Wer schlägt Johannes Klaebo in Pyeongchang?

Alle gegen Norwegens Loipen-Star

Der erst 21-jährige Norweger ist der Überflieger der aktuellen Langlauf-Saison und in Pyeongchang der grosse Favorit. Wer kann das Ausnahmetalent bezwingen?

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Eigentlich machte Martin Johnsrud Sundby alles richtig. Als er beim ersten Skiathlon der aktuellen Saison das Tempo fulminant und stetig steigerte wie ein Geländewagen, der den Zusatzgang einschaltet, fiel einer
nach dem anderen aus der zehnköpfigen Spitzengruppe zurück. Selbst Johannes Hösflot Klaebo konnte die Pace nicht halten und musste abreissen lassen. Rasch wuchs Sundbys Vorsprung auf über 40 Meter an – das Rennen schien gelaufen. Doch dann tänzelte Klaebo trotz übersäuerter Muskeln federleicht um die letzte Kurve, erhöhte in seiner unnachahmlichen Art, als ob man das Fernsehbild schneller laufen lässt, seine Schrittkadenz und verkürzte den Rückstand wenige hundert Meter vor dem Ziel mit letzter Willenskraft auf Atemdistanz. Im Sprint liess der Jungspund Klaebo dem Dominator der letzten Jahre keine Chance, Sundby resignierte schon eingangs der Zielgeraden. Alles richtig gemacht, aber doch nur Zweiter.

Klaebo schockte zum Saisonbeginn die Konkurrenz. Siege in Sprints im freien und klassischen Stil, in Distanzrennen in beiden Techniken, bei Wettkämpfen mit Einzelstart, Massenstart sowie bei Verfolgungsrennen: Der 21-jährige Norweger vereint die einzelnen Puzzlesteine, die im modernen Langlauf-Rennsport entscheidend sind, in einer bislang ungekannten Perfektion zu einem Ganzen. Er steht auf den Ski, als wären es Alpinlatten und er ein Skiakrobat, er besitzt eine unnachahmliche Antizipation und Explosivkraft, hat trotz seinen jungen Jahren ein enormes Ausdauervermögen und zudem die Fähigkeit und den Biss, eine maximale Sauerstoffschuld unbeschadet überstehen zu können und sich bis an die Grenzen der Erschöpfung zu quälen.

Der perfekte Allrounder 
Doch wie schafft es ein Athlet, die verschiedensten Leistungsfaktoren im Langlauf derart komplett in einem einzigen Körper zu vereinen, wie das bei anderen Sportarten unmöglich scheint? Ein 100-m-Sprinter in der Leichtathletik, der auch über 10 000 m brilliert? Unmöglich!

Für Trainer und Langlaufexperte Christoph Schmid, der lange mit den Schweizer Langlauf-Sprintern arbeitete, ist die Frage falsch gestellt. «Es ist nicht so, dass Klaebo alles perfekt kann, vielmehr hat die FIS die Rennformate derart entwickelt, dass ein perfekter Allrounder wie Klaebo alles gewinnen kann. Gäbe es im Langlaufsport wirkliche Sprintrennen über nur 30 oder 40 Sekunden, dann gäbe es Sprintspezialisten, gegen die Klaebo keine Chance hätte. Und umgekehrt könnte er aktuell auf den ganz langen Distanzen wie bei einem Vasalauf kaum gewinnen, weil auch da Spezialisten am Werk sind, die sich spezifisch darauf
ausgerichtet haben und einem Allrounder überlegen sind.»

Auch wenn Schmids Aussage zutrifft und die aktuellen olympischen Langlaufdisziplinen den alleskönnenden Generalisten ansprechen, ist augenfällig, dass ein Athlet wie Klaebo eine Ausnahmeerscheinung darstellt, wie es sie bislang noch nicht gegeben hat. Seine Kurventechnik ist stupend, jeder Übergang und jeder Schrittwechsel im Timing derart präzise und effizient, dass sein Energieaufwand deutlich geringer ist als bei Athleten, die technisch schwächer unterwegs sind. Erstaunlich dabei: Während der letzten Saison hat man genau diese Eigenschaften auch Martin Johnsrud Sundby und früher Dario Cologna zugeschrieben,
doch Klaebo hat all diese Finessen noch einmal weiterentwickelt. Auch Adriano Iseppi, beim Schweizer Fernsehen seit Jahren Kommentator der Langlaufrennen und einst im Betreuerstab von Dario Cologna, ist beeindruckt vom jungen Norweger: «Klaebo ist nicht einfach ein Talent, sondern ein Riesen-Riesen-Talent. Er läuft extrem explosiv mit brillanter Koordination und einer biomechanisch einwandfreien Technik.»

Wie kann einer alles können?
Geht man auf Spurensuche, woher die aktuelle Dominanz des jungen Norwegers kommt, zeigt sich Erstaunliches. Im Land der Langläufer war der aktuelle Überflieger jahrelang ein unbeschriebenes Blatt. Mit 13 war Klaebo in seiner Kategorie noch unter «ferner liefen» unterwegs, und auch zwischen 15 und 20 gehörte er national unter den Gleichaltrigen noch nicht zu den Besten. Lange also kaum Anzeichen eines Ausnahmetalents, das in ferner Zukunft alle in Grund und Boden laufen könnte.

Klaebos Grossvater, der bis heute die Trainingspläne seines Enkels schreibt, sah das freilich anders und glaubte hartnäckig an die Sportkarriere seines Schützlings. Und weil der norwegische Verband seinen Stützpunkt- und Individualtrainern viel Eigenverantwortung und Eigenständigkeit überlässt und Klaebo in den Jugendjahren nie im Fokus des Interesses stand, konnte der umsichtige Familien- Coach den «Masterplan Weltspitze» derart langfristig anlegen, dass sich sein Enkel in aller Ruhe und extrem polysportiv entwickeln konnte.

Vielleicht sind gerade diese Geduld und Langfristigkeit die entscheidenden Punkte, warum aus dem sportlichen Allerweltsjungen schlussendlich ein Diamant heranreifen konnte. Klaebo musste nicht früh Leistung zeigen, sondern konnte geduldig ohne Erfolgsdruck an allen wichtigen Faktoren schleifen. «Ein Rezept zum Erfolg gibt es zwar nicht», sagt Christoph Schmid dazu, «aber je individueller man das Talent und den Charakter eines Sportlers fördern und entwickeln kann, desto grösser ist die Chance, dass man auch wirklich das Bestmögliche aus seinen Ressourcen herausholt.» Und Adriano Iseppi ergänzt: «In der Schweiz
hätte Klaebo seine Karriere im Jugendalter mangels Leistung vielleicht sogar abbrechen müssen.»

So aber konnte er (ambitioniert) Fussballspielen, mit Langlaufski über Schanzen springen, an der Technik feilen und gleichzeitig auch seine Ausdauerkapazität kontinuierlich und über viele Jahre hinaus entwickeln. Und mit seinem Grossvater an unzähligen Details feilen. «Die beiden übten im Wald stundenlang verschiedene Schritttechniken und verglichen die Zeiten, die damit über kurze Abschnitte erzielt werden konnten», sagt Adriano Iseppi. Dazu konnte Klaebo in Norwegen auch von einer perfekten Infrastruktur profitieren und beispielsweise viel mit den Rollski auf dem Laufband trainieren, obwohl er noch nicht nationale Spitze war. Als Resultat der Bemühungen spurtet Klaebo heute im Klassisch-Stil neben der Spur wie ein Jogger die Hügel hoch, und im Skating erhöht er mit explosiven Schrittsprüngen seine Kadenz derart rasch, dass er die entscheidende Lücke aufreissen kann.

Showdown in Pyeongchang
Nun steht der Showdown in Pyeongchang bevor. Klaebo gegen den Rest der Welt? Christoph Schmid sieht die Favoritenrollen klar verteilt: «Wenn bei Klaebo das Formtiming stimmt, ist er nur sehr schwer zu bezwingen.» Dem stimmt auch Adriano Iseppi zu: «Wenn er seine Dezemberform konservieren kann, ist er der Mann, den es zu schlagen gilt.» Iseppi traut aber auch den Routiniers Martin Johnsrud Sundby und Dario Cologna einiges zu. «Sie haben ihre Form in dieser Saison gezielt auf den Februar ausgerichtet und Dario hat mich an der Tour de Ski sehr positiv überrascht. So gut habe ich ihn seit Jahren nicht mehr erlebt.» Der vierte und vor allem derart überlegene Tour-Erfolg hat dem zweifachen Olympiasieger von Sotschi definitiv Selbstvertrauen eingeflösst. «Für die Olympischen Spiele nehme ich mit, dass ich alle schlagen kann», sagte der 31-jährige Münstertaler nach der Schlussetappe hinauf auf die Alpe Cermis.

Weitere Namen? Da gibt es noch einige, die Klaebo die Show verderben möchten. Der letztjährige Weltcup- Dominator Sergej Ustjugow beispielsweise, der wie Klaebo fulminant in die Saison startete, danach aber an der Tour de Ski Schwächen zeigte. Oder die anderen jungen Russen wie Alexander Bolschunow und Alexey Chervotkin. Oder Alex Harvey, Alexey Poltoranin, Maurice Manificat, Daniel Rickardsson und Sprinter Federico Pellegrino – die renommierten Routiniers, die noch einmal zeigen wollen, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehören. Und auch die restlichen Norweger neben Klaebo und Sundby, die im Dezember
geschlossen an vorderster Front auftraten, an der Tour de Ski aber weit hinter den Erwartungen blieben und verhindern wollen, dass alles nur Klaebo ist, was in Gold glänzt.

Halten die Nerven?
Was für Klaebos Gegner sprechen könnte: Alle erwarten vom aktuellen Überflieger in Pyeongchang die grosse Machtdemonstration. Bei seinen ersten Olympischen Spielen kann der junge Aufsteiger nicht unbeschwert wie zum Saisonstart antreten, sondern muss beweisen, dass er mit einem unglaublichen Druck umgehen kann. In seinem Heimatland ist er quasi aus dem Nichts zum Superstar aufgestiegen und hat sowohl den grossen Abwesenden Petter Northug wie auch den Dominator der letzten Jahre, Martin Johnsrud Sundby, aus den Schlagzeilen verdrängt. Klaebo trägt in Südkorea die Erwartung einer ganzen
Nation auf seinen Schultern. Zum Glück für seine Konkurrenten: Klaebo kann in Pyeongchang nicht alle Rennen bestreiten und wird wohl die 50 km und ein Einzelstartrennen auslassen.

Dort, wo er startet, gilt: Wer mit Klaebo in den Finish kommt, muss sich warm anziehen, man sollte ihn besser vorher auf Distanz halten. Das scheint vor allem dann Aussicht auf Erfolg zu haben, wenn das Tempo konstant über eine lange Zeit hochgehalten wird. Da könnte Klaebos Fundament durch sein junges Alter noch etwas wackliger sein als beispielsweise dasjenige eines Sundbys oder Colognas und irgendwann einbrechen, wenn alle Systeme am Limit laufen. Klaebos Konkurrenten werden sich diese Vorgabe zweifellos zu Herzen nehmen.

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