zeigt sich nicht nur gegenüber anderen Läufern, sondern auch gegenüber der Natur: Erfreut stelle ich fest, dass ausserhalb der Verpflegungszonen keine Becher oder Gelverpackungen zu sehen sind.

Inzwischen ist das Ziel des Halbmarathon Plus zu hören und es gilt der Versuchung zu widerstehen, den Schlusssprint der Halbmarathonis mitzugehen. Die im Jahr 2008 eingeführte Kategorie erfreut sich grosser Beliebtheit, bietet sie doch die Möglichkeit, über 25 km erst mal Bergmarathon-Luft zu schnuppern. Auch als Marathonläuferin könnte ich den Lauf hier beenden und würde automatisch umklassiert. Für einen ganz kurzen Moment ziehe ich diese Möglichkeit in Erwägung. Noch fühle ich mich frisch, doch die verbleibenden 17 Kilometer mit einem weiteren langen Anstieg sind nicht zu unterschätzen. Doch lieber nehme ich das Risiko in Kauf, gegen Ende kämpfen zu müssen, als mich danach noch tagelang zu fragen, ob ich die Marathondistanz geschafft hätte.

Laufen und Lächeln
«Und mit einem Lächeln im Gesicht passiert sie die Halbmarathonmarke» kommentiert der Speaker meinen Durchlauf. Moment, das hier sind 25 km, also Halbmarathon Plus! Aber dem Rest stimme ich zu, «laufen und lächeln» lautet mein heutiges Motto. Und das fällt angesichts der grandiosen Landschaft, der leuchtenden Gänseblümchen und der imposanten Berge auch leicht. Mein Respekt vor dem Rest der Strecke gilt weniger ihrer Länge, als dem Gedanken, dass ich für die 17 km vermutlich noch mehr als zwei Stunden benötigen werde. Berglaufen, so merke ich, fordert Geduld – zugegebene, diese gehört nicht zu meinen Stärken.

Ich werde von einer Läuferin aus meinen Gedanken gerissen, die mich leichtfüssig überholt. «Gut eingeteilt!», bemerke ich anerkennend. «Ich laufe nur Staffel», erklärt sie zu meiner Erleichterung. Ab Kilometer 30 ist meine Ungeduld rechtzeitig für den nächsten Anstieg verschwunden und hat wieder der Begeisterung Platz gemacht. Zu meiner Überraschung und Freude fällt mir das Rennen noch leicht, während viele Läufer wieder zum Gehen wechseln und wenn immer der schmale Bergpfad es zulässt, überhole ich. «Noch 500 m, dann seid ihr beim höchsten Punkt», informiert uns plötzlich ein Helfer an der Strecke. Was? Schon oben? Tatsächlich erreichen wir kurz darauf Kilometer 35 und werden mit einem weiteren grosszügigen Verpflegungsposten belohnt. Ich geniesse, dass es mir heute lediglich ums Ankommen geht und nehme mir noch mal Zeit, mich gut zu verpflegen. Gerne greife ich auch zu den erfrischenden Orangenschnitzen, die ich normalerweise nicht mal vor einem Trainingslauf essen würde. Aber hier ist eben alles ein bisschen entspannter, auch der Magen.

Im nun folgenden schnellen Abstieg bereue ich allerdings, so viel getrunken zu haben, denn mein Magen gluckert verdächtig und hält mich davon ab, noch schneller zu laufen. Zum Glück hatten mich meine Kollegen darauf vorbereitet, dass ab Kilometer 36 unten im Tal das Ziel zu sehen und zu hören ist. Vor dieser Kulisse scheinen die verbleibenden Kilometer länger und härter als alles bisher Gelaufene. Zum ersten Mal blicke ich auch auf meine Uhr und beginne zu rechnen. Wenn nicht noch grosse Gegenanstiege folgen, sollte eine Zeit unter 5 Stunden möglich sein. Das ist vermutlich auch das Ziel der Läuferin, die knapp vor mir läuft und immer wieder auf die Uhr blickt. Doch es folgen Gegenanstiege und dort überhole ich sie wieder. Die Kurve durchs Tal erscheint endlos, doch irgendwann erblicke ich das ersehnte 40-Schild. «Super!» rufe ich der Läuferin von vorhin zu, als sie mich wieder überholt. Noch einmal darf ich das Miteinander hier erleben, denn zu meiner Überraschung ruft sie zurück «Komm auch! Das schaffst du noch!».

Das motiviert mich, noch mal alles zu geben, auch wenn meine Knie mit Schmerzen auf den steilen Abhang reagieren. Plötzlich sind es nur noch 200 Meter, die ich wieder voll geniesse. Und dann, ganz knapp unter fünf Stunden, passiere ich das Ziel und freue mich über meinen ersten Bergmarathon. Gerne möchte ich wissen, ob auch die offizielle Zeitmessung weniger als fünf Stunden ergeben hat, doch auch nach dem Duschen sind die Ranglisten noch nicht da. So belohne ich mich mit einem Gang in die Massage. Kurz bevor ich danach den Zielbereich verlassen will, werden die Resultate meiner Kategorie aufgehängt. Zu meiner Überraschung bin ich als erste der fünf Gemeldeten meiner Kategorie durchs Ziel gelaufen! Die Siegerehrung ist leider bereits vorbei, doch meinen Preis darf ich trotzdem noch abholen. Unter anderem erhalte ich einen Freistart für 2016, der mich besonders freut. Sehr gerne werde ich hierher zurückkehren!

Zufrieden und dankbar
Als ich nach gut zwölf Stunden wieder in Zürich ankomme, verspüre ich eine sehr grosse Zufriedenheit und Dankbarkeit für diesen schönen Tag. Immer wieder hatte ich gehört, dass Bergmarathons muskulär viel weniger belastend sind, als Strassenmarathons. Aber dass ich am nächsten Tag gar keinen Muskelkater verspüre, überrascht mich dann doch. Und so schlage ich alle Lehrbuchmeinungen zur Regeneration in den Wind und laufe spontan noch mal 17 Kilometer und geniesse die Sonne. Manchmal ist es eben das Vernünftigste, ein wenig verrückt zu sein.

Fazit einer Anfängerin: Ich kann den LGT Alpin Marathon gerade auch als ersten Bergmarathon auf jeden Fall empfehlen. Die Möglichkeit, nach 25 km auszusteigen, ist mental äusserst hilfreich. Überzeugt haben mich neben der guten Stimmung und der schönen Strecke auch die perfekte Organisation und das Startgeld, welches angesichts der logistischen Herausforderungen eines Bergmarathons sehr fair erscheint.