Marathon mit überwältigendem Sightseeing-Charakter

30. Hamburg Marathon 2015

FIT for LIFE hat den 30. Hamburg Marathon 2015 unter die Füsse genommen. Der Bericht unserer Lauf-Bloggerin zeigt: Hamburg ist bei jedem Wetter eine sportliche Reise wert!

Copyright aller Marathon-Bilder: Copyright: HochZwei
Der Kenianer Lucas Rotich (Startnummer 5) war als schnellster Läufer nach 2:07:17 im Ziel
20 000 Läuferinnen und Läufer waren am Start
Hansestadt Hamburg mit beeindruckenden Bauten
Sightseeing beim Laufen: der Hamburg Marathon machts möglich
Copyright aller Marathon-Bilder: Copyright: HochZwei
Die letzten liefen im Regen ein
Anfang aller Freuden: der «Fehlstart» der Deutschen Bahn (Copyright: Franziska Greuter)

Hamburg Marathon 2015 Aftermovie

Das Aftermovie zum 30. Haspa Marathon Hamburg vom 26. April 2015

In der Hektik des Alltags merke ich kaum, wie der 26. April näher kommt. Schon ist die letzte Woche angebrochen – höchste Zeit, die Wetterprognosen zu konsultieren. Regen und starker Wind werden für den Marathonsonntag vorausgesagt. «Die Wetterprognosen sind ja recht bescheiden!», maile ich in die Redaktion. «Schlechtes Wetter ist für Hamburg nicht ungewöhnlich,» heisst es zurück. Und ich solle wenigstens ein Fischbrötchen essen und ein Hansabräu trinken. Für eine überzeugte Vegetarierin, die kein Bier mag, die grössere Herausforderung als die 42,195km!

Fehlstart wegen Deutscher Bahn
Der Auftakt zu meinem verlängerten Marathon-Wochenende kann als eigentlicher Fehlstart bezeichnet werden. Mit gepackter Tasche und voller Vorfreude auf das gebuchte 2er Abteil im Schlafwagen stehe ich am Donnerstagabend am Zürcher Hauptbahnhof und erfahre, dass die Citynightline-Züge ausfallen. Grund ist der Streik der Zugführer der Deutschen Bahn. Der sichtlich bemühte Herr hinter dem Schalter erklärt mir, dass der erste ICE am Freitag bereits ausgebucht sei. Er könne mir ein Ticket für den Nachtzug am Freitag geben, allerdings stünden nur noch Sitzplätze zur Verfügung. Fassungslos erkläre ich ihm, dass man sich wochenlang auf einen Marathon vorbereite und eine Fahrt Freitagnacht im Sessel absolut keine Option sei. Doch irgendwann sehe ich ein, dass weder ein guter Ritter noch Jeannine Pilloud mich heute Abend nach Hamburg bringen werden und lasse mir ein Ticket für den Nachtzug am Freitag geben.

Nach einer halbschlaflosen Nacht zu Hause erscheint mir dann eine Nacht in einem «Ruhesessel» wie eine Garantie für einen verpatzten Marathon. Swiss rettet mich mit einem Flug am Freitagabend und so treffe ich mit zwölf Stunden Verspätung im Norden ein. Das schöne Wetter verabschiedet sich soeben aus der Hansestadt…

Startgelände optimal mit öV zu erreichen
Einen Tag später als geplant hole ich dann meine Startnummer auf der Messe ab. Die Befürchtung, am Samstag könne der Ansturm riesig sein, erweist sich jedoch als unberechtigt. Ohne grosses Anstehen erhalte ich meine Unterlagen in einem roten Stoffbeutel – eine nachhaltige Alternative zu den sonst üblichen Plastikbeuteln. Beim Abendessen mit Freunden werden die Rennstrategien besprochen. Wie ich gelesen habe, erhält die sechste Frau noch 500 Euro Preisgeld. Mein Plan ist also, im Windschatten der führenden Frauen zu laufen und damit meinen Flug doch noch bezahlt zu kriegen. Ebenfalls verglichen werden die verschiedenen Wetter-Apps. Die meisten versprechen zwar einige Regenschauer, doch immerhin sieht es nicht mehr nach Dauerregen aus und der Wind wurde aus dem Programm genommen. Neu im Programm sind allerdings die starken Magenschmerzen, die mich im Laufe des Abends heimsuchen. Ich rede mir ein, dass sie bestimmt bald verschwinden würden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die ganze Nacht leide ich an fiesen Krämpfen. Bei Tagwache habe ich den Eindruck, kaum geschlafen zu haben. Insgeheim frage ich mich, ob ich heute wohl ins Ziel kommen würde. Doch erstmal gehts jetzt ins Startgebiet. Dieses befindet sich in den Messehallen, womit es nicht nur mit der U-Bahn optimal erreichbar ist, sondern auch Schutz vor allfälligem Nieselregen bietet.

Schönste Marathonstrecke Deutschlands?
Der Veranstalter hatte sich flexibel gezeigt und aufgrund der Nachfrage das Teilnehmerlimit kurzfristig auf 20 000 erhöht. Dies bedingte eine neue Organisation der Startblöcke. Für etwas Verwirrung sorgen die Familientreffpunkte, die ebenfalls mit Buchstaben beschildert sind und auch langjährige Hamburg-Starter falsch einstehen lassen. Kurz kommt Hektik auf, aber gerade noch rechtzeitig finde ich den Weg zum richtigen Startblock und dann fällt auch schon der Startschuss. Die Masse setzt sich im eher engen Starbereich nur langsam in Bewegung und bewahrt sicher auch einige davor, gleich zu Beginn zu überzocken.

Vor dem Start hat mir ein Wiederholungstäter erzählt, dass Hamburg den Ruf habe, die schönste Strecke in Deutschland zu sein. Nun gut, da dies sein 16. Marathon und zugleich 16. Start in Hamburg ist, fehlen ihm wohl auch die Vergleichsmöglichkeiten. Doch schon auf den ersten Kilometern offenbart sich der Sightseeing-Charakter des Kurses. Über die Reeperbahn, die um diese Zeit beinahe gespenstisch still ist, laufen wir nach Altona und weiter am Fischmarkt vorbei, was unschwer zu überriechen ist. In Gedanken schicke ich ein Fischbrötchen in die Redaktion und folge dem Läufer mit dem T-Shirt «hier geht’s zum Bier». Ebenfalls bereits auf den ersten Kilometern wird klar, dass Hamburg nicht unbedingt das Pflaster für Bestzeiten ist. Neben dem eher langsamen Start verhindern auch die leichten aber merkbaren Steigungen ein wirklich hohes Tempo.

Erfolg ist, unabhängig vom Ergebnis das Beste zu geben
Doch ich wäre heute auch auf einer topfebenen Strecke nicht in Rekordform. Die Bauchschmerzen haben sich nach einem Boxenstopp bei Kilometer Sechs zwar beruhigt, doch ich bin unglaublich müde und das hier erscheint mir enorm anstrengend. «If your legs get tired, run with your hart» lese ich auf dem Schild einer Zuschauerin. Aber wenn ich ehrlich bin, rennt es sich auch nicht von Herzen. Der Stress der Anreise, die Magenprobleme und der fehlende Schlaf haben wohl einfach zu viel Energie gekostet. Der Blick auf meine Zwischenzeiten gibt auch keinen Anlass zur Freude. Ich erinnere mich an die kürzliche Diskussion mit einem Kollegen zur Frage, was Erfolg eigentlich sei. Erfolg ist, so hatten wir uns geeinigt, unabhängig vom Ergebnis das Beste zu geben. Nach dieser Definition ist der Blick auf die Uhr aber sinnlos, kennt sie doch nur das Ergebnis, nicht jedoch meinen Einsatz. So entscheide ich, ab sofort nicht mehr auf die Uhr zu blicken. Oft brauche ich in einem Marathon zehn Kilometer, um warm und wach zu werden, doch diesmal ist das Feuer auch bei Kilometer 18 nicht entfacht und mir wird klar, dass ich heute tief in die mentale Trickkiste werde greifen müssen, um diese Sache in Würde zu Ende zu bringen. Ich teile mir die 42 km in sieben 6 km-Abschnitte ein, wobei jeder Abschnitt für einen Wochentag steht. Je näher das Wochenende kommt, umso besser wird meine Laune. Ich denke auch an die vergangenen zwei Jahre und bin froh, heute immerhin laufen zu können und nicht mit einer Muskelentzündung zu Hause zu sitzen.

DNF ist keine Option
Wieder führt die Strecke an der schönen Alster entlang und ich sehe zwei Jogger, die vermutlich grad einen lockeren Sonntagmorgen-Lauf absolvieren um anschliessend bei einem Kaffee die Beine hochzulagern. So ginge es auch. Wieso genau tu ich mir das hier an? Zum ersten mal drängt sich mir diese Frage auf, die sich angeblich jeder Marathonläufer stellt. Aber da DNF keine Option ist, solange es keine dringenden gesundheitlichen Gründe dafür gibt, kämpfe ich mich weiter von Verpflegungsposten zu Verpflegungsposten, die jeweils mit einem Schild mit Messer und Gabel angekündigt werden. Zu meiner Beruhigung lässt sich das Angebot aber auch ohne Besteck verspeisen. Und das kann sich sehen lassen: Ab Kilometer 20 liegen alle 5 Kilometer Bananen und Gels bereit und fleissige Hände reichen Wasser und Isotonisches. Ein halbes Gel mit Kaffee-Geschmack, das unerwartet gut schmeckt, und ich freue mich bereits auf die zweite Hälfte in ein paar Kilometern. Manchmal funktioniere ich wirklich einfach…

Es läuft! Und macht Spass!
Und dann ungefähr bei Kilometer 30 passiert etwas. Ist es rein mental, weil ich weiss, es sind nur noch zwölf? Hat der Magen endgültig den Kampf gegen was-auch-immer gewonnen? Ist das Koffein endlich im Blut angekommen? Oder ich erwacht? Es läuft! Es macht Spass. Und alleine das freut mich so sehr, dass ich ein Dauergrinsen aufsetzt und mich zwei, drei Mal zu einem Luftsprung animieren lasse. Hier kennt mich ja keiner! Ich habe auch das Gefühl, jetzt schneller unterwegs zu sein, aber ich schaue trotzdem nicht auf die Uhr. Ein bisschen Spannung muss ja sein. Anstatt von Gel zu Gel, hangele ich mich jetzt von Läuferin zu Läuferin, die ich überhole. So ganz habe ich den Überblick nicht, aber ich vermute, dass sich noch mehr als fünf Frauen vor mir befinden. Ich werde meinen Flug also doch selbst bezahlen müssen. Aber das hier ist trotzdem so cool, dass es vollständig für die ersten dreissig Kilometer entschädigt. Das High ist so ausgeprägt, dass ich mich frage, ob ich kurz vor dem plötzlichen Herztod stehe und mein Körper mit einer Überdosis Endorphinen einfach das Ende erträglich machen will. Mein Ende ist bis jetzt zum Glück nicht gekommen, aber das Ende des Marathons schon; worüber ich trotz High nicht ganz unglücklich bin…

Gerade als ich ins Ziel einlaufe, öffnet der Himmel seine Schleusen, doch das ist mir jetzt egal. Nachdem mir die grosse Jubiläums-Medaille umgehängt wurde, gehts zur Verpflegung. Frisches Obst, Gemüsebrühe und Ungesundes – alles, was das Vegetarierinnen-Herz begehrt. Dafür stell ich mich doch auch im Regen an und bin immer noch beeindruckt von den Helfenden, welche für 20 000 hungrige LäuferInnen Obst und Riegel schnippeln. Die grosszügige Zielverpflegung ist eine der Massnahmen, mit welcher der Veranstalter auf den vorübergehenden Teilnehmer-Schwund zwischen 2010 und 2012 reagiert hat. Mit Erfolg! Seit 2013 erfreut sich der Lauf wieder grosser Nachfrage. Die Messehallen ermöglichen, sich trotz Regen noch mit Freunden gemütlich zu treffen und auszutauschen. In Gedanken proste ich der Redaktion mit meinem Erdinger Alkoholfrei zu und ziehe mein persönliches Fazit dieses Marathon- Wochenendes:

1. Die Kluge fährt im Zuge – doch was, wenn der Zuge nicht fährt?
2. Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Oder, wenn Sie es gerne neudeutsch und cool mögen: Expect the unexpected!
3. Am Ende kommt alles gut, und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende (sondern erst Kilometer 26).

Hamburg Marathon 2016 in Kürze
Wann: 17. April 2016
Was: Rundkurs mit Sightseeing-Potenzial und leichten, aber merkbaren Steigungen
Kategorien: Marathon sowie Marathonstaffel
Extras: Im Startgeld inbegriffen sind u. a. Medaille, umfassende Verpflegung auf der Strecke und im Ziel, öV am Marathontag, Massage im Ziel
Stimmung: Stellenweise kaum Zuschauer, aber auch immer wieder eigentlich «Hotspots» mit grossartiger Stimmung
Umweltschutz: Container am Ende jeder Verpflegungszone, Verwendung von Porzellangeschirr und Pfandgläsern an der Pasta-Party