Was die Faszie für den Bewegungsapparat bedeutet

Interview mit Diplom-Sportlehrer Robert Heiduk

Alle reden von Faszien. Sportwissenschafter Robert Heiduk sagt, wieso das Thema heute so wichtig ist und warum Laufen alleine kein tolles Faszientraining ist.

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Warum Körperbeherrschung der entscheidende Fitnessfaktor ist

Michael Pagelsdorf im Gespräch mit Robert Heiduk

Herr Heiduk, «Faszientraining» ist seit einiger Zeit in aller Munde, doch kaum einer weiss, was das genau ist. Können Sie uns aufklären?

Die neue Faszienforschung betrachtet den Körper im Gegensatz zur klassischen Anatomielehre mit einer anderen Linse. Danach gibt es genaugenommen nicht die Faszien in der Mehrzahl, sondern nur «die Faszie». Als Faszie bezeichnet man die faserige und kollagenhaltige Bindegewebsstruktur, die unseren Körper durchzieht. Dieses Spannungsnetzwerk besteht nicht nur aus den Muskelhüllen, sondern dazu gehören auch Sehnen, Bänder, Gelenk- und Organkapseln. Die Faszie umgibt somit jeden Muskel, jedes Organ, man kann sich das ein bisschen wie einen Spiderman-Anzug vorstellen, der den Körper zusammenhält und als untrennbare Einheit funktioniert. Die Faszie vernetzt den gesamten Körper untereinander und verleiht ihm Stabilität, aber gleichzeitig auch Flexibilität. Der bekannte Ausspruch, dass die Gesamtheit mehr ist als die Summe seiner Einzelteile, gilt für die Faszie ganz besonders.

Das tönt nach Wunderwerk, aber gleichzeitig weiss man immer noch nicht wirklich, was man konkret damit anfangen soll. Wieso ist das Thema plötzlich so wichtig?

Man müsste korrekterweise sagen wieder wichtig, denn die Faszienforschung, die vor 30 Jahren noch Bindegewebsforschung hiess, war schon früher ein Thema. Mit dem Siegeszug der molekularen Medizin ist das in den letzten Jahren allerdings etwas in den Hintergrund geraten.

Was sind die neusten Erkenntnisse bezüglich der Faszie?

Früher war man sich der Bedeutung dieses Netzwerks kaum bewusst, man konnte nicht genau sagen, ob es überhaupt zu etwas zu Nutze ist und wie es funktioniert. Das ist zwar auch heute nicht restlos geklärt, aber durch moderne Messmethoden und neuartige Ultraschallgeräte kann man jetzt die Funktionsweise der Faszie in der Bewegung beobachten, und das hat schon einige neue Erkenntnisse gebracht. So weiss man heute, dass kontrahierende Muskelfasern ihre Kraft nicht nur über die Sehne auf den Knochen übertragen, sondern auch eine erhebliche Kraftübertragung über seitliche Vernetzungen und so auch auf Nachbarmuskeln stattfinden kann. Die Mechanik des Bewegungsapparates kann durch diese Vernetzungen über weitaus mehr Gelenke hinweg beeinflusst werden als bisher angenommen. Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass dauerhafte Verspannungen nicht einfach auf muskulären Probleme beruhen, sondern auch mit der Faszie zu tun haben können.

Was braucht die Faszie, damit sie reibungslos funktioniert?

Das ist im Grunde genommen ganz einfach: Sie braucht vielseitige Bewegungen in möglichst vielen Bewegungsebenen und in alle Richtungen. Sonst droht die Gefahr, dass die einzelnen Schichten, aus denen die Faszie besteht, miteinander verkleben und dadurch Elastizität und Beweglichkeit abnehmen. In der Faszie sind zahllose Rezeptoren enthalten, die Rückmeldungen aller Art geben. Wenn die Faszie nicht mehr geschmeidig ist, können Schmerzen auftreten.

Ist die Faszie jetzt zum grossen Renner geworden, weil heutzutage bei den meisten Menschen die Bewegungsvielfalt nur noch minimal ist?

Ja, das kann man durchaus so formulieren. Die Menschen können mit ihrem Körper nicht mehr umgehen, denn wir «gebrauchen» ihn wortwörtlich genommen nicht mehr. Dafür sind in der Geschichte bislang zwei entscheidende Einschnitte verantwortlich: Erstens die industrielle Revolution, die dazu führte, dass der Mensch im Alltag körperlich nichts mehr leisten muss. Und zweitens die digitale Revolution, die dazu geführt hat, dass der Mensch nicht mehr selber denken, sondern die Dinge nur noch finden muss. Man benötigt den Körper im Alltag zu nichts mehr zwingend. Man kann Zuhause arbeiten, von Zuhause einkaufen, kann sich virtuell mit Freunden treffen. Man müsste eigentlich gar nicht mehr aus dem Haus gehen.

Aber gleichzeitig hat Sport einen recht hohen Stellenwert bei vielen Menschen.

Ja, als Mittel zum Zweck schon. Man will sein Herz trainieren, stark sein, schön aussehen, das ist alles sehr funktionalistisch gedacht. Die Spezialisierungsprozesse, die unseren Alltag zunehmend dominieren, prägen auch das Sportverhalten. Ausdauersportler beispielsweise sind auf monotone, einseitige Bewegungsabläufe konditioniert, sie machen stundenlang dieselben automatisierten Bewegungen. Dabei machen sie sich kaum Gedanken über die Bewegungsqualität, obwohl die meisten schon bei den einfachsten koordinativen Laufübungen scheitern würden. Wenn Ausdauersportler miteinander diskutieren, sprechen sie immer über das Material oder wie viel oder wenig sie trainiert haben, aber nicht über die Trainingsinhalte. Das alles wäre an sich kein Problem, denn Ausdauersport hat viele positive und sehr wünschenswerte Auswirkungen, aber wenn man sich darüber hinaus keinen neuen Bewegungsaufgaben stellt, fehlt die Vielfalt. Wann haben Sie das letzte Mal einen Purzelbaum oder Hampelmann gemacht, sind an einem Reck gehangen oder haben sich an Ringen hochgezogen?
Sie sollten einfach vielseitig in möglichst zahlreichen Bewegungsfeldern unterwegs sein und nicht immer mehr Sachen weglassen, die früher noch selbstverständlich waren. Schauen Sie einmal den Kindern auf einem Spielplatz zu. Die suchen dauernd neue Bewegungserfahrungen, die uns längst abhandengekommen sind. Denen kommt es nicht in den Sinn, 30 Minuten im Kreis herumzurennen. Die entdecken spielerisch immer wieder etwas Neues.

Was wäre denn aus Sicht der Faszie ein sinnvolles Bewegungsverhalten?

Das ist ganz einfach: Turnen, Laufen, Werfen, Springen, Spielen – wenn man das alles macht, pflegt man die Faszie am besten. Wenn man hingegen nur etwas davon macht, vernachlässigt man sie.

Welche Rolle spielt die Faszie für die Propriozeption?

Eine sehr grosse Rolle. Die Faszie ist unser reichhaltigstes Sinnesorgan für die Propriozeption. Propriozeption ist unser körpereigenes Navigations-System, welches bei der Bewegungsregulation extrem wichtig ist. Schauen Sie sich Leistungssportler an, bei ihnen sieht alles immer leicht und locker, ja geradezu mühelos aus. Eine überdurchschnittliche Körperwahrnehmung ist sicherlich ein Geheimnis der Leichtigkeit und Effizienz von Top-Athleten. Deshalb sind Trainingsformen wichtig, welche die Körperwahrnehmung fördern.

In der Fitnessbranche werden praktisch alle neuen Gruppentrainingsformen mit Faszientraining in Verbindung gebracht. Halten die Angebote, was sie versprechen?

Der Hype hat sicher dazu geführt, dass momentan alle auf das Faszienthema aufspringen, was ein bisschen kurios ist. Allerdings muss man der Fitness-Industrie zugutehalten, dass sie nicht einfach nur nach neuen Bewegungsformen sucht, sondern ganzheitliche Trainingsformen wie z. B. Functional Fitness oder Bootcamps auch deswegen wieder aufgekommen sind, weil viele Menschen keine komplexen Bewegungen mehr ausführen und ein Vakuum entstanden ist. Die Inhalte solcher Trainingsformen sind zwar nicht neu, aber durch die rapide Technisierung des Alltags ist die Berechtigung solcher Angebote durchaus vorhanden. Die Teilnehmer merken, dass es ihnen etwas bringt. Schlussendlich läuft immer derselbe Mechanismus ab: Zuerst wird durch die Umweltbedingungen das Verhalten der Menschen verändert, dann verändert sich durch das Verhalten die Funktionsweise des Körpers und dann braucht es wieder etwas, das den Mangel kompensiert.

Ich könnte aber auch Zuhause Seilspringen und den Hampelmann oder die Kerze machen, wenn ich die Faszie trainieren will?

Ja klar, das können Sie. Aber viele machen solche Dinge dann halt doch lieber in der Gruppe oder brauchen eine Anleitung. Eine Anleitung zum Gebrauch des eigenen Körpers.

Ein Verkaufsrenner sind Kunststoffrollen, die zur Selbstmassage gebraucht werden und von denen es heisst, man könne damit Verhärtungen und Verklebungen der Faszie ausmassieren. Was halten Sie davon?

Selbstmassage fördert die Körperwahrnehmung und Regeneration, das ist grundsätzlich positiv. Durch die Massage mit der Rolle wird zudem der Gewebewasseraustausch gefördert. Das Gewebe wird wie ein Schwamm zusammengedrückt und kann sich wieder neu auffüllen.

Gibt es dabei etwas zu beachten?

In der Anfangsphase sind etwas weichere Rollen zu bevorzugen, die nach wenigen Wochen sukzessive durch härtere Varianten ersetzt werden können. Sinnvoll ist ein «Massagewerkzeugkasten», in dem nicht nur Rollen, sondern auch flexible Massagestäbe, Tennis- oder Golfbälle vorhanden sind. Diese «Werkzeuge» machen unterschiedliche Körperpartien besser zugänglich und können ein probates Mittel zur Unterstützung des Wohlbefindens sein.

Ganz neu wird sogar faszienstimulierende Bekleidung angeboten. Mittels eingenähter Silikonnoppen soll die Faszie angeregt und dadurch die Bewegungsqualität verbessert werden.

Ob sich das in der Praxis bewährt, ist offen. Theoretisch zumindest tönt das plausibel, denn auch hier geht es um Propriozeption und Körperwahrnehmung. Und wenn sich Laufsportler während eines Laufs über ihre Körperhaltung Gedanken machen, ist das durchaus zu begrüssen.

Als Faszien-Experte wird praktisch überall Robert Schleip erwähnt. Hat er das Thema im Alleingang in die Medien gebracht?

Robert Schleip ist ein echter Experte auf dem Gebiet im Gegensatz zu vielen selbsterklärten Fachleuten. Er ist als Therapeut ein Praktiker mit enormer Erfahrung und gleichzeitig ist er auch ein Wissenschaftler und umtriebiger Netzwerker, der die grösseren Zusammenhänge sucht. Seine spezielle Stellung in der Faszienforschung ist durchaus berechtigt.