Artikel - FIT for LIFE Magazin

Warten auf den Restart

Laufevents – wie weiter?

Viele Laufevents haben ihr Austragungsdatum in den Herbst geschoben. Ob in diesem Jahr grosse Sportveranstaltungen stattfinden können, steht allerdings nach wie vor in den Corona-Sternen. Was bedeutet das für die Events – und was für die Zeit, wenn es wieder möglich ist?

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Fitnesscenter ja, Schwimmbäder nein, Spitzensportevents unter gewissen Umständen ebenfalls ja, aber Sportevents mit mehr als 15 aktiven Teilnehmerinnen und Teilnehmern nein; so entschied es der Bundesrat Mitte April. Etwas später stellte er in Aussicht, die Regelungen ab Juli deutlich lockern zu wollen, falls es die Situation zulasse. Und dennoch gilt: Die nahe Zukunft sieht für Laufevents alles andere als rosig aus.

Was haben die Veranstalter vor? Der Dinge harren, bis bessere Zeiten anbrechen? Danach wie gehabt mit gleichem Austragungsmodus weiterfahren und auf Teilnehmermassen hoffen? Oder gibt es aus bisher über einem Jahr Corona-Auswirkungen wichtige Erkenntnisse und Veränderungen in der Event-Szene, die neu implementiert werden und langfristigen Bestand haben?

«Wir halten langfristig an unserem Austragungskonzept fest», sagt Beatrice Born, Geschäftsführerin des GP Bern, «denn bei uns ist gerade das Laufen in der Masse unser Markenzeichen. Wir bieten ein emotionales Lauferlebnis mitten durch die Berner Altstadt innerhalb eines kollegialen und sozialen Umfelds. Unser Event macht nur dann Sinn, wenn mehrere tausend Leute zusammen rennen können.» Damit dies 2021 möglich ist, haben die Berner den GP frühzeitig in den Herbst geschoben (9./10. Oktober).

Virtuelle Formen als Ergänzung
Beim Swiss City Marathon (31. Oktober) ist ebenfalls das Lauferlebnis im Kollektiv vor zahlreichen Zuschauern entscheidend, daher möchten auch die Verantwortlichen in Luzern «langfristig am liebsten wieder so arbeiten können wie vor der Pandemie», wie Geschäftsführer Reto Schorno sagt. «Unser Konzept hat sich bewährt und wir glauben, dass es das ist, was die Leute wollen.»

Und wie sieht es bei anderen Veranstaltern aus? Gibt es auch solche, die ihre Konzepte und Ausrichtung völlig neu definieren? «Kaum», sagt Schorno, der auch Geschäftsführer vom Verein Swiss Runners ist mit mittlerweile 41 angehörigen Laufevents. «Neue Formate wie virtuelle Läufe haben zwar ein gewisses Potenzial, aber nicht als Ersatz eines Laufevents, sondern vielmehr als Ergänzung». Tatsächlich haben die Erfahrungen des letzten Jahres gezeigt, dass bei Laufevents, die aus Not virtuelle Ersatzevents durchführten, nur etwa 15-20% der normalerweise gewohnten Starterzahl mitmachen.

Run365
Swiss Runners arbeitet aktuell an einer anderen Alternative zum bestehenden Event-Angebot. «Wir richten fixe Laufstrecken mit Zeitmessungsmöglichkeit ein, damit sich Läufer an verschiedenen Orten in der ganzen Schweiz messen können», so Schorno. «Run365» heisst das Projekt, eine Pilotstrecke rund um den Rotsee ist bereits in Betrieb. Anders als bei anderen virtuellen Rennen laufen die Teilnehmer eine gleiche, offizielle Strecke, die Laufzeiten sind damit direkt vergleichbar. Mit einem Chip für die exakte Zeitmessung ausgerüstet, kann die Strecke täglich absolviert werden. Der Chip, der einmalig 10 Franken kostet, kann universell auf allen künftig installierten Strecken eingesetzt werden, man kann aber auch mit einem Smartphone ohne Chip mitmachen. Swiss Runners will in Abstimmung mit den Laufveranstaltern möglichst bald zusätzliche Strecken definieren.

Gute Erfahrungen mit einer fix installierten Laufstrecke haben im letzten Sommer auch die Veranstalter des Jungfrau Marathons gemacht. Über 2000 Finisher bewältigten ab Lauterbrunnen die Laufstrecke über 9 km und 1’225 Höhenmeter.

Eine äusserst kreative Form eines virtuellen Laufevents hat diesen Frühling «20 km de Lausanne» ins Leben gerufen (www.20km.ch). Auf fix installierten Strecken wurden die Läuferinnen und Läufer beim Absolvieren der Strecke mit Geschichten per Audio unterhalten. Beim Kinderrennen beispielsweise nahm eine Geschichtenerzählerin Gross und Klein auf eine imaginäre Reise mit, um herauszufinden, «was ein Elefant, der See, Schmetterlinge und die Sonne gemeinsam haben». Und auf der 20-km-Strecke begleitete Philosoph und Laufspezialist Michel Herren die erfahrenen Läufer bei «der Entdeckung neuer Freuden, die aus Anstrengung und Leiden entstehen».

Event-Kumulation im Herbst?
Viele Veranstalter haben in diesem Frühling die Flucht nach vorne angetreten und in der Hoffnung auf bessere Zeiten das Austragungsdatum nach hinten geschoben. Reto Schorno vom Swiss City Marathon glaubt daher nicht an die ganz grossen Teilnehmerzahlen, selbst wenn Massenevents wieder möglich sein sollten. «Im Herbst würden doppelt so viele Laufevents ausgetragen wie gewohnt. Es ist aber nicht anzunehmen, dass plötzlich doppelt so viel Laufkundschaft vorhanden ist.»

Einige Events (Frauenlauf, Switzerland Marathon light, Greifenseelauf) arbeiten mit grösseren Zeitfenstern. Die Sportler können so ohne Gefahr häppchenweise auf die Strecke gelassen werden. Ein Umstand, den zahlreiche neue Läuferinnen und Läufer aufgrund der Ruhe und Laufmöglichkeit ohne Hektik begrüssen, andere wiederum lassen sich speziell durch die Menge motivieren und vermissen diese entsprechend, wenn sie praktisch alleine laufen können – oder müssen. Grössere Zeitfenster erhöhen zudem meist auch die Aufwände und Kosten.

Wann kommt der Reset-Knopf?
Die Laufveranstalter warten darauf, bis die Pandemie endlich vorbei ist und sie auf den Reset-Knopf drücken können. Sie sind mit dem Laufboom gewachsen, haben ihre Konzepte über die Jahre an die Bedürfnisse der Läufer angepasst und sehen keinen Grund zu grundsätzlichen Anpassungen. Doch glauben wirklich alle Veranstalter daran, dass die Bedürfnisse der Laufsportler immer noch exakt dieselben sind wie vor Corona und sich Massen an den Start drängen, wenn die Events wieder uneingeschränkt öffnen können? «Unwahrscheinlich», sagt Markus Ryffel, Organisator vom Greifensee- und Frauenlauf sowie von den Fun-Events Survival Run und Santa Run. «Gut möglich, dass wir in Zukunft mit anderen, tieferen Teilnehmerzahlen rechnen und unsere Konzepte entsprechend anpassen müssen.»

Leichter würde es dadurch für die Events, die von der Pandemie stark getroffen sind, definitiv nicht. Weniger Teilnehmer sind gleichbedeutend mit weniger Einnahmen sowohl auf Teilnehmer- wie auch auf Sponsorenseite, da die meisten Sponsoren bei der Höhe ihres Engagements die Teilnehmerzahl prioritär gewichten. Eine Basis-Infrastruktur benötigt zudem jeder Event und je mehr Teilnehmer mitmachen, desto rentabler kann ein Event haushalten.

Ob die Teilnehmer höhere Startgelder schlucken oder auf billigere Events ausweichen würden, ist schwierig vorauszusagen. Was sicher ist:  Nicht nur die Veranstalter hoffen auf eine baldige Öffnung, sondern auch alle Sportlerinnen und Sportler, denen sowohl Ziele wie Motivation weggebrochen sind.

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