Vorhofflimmern bei ambitionierten Sportlern

Interview mit Kardiologe Christian Schmied

Christian Schmied, Leiter der Sportkardiologie am Universitätsspital Zürich, über Vorhofflimmern im Zusammenhang mit ambitioniertem Ausdauersport.

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Christian Schmied, was genau passiert bei einem Vorhofflimmern?

Bei einem gesunden Menschen schlagen die Vorhöfe des Herzens im gleichen Rhythmus wie die Herzkammern. Der Impuls für den gewohnten Herzschlag geht dabei vom Sinusknoten aus. Bei einem Vorhofflimmern werden die Herzschläge nicht durch diesen Impuls, sondern unabhängig davon durch elektrische Störfelder im Reizleitungssystem des Herzens verursacht – meistens aus dem Bereich der Lungenvenenmündungen im linken Vorhof. Die Vorhöfe schlagen unkontrolliert – sie beginnen zu flimmern. Die Pumpaktivitäten der Vorhöfe und der Herzkammern sind nicht mehr aufeinander abgestimmt.

Wie wird das von den Betroffenen wahrgenommen?

Viele spüren ein Herzrasen mit einem hohen, unregelmässigen Puls und einen deutlichen Abfall der körperlichen Leistungsfähigkeit. Nicht immer aber wird ein Vorhofflimmern von den Betroffenen bewusst wahrgenommen.

Wie hoch kann der Puls beim Vorhofflimmern ansteigen?

Die Pulsfrequenz beim Vorhofflimmern variiert stark. Die Flimmerimpulse feuern mit sehr hohen Frequenzen von 500–600 pro Minute aus dem autonomen Zentrum. Der sogenannte AV-Knoten, am Übergang von den Vorhöfen zur Kammer, bremst diese Impulse glücklicherweise ab. So schlagen die Herzkammern letztendlich häufig mit Frequenzen um 100–150 pro Minute. Es können aber auch deutlich langsamere Herzfrequenzen resultieren.

Wie gefährlich ist ein Vorhofflimmern?

Das Vorhofflimmern als Herzrhythmusstörung an sich ist in der Regel noch nicht gefährlich, aber durch das Flimmern, die Vibration und der damit verbundenen Verlangsamung des Blutflusses im Vorhof staut sich quasi das Blut in den Vorhöfen – wodurch im Herz vermehrt Blutgerinnsel gebildet werden, die in den Kreislauf geschwemmt werden können. Wenn ein solches Gerinnsel bis zur Gehirnarterie transportiert wird und diese verstopft, kann das im Extremfall zu einem Hirnschlag führen. Die Ursache für ein Blutgerinnsel ist häufig ein bisher unbehandeltes Vorhofflimmern.

Sind Sportler mehr oder weniger vom Vorhofflimmern betroffen als Nichtsportler?

So positiv viele Auswirkungen häufigen Sporttreibens sind – beim Vorhofflimmern muss man leider sagen, dass ambitionierte Ausdauersportler ein grösseres Risiko aufweisen als solche, die nur wenig trainieren. Klassische Kandidaten sind Männer ab 40, die seit vielen Jahren sehr häufig und auch intensiv trainieren, klassischerweise im Lauf-, Rad-, Langlauf- oder Rudersport.

Wieso ist das so?

Sportler, die schon lange und oft trainieren, entwickeln als Begleiterscheinung des Trainings ein Sportherz. Durch eine Vergrösserung der Herzhöhlen kann das Herz sein Schlagvolumen erhöhen und pro Herzschlag mehr Blut und damit mehr Sauerstoff transportieren. Je grösser aber der Vorhof wird, desto grösser ist auch das Risiko, dass dieser ins Flimmern gerät. Es braucht zwar meist einen Trigger, damit ein Vorhofflimmern ausgelöst wird wie beispielsweise Alkohol, ein Infekt oder auch Stress, aber bei Ausdauersportlern muss dieser Trigger nicht mehr so gross sein, da kann allenfalls bereits eine Elektrolytverschiebung ausreichen.

Gibt es noch andere Risikofaktoren?

Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Schilddrüsenerkrankungen oder auch Alkoholsucht können Ursachen sein. Auch Übergewicht erhöht das Risiko.

Sind vorwiegend Männer gefährdet?

Die wissenschaftlichen Daten zeigen ein etwas häufigeres Auftreten bei Männern, und auch strukturelle Sportherzveränderungen zeigen sich häufiger bei männlichen Athleten, allerdings sollte der Problematik bei Frauen keinesfalls weniger Beachtung geschenkt werden.

Wie soll man sich verhalten, wenn man ein Vorhofflimmern feststellt?

Wenn man das Gefühl hat, an einem Vorhofflimmern zu leiden, sollte man das auf jeden Fall rasch und verzugslos abklären lassen. Wenn die Diagnose feststeht, gibt es verschiedene Optionen. Und die hängen natürlich auch davon ab, ob es sich um einen 85-Jährigen handelt, der sich nur noch sehr wenig bewegt oder um einen 40-Jährigen, der unbedingt weiter Sport treiben und Wettkämpfe bestreiten will. Das Wichtigste ist die rasche Beurteilung, ob das Risiko für ein Blutgerinnsel so hoch ist, dass das Blut medikamentös verdünnt werden muss.

Wie sehen die verschiedenen Optionen aus?

Bei einem älteren Patienten kann eine medikamentöse Frequenzkontrolle sinnvoll sein mit gleichzeitiger Einnahme von Blutverdünner. Bei einem Sportler wird meist eine Rhythmuskontrolle angestrebt, mit Medikamenten und ebenfalls Blutverdünner. Häufig führt die medikamentöse Rhythmuskontrolle aber zu einer Minderung der sportlichen Leistungsfähigkeit, weshalb das viele Sportler nicht möchten. Daher wird bei Sportlern häufig ein kathetertechnischer Eingriff gewählt, eine sogenannte Ablation, bei der die Stellen, wo die elektrischen Fehlimpulse auftreten, verödet werden. Bei einer Ablation beträgt aber beim ersten Mal die Erfolgsrate nur etwa 60–70 %. Bei einem zweiten Eingriff erhöht sich diese auf rund 90 %. Zudem muss erwähnt werden, dass der Eingriff ein – wenn auch relativ geringes – Risiko für potenziell relevante Komplikationen aufweist. Für einen Sportler ist eine erfolgreiche Ablation aber letztendlich ein grosser Benefit, weshalb sich viele dafür entscheiden. Eine drastische Reduktion des Trainings könnte ebenfalls zu einem gewissen Rückgang der Sportherzveränderungen und somit zu einer Abnahme des Vorhofflimmerrisikos führen. Dieses Vorgehen kommt für die meisten Sportler allerdings verständlicherweise nicht infrage.

Ist das Herz nach einer erfolgreichen Ablation wieder völlig gesund?

Ja. Das Herz kann nach einem erfolgreichen Eingriff wieder voll belastet werden. Aktuell empfehlen wir bei entsprechendem Risiko ein Weiterführen der prophylaktischen Blutverdünnung, da ein Wiederauftreten der Rhythmusstörung, gerade bei einem Fortführen eines hohen Trainingsvolumens, möglich ist.

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