Artikel - FIT for LIFE Magazin

Veloland Schweiz

Die Fahrradverkäufe explodieren

Die Schweiz ist ein Land von Velofahrern, wie die Verkaufszahlen des letzten Jahres zeigen. Dominiert wird die aktuelle Angebotspalette von E-Bikes aller Art.

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Über eine halbe Million Fahrräder kauften die Schweizer im letzten Jahr. Mindestens, muss man ergänzen, denn die Lager waren Ende Jahr leer. Und in der offiziellen Statistik des Verbands der Schweizer Fahrradlieferanten «Velosuisse» sind ältere Modelle, die bereits in den Vorjahresstatistiken verbucht wurden, nicht erfasst.

Auch im neuen Jahr verzeichnen die Fahrradhändler Umsätze wie nie zuvor, doch anders als im Sommer 2020 sind die Lager der Händler nun wieder gefüllt und die Lieferketten funktionieren. Aktuell muss daher niemand Angst haben, kein Velo zu finden, nur bei besonderen Wünschen und Modellen gibt es Lieferengpässe.

Elektro-Boom
Von den über 500000 verkauften Fahrrädern 2020 fallen 170000 Stück auf E-Bikes. Und die Verkaufskurve zeigt weiterhin nach oben. Schaut man sich die aktuellen Webseiten der grossen Hersteller und die Angebote von Händlern wie Intercycle, Bike World (Migros), Ochsner Sport oder auch Velo Plus an, dann dominiert das Thema E-Bike in allen Varianten – und vorwiegend in astronomischen Preisklassen. Die Schweiz befindet sich velomässig definitiv unter Strom. E-Bikes bescheren der Branche die aktuell grösste Wertschöpfung entsprechend werden sie an allen Fronten und mit aller Kraft gepusht.

Aus gesundheitlicher Sicht werden sich Präventivmediziner über die Entwicklung freuen, denn mit elektrischer Unterstützung radeln neu auch Menschen in der Gegend herum, die vorher ihr Fahrrad in der hintersten Kellerecke versteckt hatten. Die neuen Nutzer überfordern sich mit E-Bikes körperlich kaum, denn der Unterschied zu muskelbetriebenen Untersätzen ist enorm und die Gefahr einer kardiologischen Überanstrengung gering.

Auch wirtschaftlich und touristisch hört man nur Lobgesänge auf die genussreiche Fortbewegungsart mit Motorenunterstützung, neue Angebote schiessen schweizweit wie Pilze aus dem Boden. Trotz aller Euphorie sollte die Branche aufpassen, dass sie nicht irgendwann einem Kurzschluss erliegt. Die energiereiche Herstellung, die relativ kurze Lebensdauer, aufwändige Wartung sowie wenig umweltgerechte Entsorgung von E-Bikes bzw. Batterien sind Themen, die aktuell komplett aussen vorgelassen werden. Und anders als bei Esswaren oder mittlerweile auch in der Bekleidungsindustrie ist das Thema Nachhaltigkeit in der Fahrradbranche noch nicht angekommen.

Neue Bequemlichkeit?
Es gibt definitiv zahlreiche Gründe, die für E-Bikes sprechen. Neue Motivation für bisherige Bewegungsmuffel, Anreiz für Autopendler, aufs Fahrrad umzusteigen, Ausnivellierung von Leistungsunterschieden bei Paaren und Gruppen, neue Bewegungsmöglichkeiten für ältere Menschen oder vereinfachte Lastentransporte. Doch es ist kaum anzunehmen, dass alle der 170000 Menschen, die im letzten Jahr ein E-Bike gekauft haben, einen der obengenannten Gründe für sich beanspruchen können. Viele Neukäufer waren wohl bereits vor dem E-Bike auf einem Velo unterwegs und haben dank dem neuen Untersatz auch nicht ihr Auto verkauft, sondern sie geniessen schlicht und einfach mit dem Zusatzschub einen vergrösserten Aktionsradius und eine neue Bequemlichkeit. E-Bikes erobern nicht nur die Städte und Agglomeration, sondern dringen grossflächig auch in Alpentäler und auf Passhöhen vor.

Elektronik-Branche als «Vorbild»
Sicherlich – jeder Kilometer, der mit dem E-Bike statt mit dem Auto zurückgelegt wird, ist ein guter Kilometer. Doch was passiert in ein paar Jahren mit den 170000 Batterien, die entsorgt werden müssen? Bei E-Bikes sind nicht nur die reinen Produktions- und Entsorgungsaufwände beachtlich, sondern bedenklich ist eine andere drohende Entwicklung, die in der gegenwärtigen Euphorie kaum thematisiert wird: Die Produktions-Maschinerie in der E-Bike-Herstellung verläuft bisher in den vorgespurten Schienen der Elektronik-Branche. Will heissen: Jeder Hersteller kreiert einen eigenen Standard, die Lebensdauer der Produkte wird nur marginal gewichtet und langfristige Reparaturmöglichkeiten werden kaum in die Planung miteinbezogen.

Das Risiko, dass man bereits in wenigen Jahren keine Ersatzteile mehr für sein heute erstandenes E-Bike findet, ist gross. E-Bikes haben viel und zunehmend mit Elektronik zu tun, und die Kommunikationsbranche hat (leider) vorgezeigt, wie wenig Langlebigkeit ein Thema ist, und in welch unglaublichem Takt elektronische Geräte erscheinen und wieder verschwinden. Nach bereits kurzer Lebenszeit ist eine Reparatur rasch teurer als ein neues Gerät. Die Veloindustrie will den aktuellen Schwung natürlich nutzen und kümmert sich daher vorerst primär um den Absatz und nicht um ressourcenschonende Produktion oder Langlebigkeit.

Konsument bestimmt mit
Hier kommt der Kunde ins Spiel. Der entscheidende Punkt, den sich potentielle Käufer überlegen sollten: Wenn ein E-Bike, dann so wählen, dass der Einsatzzweck passt und es eine möglichst lange Lebensdauer besitzt. Nur wenn die Lebensdauer für den Kunden im Vordergrund steht, wird sich das auf die Produktionsketten auswirken. Das gilt übrigens nicht nur fürs E-Bike.

Doch aktuell sind nicht nur Stromvelos auf der Überholspur. Das Fahrrad ist generell hoch im Kurs, die Absatzzahlen erreichen in allen Sparten Höchstwerte. Und das ist eine erfreuliche und definitiv auch langfristige Entwicklung, die noch länger Bestand haben wird. Der Markt hat sich aufgrund der riesigen Nachfrage in unzählige Einsatzbereiche diversifiziert. Ob City-Bike, Alltagsvelo, Stadtflitzer, Marathonbike, Freeride- und Downhillbike, Touren- und Trekkingrad, Rennvelo oder Gravel-Bike: Fahrräder als Transportmittel sowie Freizeit- oder Fitnessgerät gibt es in allen Ausprägungen, und jedes Einsatzgebiet bietet ein riesiges Angebot an passenden Untersätzen. Auf den folgenden Seiten präsentieren wir Ihnen die wichtigsten Fahrradgattungen samt Trends und Entwicklungen. Gute Fahrt!

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