Höhenluft statt Dichtestress

Engadiner Sommerlauf 2015

Tolles Lauferlebnis mit herzlicher Stimmung und wunderbarer Landschaft: Unsere Laufbloggerin Franziska Greuter hat am Engadiner Sommerlauf teilgenommen.

Copyright: Engadiner Sommerlauf
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Im Stargelände herrscht bereits emsiges Treibe, es bleibt ja auch nur noch eine halbe Stunde bis zum Start. Etwas unsicher schaue ich die anderen Läuferinnen an. Wer trägt was? In Samedan schien die Sonne, doch hier in Sils ist es bedeckt und es bläst ein kühler Wind. Ich entscheide mich für kurz-kurz und Sonnenbrille – vielleicht lässt sich die Sonne davon überzeugen. Den Rest gebe ich meiner Kleidertasche ab und mache mich auf den Weg zum Startblock. In diesem Jahr wird erstmals eine Nettozeitmessung angeboten, so dass es keinen Grund gibt, sich vorzudrängeln. Stattdessen sollen sich die Läufer aufgrund der erwarteten Zielzeit in Sektoren einreihen. Ganz vorne stehen die Spitzenläufer aus Kenia und Äthiopien, die sich teilweise hier im Höhentraining befinden und die Gelegenheit für eine Standortbestimmung im Hinblick auf einen Herbstmarathon nutzen. Und einige lockt wohl auch die Aussicht auf die Siegesprämie, auf Antrittsgagen wird beim Sommerlauf nämlich verzichtet.

Kilometerangaben sind Glücksache
Der Startschuss fällt und die Masse setzt sich in Bewegung. Ich bin unsicher, was ich nach einer anstrengenden Woche und einer schlechten Nacht in der Höhe erwarten kann. Zudem weiss ich nicht, wie sich die Luft hier oben auf meine Leistung auswirken wird. Doch meine Beine fühlen sich überraschend gut an, und die ersten Kilometer laufe ich schneller als erwartet. Soll ich Tempo rausnehmen? Noch liegen 23 km vor mir. Andererseits ist zu viel Vorsicht manchmal hinderlich, sowohl im Leben als auch im Laufen. Und so entscheide ich mich, das Risiko einzugehen, auf den Körper zu hören und das Tempo so lange als möglich zu halten. Und der Wind, der mich vor dem Start noch ausgekühlt hatte, hilft mir dabei, denn er scheint oft von hinten zu kommen und schiebt mich richtig am Ufer des ersten von fünf Seen entlang. Schon nähern wir uns dem ersten Verpflegungsposten, an dem grosse und kleine Freiwillige Isotonisches, Wasser, Bananen und Energie-Waffeln bereithalten. Die Waffeln schmecken zwar, kleben aber unangenehm im Mund und ich brauche viel Wasser, um das trockene Gebäck runterzukriegen. Anhand des Verpflegungspostens schätze ich, dass wir uns bei Kilometer 5 befinden, Schild habe ich seit einiger Zeit keines mehr gesehen. Eine halbe Stunde nach Kilometer 4 folgt Kilometer 6! Also diesmal liegt es wohl definitiv nicht an der Höhenluft, sondern hier scheint etwas nicht zu stimmen. Ärgerlich, denn so kann ich überhaupt nicht einschätzen, welche Strecke noch vor uns liegt.

Wunderbares Miteinander
Dieses Problem hat Martin Schäfli bestimmt nicht. Der in Pontresina aufgewachsene Läufer war als 20-Jähriger «aus Blödsinn» beim ersten Sommerlauf dabei und hat seither an jeder Austragung teilgenommen – wenn es sein musste auch mal mit verletztem Knöchel. Und auch wenn die Anreise von seinem neuen Wohnort Interlaken nun einiges länger dauert, wird er am Sommerlauf am Start stehen, solange es die Gesundheit zulässt. Und er weiss wohl auch ohne Kilometerschilder genau, wo auf der Strecke er sich gerade befindet. Dank der Auskunft einer Läuferin mit GPS weiss auch ich nun, dass wir ungefähr zwölf Kilometer zurückgelegt haben. Kurz darauf erreichen wir Pontresina, wo vor einiger Zeit die Teilnehmer des Muragl-Laufs und die Walkerinnen auf die Strecke geschickt wurden. Walker und Läufer auf der gleichen Strecke führen an vielen Anlässen zu Nutzungskonflikten, um nicht zu sagen zu Dichtestress. Doch dank der breiten Wege und der Disziplin der Walkerinnen, an den schmalen Stellen hintereinander zu gehen, funktioniert das Miteinander am Sommerlauf wunderbar.

Wunderbar, so fühle auch ich mich und habe zeitweise das Gefühl, über die Strecke zu fliegen. Nur an den Verpflegungsposten bremse ich jeweils, um zu trinken, denn der Wind trocknet zusätzlich aus. «Nicht stehen bleiben!» ruft mir einer der nachfolgenden Läufer zu. «Ich schaff es einfach nicht, im Rennen aus einem Becher zu trinken», entgegne ich. «Trainieren!» meint er lachend. Na, das ist doch mal ein guter Tipp… Ich erkläre ihm noch, dass ich dies seit 17 Marathons trainiere, aber immer noch nicht auf die Reihe kriege. Sollte jemand einen wirklich guten Tipp für schwierige Fälle haben – nur her damit!

Kuhglocken und Alphornklänge
Und da steht schon das nächste Kilometerschild am Wegesrand, das langsam wieder mein Vertrauen gewonnen hat. Noch drei Kilometer; noch immer läuft es. Die Beine sind zwar etwas schwerer, doch sollte ich das Tempo durchziehen können. Ich freue mich, dass sich das Risiko gelohnt hat. Höhenluft scheint eben nicht nur müde, sondern gleichzeitig auch schnell zu machen! Uund ich kann sogar noch einige Läufer überholen, was mich zusätzlich beflügelt. Dabei erweisen sich die Kopfhörer-Sportler einmal mehr als Herausforderung, da sie nur wenig von der Umwelt mitkriegen und Überholende nicht kommen hören. Schade für sie, denn vermutlich haben sie auch die Rufe der Zuschauer, die Kuhglocken, das Rauschen des Baches und die Alphornklänge nicht wahrgenommen. All diese Klänge haben mich auf den 25 km von Sils nach Samedan begleitet.

Nach dem Erinnerungsgeschenk – ein tolles Funktionsshirt – hole ich mein Gepäck und staune nicht schlecht, als mir der Helfer genau sagen kann, in welcher Reihe ich meine Tasche finde. Während wir gerannt sind, wurde unser Gepäck nicht nur ins Ziel transportiert, sondern auch nach Nummern sortiert. An dieser Stelle ein grosses Dankeschön an all die freundlichen Freiwilligen!

Beim Verlassen des Zielgeländes schaue ich noch den jüngsten Teilnehmern beim Laufen zu. Neben dem Kids Race wird ihnen im Zielgelände ein «Kids Village» geboten, so dass sich der Sommerlauf für die ganze Familie lohnt. Ich blicke auf ein tolles Lauferlebnis mit herzlicher Stimmung und wunderbarer Landschaft zurück. Und ich vermute, dass auch ich trotz der längeren Anfahrt zur weiter steigenden Teilnehmerzahl beitragen werde.

Die besten Tipps für Engadiner Sommerlauf-Teilnehmer
• Die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist von den meisten Ortschaften aus am Veranstaltungstag nicht möglich. Daher frühzeitig eine Unterkunft in Startnähe buchen.
• Die Tasche des Sponsors eignet sich nicht für den Kleidertransport, da sie sich nicht schliessen lässt. Unbedingt einen kleinen Rucksack, Turnbeutel o. ä. mitnehmen.
• Ebenfalls lohnt es sich, Sicherheitsnadeln einzupacken.
• Die Morgenstunden in den Bergen sind kühl! Ein alter Pulli oder ein grosser Plastiksack schützt am Start vor dem kühlen Wind.
• Wenn möglich eine Nacht länger in der Region bleiben und beim Wandern oder Biken in einmaliger Landschaft das Laktat abbauen.