IcebugXperience 2016

Glücksgefühle in atemberaubender Filmkulisse

FIT for LIFE-Leserin Yvonne Ineichen rannte bei der IcebugXperience in Schweden mit. Der dreitätige Traillauf weist Etappen von 21 bis 28 km auf und ist ein Muss für Schweden-Fans.

Horst von Bohlen / IcebugXperience
Horst von Bohlen / IcebugXperience
Horst von Bohlen / IcebugXperience
Horst von Bohlen / IcebugXperience
Horst von Bohlen / IcebugXperience

Ramsvik Rocks
Etwas mehr als 250 Läuferinnen und Läufer stehen am Start im hübschen Campingdorf von Ramvsik. Das Anfangstempo ist für meinen Geschmack ziemlich sportlich. «Hätte ich vielleicht doch in der Walkingkategorie...?» Ich komm gar nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken. Denn ich bin von nun an damit beschäftigt, zu atmen; tief und gleichmässig. Schritt für Schritt. Bald schon bin ich im Flow und fetze durch die Trails. Schlangenlinien durchs Dickicht, um die nächste Kurve und die Welt tut sich auf. Ein Wahnsinn, wie schnell hier das Gelände wechselt. Unendliche Formationen laden zum Tanz auf dem Fels. Und da grätscht mir auch schon mein «Quatschi» in die Szenerie. «Meine Wade zwickt; soll ich gehen oder rennen? Geh doch, Du brauchst Dich nicht zu quälen. Spinnst Du? Du machst jetzt ganz bestimmt keinen auf Weichei. Ja aber. Nichts aber. Lauf weiter! Ach, halt doch die Klappe.» Das Blut donnert durch meine Adern, mein Herz hämmert. Aber solange mein Hirn noch autonom Selbstgespräche führt, kann es nicht so arg um mich bestellt sein.
Der Wind peitscht mir den Regen ins Gesicht und erfrischt herrlich. Irgendwann wag ich den ersten Blick auf meine Uhr, was definitiv ein Fehler ist. Denn von nun an zähle ich jede Minute. Ich pflüge Meter um Meter vorwärts und fühl mich wie eine Fehlbesetzung in einer atemberaubenden Filmkulisse. Endlich sehe ich den gelben Icebug-Käfer auf schwarzem Grund vor mir. Und fühl mich, als hätt ich meine grösste Schlacht gewonnen. Das Lachen wird breiter und spannt bis zu den Ohren. Die Wade auch. Die erste Etappe ist geschafft!

Woods and Islands
Ich bin neugierig, wie sich Aufstehen heute anfühlt. Freudig überrascht: Lockere Beine und fast kein Ziehen in der Wade! Heute gelangen wir mit einem Boot an den Start auf der kleinen Insel Malmön. Die ersten Kilometer der Etappe schleichen wir in diesem malerischen Dörfchen zwischen roten Häusern und bizarren Felsen hindurch. Und dann kommt mein absolutes Highlight des heutigen Tages. Der Weg führt uns durch eine Felslandschaft, die mich so richtig beflügelt. Ich schwebe regelrecht über das Gelände. «Die Fähre geht in 15 Minuten, wenn Ihr Gas gebt, schafft Ihr die», tönts von hinten. Geschafft! Wir setzen über zum zweiten Teil der Strecke. Dieser begrüsst uns mit happigen Steigungen. Ich versuche, locker zu traben und flockig hochzukommen. «Klappt doch ganz gut», klopf ich mir selbst auf die Schulter. Ich trabe vor mich hin. Seit Stunden, so scheint es mir. Irgendwann hab ich das Gefühl, dass nichts mehr geht. Die Schuhe kleben auf dem Asphalt, die Beine brennen. Ich fluche still in mich hinein. «Was zum Teufel tust Du da? Wieso kannst Du nicht einfach mal am Strand liegen?» Die Trails vertragen es nicht, wenn man ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit schenkt. Umgeknickt! Mein Schrei weckt mich und alle anderen um mich auf. Eine Schrecksekunde, doch es scheint alles in Ordnung zu sein. Weiter im Takt. Just in dem Moment, als ich kurz vor dem Aufgeben bin, taucht die letzte Verpflegungsstelle der Etappe auf. Bananen, Zimtschnecken, Riegel, Wasser. Ich fühl mich wie im Schlaraffenland! Der Biss in die Banane lässt die Glückshormone durch meinen Körper donnern. Ich spüre, wie die Energie zurückkehrt. Der kleine Mann im Ohr hält endlich die Klappe. Es sind nur noch wenige Kilometer bis zum Ziel. Und dann, endlich, der Torbogen. Der Icebug strahlt mich an. Ich strahle zurück.

Hunnebo Haute Route

Heute tapse ich noch vorsichtiger aus dem Bett als gestern. Die Frage «Was ist mit meinem Knöchel?» hat mich die ganze Nacht beschäftigt. Ein erster Blick bestätigt: ein bunter, angeschwollener Regenbogen ziert mein Fussgelenk. Vorsichtig auftreten und spüren, ob’s schmerzt. Entwarnung. Starten oder nicht? Für einen klaren Kopf brauche ich ein paar Koffeinkäfer. Nach dem Frühstück steht fest, ich wechsle in die Hiking-Kategorie. «Du kannst ja immer noch rennen, wenn Du merkst, dass es geht», flüstert der kleine Mann im Ohr. Schon bald fällt der Start und ich gehe los. «Hm, fühlt sich gut an. Renn doch ein bisschen. Nein, jetzt noch nicht. Vielleicht in der zweiten Hälfte. Sei kein Spielverderber. Da vorne kommt wieder ein Spielplatz für dich. Felsen ohne Ende und kein Weg, der vorgegeben ist.» Ich ignoriere die Stimmen im Kopf, geniesse jeden Meter, inhaliere die frische Meeresluft, tanke jeden Sonnenstrahl und bin am Dauergrinsen. Und dann trabt es mit mir los. Vorsichtig, gemächlich. Aber es trabt. Irgendwann läuft Emily aus Malmö neben mir her. Schritt für Schritt trotten wir dem Ziel entgegen. Sie ergreift meine Hand und sagt: «Let's do the last meters together.» Hach, ich bin den Tränen nahe. Heute Morgen war ich mir noch nicht sicher, das Ziel zu erreichen und dann: Hüpf ich mit einem Freudenschrei über die Ziellinie.

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