Marathon des Sables 2016

Marco Jäggi rennt für Trinkwasser durch Wüstensand

Marco Jäggi hat am siebentägigen Marathon des Sables teilgenommen, dem härtesten Etappen-Ultramarathon der Welt. Sein Bericht.

Der siebentägige Marathon des Sables gilt als einer der härtesten Läufe der Welt. Erstmals 1986 durchgeführt führt er quer durch die marokkanische Sahara. Die Strecke über 250 km wird jedes Jahr neu definiert. 6 Etappen sind in 7 Tagen zu bewältigen: fünf Etappen zwischen 15 und 40 km und eine Etappe von ca. 80 km. Der Schweizer Marco Jäggi hat auf seinem Lauf durch die Wüste Spendengelder für das Helvetas-Projekt «Trinkwasser Benin» gesammelt. Total kamen über 12000 Franken zusammen, welche direkt in einen Brunnen samt Brunnenwart, Hygieneschulung, Brunnenkomitee, Ersatzteile und Reparaturen flossen.

«Lange habe ich auf diesen Tag gewartet und nun ist es endlich soweit. Ich spüre die Anspannung unter den Teilnehmern förmlich - so viele Schauermärchen habe ich im Vorfeld darüber gelesen und jetzt gibt es plötzlich kein Zurück mehr. Wir sitzen im Car, verlassen bereits die befestigten Strassen und dringen immer tiefer in die unendliche Wüste vor, bis wir die ersten imposanten Dünen von Erg Chebbi erspähen. Für ganze 15 Kilometer soll es am ersten Tag über diese atemberaubende Dünenlandschaft gehen. Doch vorab haben wir zwei Tage zur Akklimatisation an die Sonne und die starken Winde, natürlich inkl. Henkersmahlzeit und Materialcheck.

«Highway to Hell» als Start
Am ersten Renn-Tag pünktlich um 9.00 Uhr erfolgt das erste Mal das Markenzeichen des MdS-Starts. Nein kein Startschuss, sondern das Stück «Highway to Hell» von AC/DC dröhnt aus den Lautsprecherboxen. Mir läuft es noch heute kalt den Rücken herunter, wenn ich nur dran denke. Ich habe mich im vorderen Drittel eingereiht. Langsam setzen sich die Menschenmassen in Bewegung. Keine Renn-Sekunde verstreicht, ohne dass ich mich nicht auf die momentan existenziellsten Dinge konzentriere: Ökonomisch laufen, regelmässig Trinken und Essen und zu jeder 1,5 Liter Wasserflasche zwei Salztabletten schlucken.

Für mich läuft es hervorragend: Die Pace von 6 min/km bestätigt mir das zusätzlich. Ohne grössere Probleme passiere ich unterwegs die beiden Checkpoints (CP). Zwischen dem 2. CP und dem Ziel überhole ich sogar noch die marokkanische Nr. 20. Ich frage mich, ob er sich verlaufen hat...

Laufökonomie heisst: Sand lesen
Die Laufökonomie ist vor allem abhängig von der Wahl des Untergrunds. Laufökonomie heisst, den Sand lesen und immer einen anderen Weg wählen als all die andern. Dann ist man hier klar im Vorteil.

Sand ist nämlich nicht gleich Sand. Auf der Wind-Seite, bei ungestörten Bodenverhältnissen, ist der Sand hart und trägt auch mich mit über 80 kg. Auf Lee-Seite ist dieser locker und tief und raubt einem die letzten Kräfte.

Aus diesem Grund sind andere Wege – raus aus dem Läuferfeld, über Dünen, zusätzliches «rauf und runter» bei Weitem kräftesparender als die Fussstapfen der andern Läufer. Die Strecke wird dadurch natürlich nicht kürzer. Am Ende dieser Etappe lese ich auf meiner Uhr 3 km mehr ab als offiziellveranschlagt. Bis zum Rennschluss sind es weitere 17 Zusatzkilometer.

Nach vier Stunden in der ersten Ziellinie
Nach knapp 4 Stunden erreiche ich die Ziellinie der ersten Etappe. Ich verfüge immer noch über Kraftreserven, hatte einen guten Lauf und mir deshalb sicher, unter den ersten 200 Läufern zu sein. Als mir einer der Organisatoren mitteilt, dass ich auf Platz 24 sei,denke ich zuerst an einen schlechten Scherz. Der anstehende Materialcheck, wie er nur bei den Besten durchgeführt wird, holt mich schnell wieder in die Realität zurück. Nebst der Überprüfung des minimalen Rucksackgewichts von 6,5 kg muss ich sämtliches Pflichtmaterial und Essen vorweisen und darf zusätzlich auch noch ein Autogramm geben. Wow, ich glaube zu träumen.

Mit den Läufern der Elite
Nach dem Abholen von weiteren 4,5 Litern Wasser gehts zum kreisförmig angeordneten Biwak zurück. Das Biwak gleicht im Moment noch einer verlassenen Geisterstadt. «Golden hour» ist nun angesagt. Dabei lagere ich die Beine hoch und spüle den eiweisshaltigen Regenerationsdrink hinunter. Jetzt noch kurz die Steine unter dem Teppich wegräumen, die Feuerstelle machen und Holz einsammeln. Wenig später ist das Zelt 37 komplett. Für die nächsten sieben Tage ist dieser einfache Unterschlupf unser zu Hause. Zusammen mit weiteren fünf Schweizerinnen und Schweizer teile ich den einen Berberteppich. Im Laufe der Zeit entwickeln wir uns zu einem unschlagbaren Team, bei welchem jeder jedem hilft. Der Zelt-Teamspirit ist einfach gigantisch. Da es mir auch bei den Etappen 2 und 3 ähnlich gut läuft, darf ich bei der Long Stage-Etappe (84 km), zusammen mit den Eliteläufern (Top 50), drei Stunden später starten. Ich fühle mich hier ein wenig wie im falschen Film um nicht zu sagen: etwas fehl am Platz. Mit so vielen hochkarätigen Läuferinnen und Läufer stehe ich hier am Start auf einer Linie. Welches Privileg. Ich geniesse jede Sekunde, dies obwohl ich grossen Respekt vor dieser Mammutaufgabe habe. Den Anschluss an die Spitzengruppe zu verlieren ist momentan meine grösste Sorge.

Da ich von Beginn an mein eigenes Rennen laufe und bei mir zudem das Abenteuer und nicht der Wettkampf im Vordergrund steht, kann ich meine Resultate der vergangen Tage wiederum bestätigen. Unglaublich, auch diese Etappe darf ich unter den 30 Bestklassierten beenden. Davon hätte ich nie zu träumen gewagt. Die Marathon-Etappe, als letzte Ranglisten relevante Etappe, gehe ich mit angezogener Handbremse an. Einfach dieses Ding noch nach Hause schaukeln, lautet meine Devise für den heutigen Tag. Der Plan geht vollkommen auf und ich überquere auch die letzte Ziellinie. Geschafft. Einmal mehr haben mich meine Emotionen fest im Griff. Es ist sinnlos dagegen anzukämpfen, aber auch schön diese zu zulassen. Ein Märchen geht zu Ende und gleichzeitig freue ich mich auf meine Familie und die Freunde zu Hause, in der etwas anderen, aber nicht minder schönen Welt.» 

Voraussetzungen
Die Läufer tragen persönliche Utensilien und Verpflegung für das ganze Rennen mit sich. Die Organisatoren stellen nur das tägliche Wasser (ungefähr 9 Liter, abhängig von der Länge der Etappen) und ein offenes Zelt zur Verfügung. Die Läufer müssen mit einer minimalen Überlebensausrüstung wie Schlafsack, Schlangenbiss-Set und 2000 kcal Energie pro Tag ausgerüstet sein. Die sich jährlich ändernde Laufstrecke besteht im Allgemeinen aus felsigen Ebenen, ausgetrockneten Flussbetten und Sanddünen, wobei nur gelegentlich kleine Dörfer durchquert werden. Die Temperatur erreicht tagsüber 40° C und mehr, während sie nachts bis auf 5° C abfallen kann. Der Lauf ist auf ca. 800 Teilnehmer limitiert. Die einzige Anforderung an die Läufer ist eine robuste Gesundheit, die durch eine medizinische Untersuchung überprüft wird.

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