Unsupported bicycle races

Gemeinsam einsam

«Unsupported bicycle races» schiessen weltweit wie Pilze aus dem Boden und bieten Abenteuerfeeling, Landschaftserlebnisse sowie harten Sport.

Copyright: ZVG Biking Man Oman

Dass wir in einer schnelllebigen Zeit leben, ist nichts Neues. Und dennoch erstaunt es immer wieder, wie rasch Ideen umgesetzt, Trends geboren und daraus langlebige Bewegungen entstehen, von denen man zunächst kaum etwas mitbekommt. Oder hätten Sie etwa gedacht, dass es jährlich bereits Hunderte «self supported» respektive «unsupported» Velorennen auf der ganzen Welt gibt?

Mountainbikerennen aller Art haben sich längst etabliert, ebenso Strassenradevents über alle möglichen Alpenpässe, bei denen die Teilnehmer an jeder Kreuzung mit Hinweistafeln geführt und regelmässig auch kulinarisch umsorgt werden. «Self supported bicycle races» hingegen befriedigen neue, bisher ungewohnte Ansprüche. Immer mehr Zweiradfans möchten ihre Lust nach Abenteuern in abgelegenen Gegenden und die Sehnsucht nach mehr Eigenverantwortung in die Wirklichkeit umsetzen – und doch nicht ganz alleine unterwegs sein. Möglich machen dieses Vorhaben innovative Veranstalter, massgeschneidertes Equipment und immer raffiniertere technologische Navigationsmöglichkeiten.

Pioniere geniessen Kultstatus
Bei den «self supported bicycle races» handelt es sich um Radrennen, die ohne fremde Hilfe oder Unterstützung von aussen absolviert werden. Und dies möglichst in spektakulären Landschaften, über meist sehr lange Distanzen oder noch besser in einer Kombination von beidem. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass der Begriff «Abenteuer» bei solchen Events einen elementaren Stellenwert hat. Pionieranlässe dieser Wettkampfart haben in Insiderkreisen längst Kultstatus (wie etwa die Tour Divide in den USA und Kanada).

Die etwas zungenbrecherischen Begriffe «self supported» oder «unsupported», übersetzt «ohne Unterstützung», werden bei diesen Rennen per se sehr ernst genommen. Wer bei «einem unsupported bicycle race» mitfährt, muss für sich selbst sorgen – und das in jeder Hinsicht. Der Ablauf ist im Prinzip immer der gleiche: Es wird gemeinsam an einem festgelegten Termin gestartet, die Uhr läuft permanent und wird erst auf der Ziellinie gestoppt. Es gibt entweder obligatorische Wegpunkte, die zwecks Registrierung angefahren werden müssen oder einen GPS-Tracker, damit man unter Beobachtung bleibt und im Notfall gefunden wird.

Solche «Selbstversorger»-Rennen finden entweder ausschliesslich auf Strassen statt (und werden folgerichtig mit Rennrädern gefahren), führen über einen Mix aus Strassen und Feldwegen (prädestiniert für Gravelbikes), verlaufen durch Wälder, über Berge, Wüsten und Steppen (Gravel- oder Mountainbikes) oder sogar über das ewige Eis der Arktis (dort am besten mit einem Fat Bike).

(Noch) kaum Tagesevents
Die Krux dieser Gattung Velorennen liegt in den beiden Aspekten «Selbstversorgung» und «Streckenlänge». Denn die meisten Anlässe, die diese Bezeichnung im Titel tragen, sind über eine Länge von mehreren hundert Kilometern ausgelegt. Nur wenige Rennen sind kürzer, etwa weil sie durch deutlich schwierigeres Gelände führen. Die meisten «unsupported bicycle races» sind somit keine Tageswettkämpfe, sondern Mehrtagesevents. Allerdings werden durch den aktuellen Boom laufend auch neue und kürzere Formate geboren.

Man fährt also gemeinsam los, dann zieht sich das Starterfeld naturgemäss rasch in die Länge und bald schon ist man «gemeinsam einsam». Bei manchen Rennen ist es durchaus normal, dass man nur selten anderen Teilnehmern begegnet. Zu lang sind die Strecken, zu gross die leistungsspezifischen Unterschiede, zu unterschiedlich die Strategien, um das Rennen in einer möglichst guten Zeit zu beenden und zu überschaubar bislang die Teilnehmerfelder.

Echter Hochleistungssport
Entscheidende Aspekte zum Erfolg sind genügend Kondition, effizientes Schlafmanagement und ausreichende bzw. richtige Ernährung – die jedoch (meist) selbst transportiert oder entlang der Wegstrecke organisiert werden muss. Über eine Distanz von mitunter weit mehr als 1000 Kilometern sind Ruhe- und Schlafpausen unerlässlich. Und je nach Terrain und Wetterlage sind Zelt, Schlafsack und entsprechende Hightech-Ausrüstung wie Regenbekleidung und Isolierdecken mitzuschleppen. In manchen Rennen ist es allerdings erlaubt, Hotels oder B&Bs in der Nähe der Strecke anzusteuern. Und manchmal gibt es unterwegs auch vereinzelte Check-Points mit Verpflegung.

Dass die Teilnehmer körperlich an ihre Grenzen gelangen, ist bei den genannten Kriterien naheliegend. Wobei vor allem die mentalen Herausforderungen entscheidend sind. Denn die Fahrerinnen und Fahrer sind komplett auf sich alleine gestellt. Jede Entscheidung muss selbst getroffen werden: Wohin bei der nächsten Abzweigung, wie lange noch im Sattel bleiben, wann, wo und was essen; wann, wo und wie lange schlafen und überhaupt: Was kommt hinter der nächsten Rampe auf mich zu? Jeder ist also sein eigener Navigator, Fahrer, Arzt, Masseur, Koch, Sherpa, Schrauber und Mental-Coach. Was mache ich, wenn die Nahrungsmittel nicht reichen, wenn mitten in der Pampa der Wechsel bricht oder der Schlaf beeinträchtigt wird, weil das seltsame Hundegeheul immer näher kommt? Oder sind das etwa …?

«Unsupported bicycle races» sind nichts für Warmduscher, aber man muss auch nicht unbedingt in der Velo-Weltspitze mitpedalieren oder 20 000 Kilometer pro Jahr abstrampeln, um bei solchen Rennen mit der gewissen unerlässlichen Portion Spass teilzunehmen. Dennoch ist zu beachten, dass die Anforderungen seitens der Organisatoren teils sehr hoch sind. So werden für eine Qualifikation respektive Teilnahmeberechtigung mitunter anspruchsvolle Nachweise verlangt, die beweisen sollen, dass man und frau überhaupt in der Lage sind, alleine solche Strecken auf so einem Terrain im Sattel bewältigen zu können.

Sportartikelindustrie zieht mit
Auch die Sportartikelindustrie hat sich bereits fleissig den Bedürfnissen dieser Abenteuerrennen gewidmet. Dort nennt sich das dann «Micro Adventure» oder «Bikepacking» mit allem möglichen Zubehör wie Mini-Zelten, Schlafsäcken, Isomatten, Selbstkocher und Fahrradtaschen aller Art. Und natürlich auch mit immer raffinierteren Fahrrädern, zunehmend Gravelbikes mit 28 Zoll-Rädern, Rennlenkern und Scheibenbremsen. Entsprechend nennen sich einzelne Events nicht mehr sperrig «unsupported bicycle races», sondern neuerdings «Bikepacking-Races», was sich zumindest entspannter liest.

Die Nische hat auch bereits professionelle Anbieter auf den Plan gerufen, die – ähnlich wie Ironman im Triathlon, Haute Route bei den Rennvelofahrern oder Epic bei den Mountainbikern – ein wiedererkennbares Format in unterschiedlichsten Destinationen anbieten. «BikingMan»-Events beispielsweise existieren bereits in Oman, auf Korsika, in Laos, in den Anden, in Portugal und Taiwan.

Im Folgenden haben wir eine Auswahl spektakulärer «unsupported bicycle races» zusammengetragen und nach Austragungsdatum geordnet. Der Fokus liegt auf Rennen in Europa, dennoch kommen weltweit bekannte «Klassiker» ebenfalls in Betracht. Wichtig zu wissen: Für die meisten Anlässe gilt eine extrem lange Vorlaufzeit bzw. Anmeldefrist – mitunter bis zu zehn Monaten.

Die nächsten Events im Überblick

20K Ultratrail - http://20k-ultratrail.it/en_GB/ 

BikePacking Trans Germany - http://btg.voidpointer.de/de/index.html 

BikingMan Corsica - https://bikingman.com/en/corsica-2019-en/ 

Biking Man Oman - https://bikingman.com/en/oman-2019-en/ 

BikingMan-Serie - www.bikingman.com 

Born to Ride - http://chilkoot-cdp.com/project/btr-2019/ 

English Channel Cycling Tour - www.bikepacking.com/event/2019-veneto-gravel/ 

Florida Divide - www.bikepacking.com/event/florida-divide-2019/ 

Grenzsteintrophy - https://grenzsteintrophy.de 

Highland Trail 550 - www.highlandtrail.net  

Hydra Epic - www.hydraepic.lt 

Iberica Traversa - http://iberica-traversa.com 

Iditarod Trail Invitational - www.iditarodtrailinvitational.com 

Italy Divide - www.italydivide.it 

La Baroudeuse - www.transiberica.cc/transpyrenees-2019/ 

Morocco Bike Adventure - http://morocco-bikeadventure.com 

North Cape-Tarifa - www.northcape-tarifa.com 

Portugal Divide - http://portugaldivide.com/en/portugal-divide/ 

Race around the Netherlands - www.adventurebikeracing.com/ratn/ 

Race through Poland - http://racethroughpoland.pl/en/#!/info 

Round Denmark - www.rounddenmarkbikerace.dk 

Silk Road Mountain Race - www.silkroadmountainrace.cc 

Taunus BikePacking - https://taunus-bikepacking.com 

Tour Divide - http://tourdivide.org 

Trail Race - www.facebook.com/transamtrailrace/ 

TransCimbrica - https://transcimbrica.wordpress.com 

Transcontinental - www.transcontinental.cc/tcrno7 

Trans Iberica - www.transiberica.cc/transiberica-2019/ 

Transost Challenge - www.bikepacking.com/event/transost-challenge-2019/ 

Trans Pyrenéen - www.transiberica.cc/transpyrenees-2019/ 

Tuskany Trail - www.tuscanytrail.it/en/decalogue-of-the-tuscany-trail/ 

Veneto Gravel - www.bikepacking.com/event/2019-veneto-gravel/ 

World by Bike Challenge - www.adventurebikeracing.com/worldbybikechallenge/ 

Weitere - www.bikepacking.com 

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