Ultramarathon durch die Wüste Gobi

Erlebnisbericht von Martin Schwitter*

Die Gobi-Wüste im Nordwesten Chinas gilt es die windigste Wüste der Welt. FIT for LIFE-Leser Martin Schwitter berichtet von seinem mehrtägigen Etappenlauf über 250 km durch die Wüste.

Copyright: ZVG Martin Schwitter
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Am Samstag, 19. Juni 2016 fahren wir von Urumqi mit drei Bussen und etlichen Geländewagen in ein liebliches Hochtal auf 2400 m ü. M. hinein. Endstation. Begrüssungen durch ethnische Volksgruppen in Trachten. Uiguren, Mongolen, Russen tanzen zur Live-Musik. Um uns herumgaloppierende Vollblutaraber. Es regnet und ist kalt. Die chinesischen Militärzelte sind aufgestellt. Ich bin im Zelt Nr. 7 mit dem Namen «white desert». Hier treffe ich auf meine Kollegen aus: China (Xinde LIANG; Weiping WU; Kaifeng ZHU), Südafrika (David ABRATT), Deutschland (Frank R0CKTÄSCHEL), Dänemark (Torben VOIGT), England (Christopher ARMITAGE) und der Schweiz (Paul ZAHNO). Alle 34 teilnehmenden Nationen sind möglichst heterogen auf die Zelte aufgeteilt. Ich fühle mich bereit, bin gut trainiert. Es kann losgehen.

1. Etappe: 35,3 km liegen vor uns. Landschaftlich geht es durch ein schmal eingeschnittenes Tal und während einer kurzen Strecke durch ein ausgetrocknetes Flussbett. Ich laufe zusammen mit Paul Zahno. Es geht weiter durch eine liebliche grüne Landschaft auf einem guten Weg. Paul ist hinter mir, ich verlangsame und schaue auf meine Uhr und vertrete dabei auf einem Stein meinen rechten Fuss. Sofort spüre ich, dass da etwas nicht stimmt. Mein Fussgelenk schwillt an, schmerzt und sticht. Ich muss die Schnürung des Schuhs maximal ausdehnen. Paul wird beim Checkpoint 2 melden, was mir passiert ist. Für mich scheint es gelaufen zu sein. Bittere Tränen rinnen mir übers Gesicht. Obwohl die Schmerzen gross sind, versuche ich wieder etwas mehr Fahrt aufzunehmen, was mir gelingt und mich ins Ziel bringt. Dort zeige ich meine Fuss dem amerikanischen Ärzteteam. Sie raten mir, den Fuss einzubinden. Dafür musste ich also meine 4,5m lange Bandage mitnehmen! Weiter gibt es keine medizinische Unterstützung. Ich fühle mich elend. Der Sportarzt und sehr erfolgreiche Ultramarathonläufer Peter Osterwalder durchkreuzt meine Gedanken. Er hat diesen Lauf vor Jahren auch einmal gemacht, musste aber wegen gerissener Bänder und schlechter medizinischer Unterstützung aufgeben. Noch bevor ich abreiste, sagte er mir: Dieser Lauf war ein Desaster! Und nun hocke ich da und weiss nicht, wie mir geschieht. Ich fühle mich alleine. Und doch nicht. Christopher hat das gleiche Schicksal ereilt. Sein Fuss ist so geschwollen wie meiner. Paul hilft mir das Nachtessen zuzubereiten. Die Nacht ist bewegt. Der nächtliche Gang auf die Feldtoilette gleicht einem Tanz auf rohen Eiern. Ich entscheide mich, am kommenden Morgen aufzugeben und sofort nach Hause zurückzukehren. Pochende Schmerzen halten mich wach. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Das Morgengrauen erhellt unser Zelt und ich entscheide mich, weiter zu machen. Halt humpelnd und langsam, aber vorwärtskommend.

2. Etappe: Die Stimmung ist gut, die Nervosität des ersten Tages gewichen. Ich ordne mich ganz hinten ein. Wir starten unter einem winterlichen Himmel, schwarz, vermischt mit düsterem grau und kaltem blau, durchzogen mit weissen, wie von Hand zerfetzten Wolken. Eisiger Wind bläst uns ins Gesicht. Das Strässchen führt leicht abwärts und so gelingt es mir, mein Humpeln in ein gleichmässiges, aber stetig rassigeres Tempo zu überführen. Die Schmerzen sind zwar da, müssen aber meinem Kopf und Willen weichen, Schritt um Schritt. Schon überhole ich. Vor mir erscheint das dreiköpfige Leader-Team China. Zwei von ihnen sind im Zelt 7. Sie staunen, als sie ihren verletzten Zeltnachbarn sehen. Wir machen Fotos. Als die letzten Meter noch vor uns sind und das Ziel in Sichtweite leuchtet, merke ich, wie eine junge Amerikanerin mich überholen will. Und ich, was mache ich? Schaue zurück, denke, nein, Du wirst mich nicht überholen und stürze dabei auf mein linkes Knie und die linke Hand! Das Blut fliesst runter und färbt meine noch weisse, aber staubige Gamasche rot. Im Ziel wird die Wunde gewaschen, die verletzte Haut mit der Schere abgeschnitten und mit einem grossen Pflaster abgedeckt. Fertig ist die Sache. Humpeln rechts, humpeln links und die Welt scheint wieder gerecht.

Das Camp steht heute auf der anderen Seite am Fusse der Tian Shan Gebirgskette, derjenigen Berge, die wir in den letzten zwei Tagen überquert haben. Die uigurische Bodentruppe hat ein riesiges Feuer gemacht, ca. 10 schwarze Wasserkrüge stehen darauf und wir können das Essen mit heissem Wasser anrühren. Ein wunderschöner Abend, endlich wärmer. Aber windig. Die Stimmung hellt auf. Wir befinden uns nun auf 1600 m ü. M.

3. Etappe: 42,6 km stehen an. Der Morgen ist kalt und erneut regnerisch, stürmischer Wind frischt auf. Die Füsse machen mit. Vor uns ein schier unüberwindbares ausgetrocknetes Flussbett mit grossen und schweren, teilweise beweglichen Riesenkieseln. Auf und zwischen ihnen geht es eine unendlich lange dauernde Zeit. Ein kleiner Misstritt und der Fuss ist vertreten, was mir heute leider mit dem rechten Fuss geschieht. Ein lautes und unmissverständliches Fluchen entweicht mir. Das hilft wohl in solchen Momenten. Heute muss ich mit mir kämpfen. Meine Selbstmitleid-Seite entfaltet sich. Ein Zustand, den ich nicht zulassen will, welcher aber immer wieder aufkeimt. Weiter, weiter, ermahnt mich mein Wille. Die Füsse scheuern nun und ich spüre Blasen, die sich bilden. Oh nein, bitte nein. Ich erinnere mich an meine geschundenen Füsse während des Marathon des Sables. Ich gelange auf eine Kuppe, rieche den Rauch des Feuers und fühle mich, noch bevor ich das Etappenziel und Camp sehe, zuhause.

4. Etappe: 43,7 km durch Grasland und Dörfer. Auf einer langen Asphaltstrecke, welche das Laufen vorübergehend stark erleichtert und bei mir einen Trancezustand wie bei einem Strassenmarathon bewirkt, komme ich an einem einsam dastehenden hellblauen Auto vorbei. Darum herum sind Menschen versammelt. Sie sind daran Melonen zu kaufen. Eine Rarität hier oben. Es gibt Wasser- und die berühmten Hami-Melonen. Die Stadt Hami ist seit der Nutzung der Seidenstrasse für den Handel verschiedener Güter in westlicher bzw. östlicher Richtung das Mekka der Melonen.

Meine Augen sind auf den Boden gerichtet. Fokussiert auf Distanzen zwischen 50 cm und 1,5 m. Zwischendurch, wenn es die Situation erlaubt, bleibe ich stehen und schaue die eindrückliche Umgebung an. Weit ausgedehnte Felder liegen vor mir. Der flimmernde Boden und beige Himmel berühren sich. Meine Schmerzen habe ich ausgeblendet. Ich überquere das Ziel heute als 22.! Bin unendlich stolz und freue mich über mein Resultat. Es läuft gut. Trotz Schmerzen. Zusammen mit Paul, Torben und Gunar sitzen wir später im Schatten der etwas kühleren Ruinenmauern und ruhen uns aus, bevor wir den spektakulären Sonnenuntergang betrachten. Das Lagerfeuer knistert noch gemütlich.

5. Etappe: 80 km über zwei Tage. Ich weiss, es wird heute schwierig werden. Es hat die ganze Nacht hindurch nicht abgekühlt und am morgendlichen Briefing erfahren wir, dass es heute über 50 Grad heiss werden kann. Matte und glänzend schwarze Kieselsteine in der Grösse von Strausseneiern beherrschen das Bild in der «Black Gobi Desert». Meine Füsse haben nun grosse Blasen. Ich trudle im CP4 ein und lasse mir meine Füsse behelfsmässig reparieren. Einige Läufer liegen wie halbtote Fliegen im Schatten. Das Thermometer zeigt 51 Grad an. Unglaublich. Bis jetzt habe ich noch nicht einmal die Hälfte der Etappe hinter mir. Ich tanke Wasser und mache mich weiter auf den Weg. Der Boden ist sandig und staubig. Aus meiner weichen Wasserflasche schütte ich einen kräftigen Schluck über Rücken und Brust, und diese Wasserkühlung erweist sich als sehr entscheidend. Die Gefahr zu dehydrieren ist gross. Zur Hitze hat sich ein starker und ruppig aufkommender Wind hinzugefügt. Er bläst von allen Seiten. Mittlerweilen ist es Dunkel. Ich fühle mich gut und gehe nun voraus, bin bald alleine unterwegs. Schon erblicke ich die Lichter des CP7. Doctor Tylor lauert mir auf und begrüsst mich frenetisch. Die letzten Kilometer liegen vor mir. Ich will vor Mitternacht durchs Ziel laufen. Ich gelange um einen Felsen herum zu einer abfallenden Sanddüne und höre das inzwischen bekannte Trommeln. Im Ziel haben sie mich erkannt und feuern mich an. Geschafft – 23h53. Ausgelaugt, staubig und klebrig klopfen sich die Gladiatoren ab. Ich esse kurz etwas und lege mich ins Zelt. Aber der Wind bläst allen Sand hinein und mein Haus fliegt fast davon. Um 6 h werde ich unsanft geweckt, ein Sandsturm wird uns gleich erreichen. Von Staates wegen und aus Sicherheitsgründen werden wir aus dem Camp evakuiert. Der Himmel ist gelb und wirkt bedrohlich. In Autos werden wir zum Gate der Wüste gefahren und quartieren uns in einem Dinosaurier-Museum ein.

6. Etappe: 20 km «Finalissima». Der Sandsturm und das Gewitter haben sich beruhigt. Bald werden wir 250 km durch die Gobi-Wüste gerannt sein. Es geht über hohe Dünen, über Geröllfelder und wieder über Berge aus Sand. Was für ein schöner Lauf! Der Sand ist vom Regen etwas angepresst und somit gut zum Laufen. Weit unten erkenne ich das Ziel. Ich bin gut unterwegs und durchquere den Zielbogen. Geschafft! Die Medaille wird mir um den Hals gelegt. Umarmungen von allen Seiten. Frauen in Trachten Tanzen und am Boden sitzende Männer spielen die Musik dazu. Wir geniessen den Zustand, etwas geschafft zu haben, was nicht alltäglich ist. Etwas, das sehr viel Verzicht, Training, Disziplin und Verdrängung von Schmerzen verlangt. Beim Abschlussbankett höre ich auch meinen Namen: Winner of the Age Group 60-69: Martin Schwitter, Switzerland. Was für ein Gefühl! Insgesamt habe ich von 95 Gestarteten mit dem 32. Rang abgeschlossen. Ich habe einiges dafür getan. Mit meinem verletzten rechten Fuss – heute weiss ich, dass alle Bänder gerissen sind – war es nicht immer leicht, jeden Morgen erneut loszulaufen.
 

* Martin Schwitter (62) ist passionierter Hobbyläufer und FIT for LIFE-Leser. Der Psychologe und Dozent an der FHNW läuft pro Woche bis zu 120 km und erkundet daneben auch gerne fremde Länder mit dem Trekkingvelo.

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