Artikel - FIT for LIFE Magazin

Tour de Suisse Challenge

Wie die Profis

Hobby-Sportler können die Tour de Suisse neu auf der Originalstrecke bestreiten. Man fährt am gleichen Tag die gleichen Etappen und logiert in denselben Unterkünften wie die Profis. FIT for LIFE ist am Wochenende der Königsetappe mitgefahren.

Copyright: Lorena Strohner

Der Anfang ist noch leicht, überschaubar, machbar. Das Bergzeitfahren von Sedrun über den Oberalppass nach Andermatt, 23,2 Kilometer, ein Katzensprung. Auf dem Profil ist es nur ein Hügel, den es zu bewältigen gilt. Aus logistischen und Sicherheitsgründen fahren wir diese 7. Etappe der Tour de Suisse nicht rennmässig, sondern in der Gruppe. Für mich, der erst am Freitagabend zur Gruppe gestossen ist, ein Warmup. Für andere, die schon sechs Etappen in den Beinen haben, ein halber Ruhetag. Die Stimmung ist gelöst. Man scherzt, tauscht Erfahrungen aus, erzählt von Begegnungen mit den Profis: «Hast du die Wädli von Greipel gesehen?»

Bald schon aber zeigt sich, dass das Niveau in dieser Gruppe erstaunlich hoch ist. Kein Wunder: Denn die Anforderungen an die Teilnehmer an dieser neuen Tour de Suisse Challenge sind hoch. «Wer die ganze Woche mitfahren möchte, sollte pro Jahr mindestens 12000 Kilometer auf dem Tacho haben», erklärt Projektleiter Patrick Huber, «für eine viertägige Teilnahme reichen 6000 bis 8000 Kilometer.»

Schliesslich ist die Tour de Suisse Challenge kein Pitschipatsch-Giro. Während acht Tagen sind total 1050 Kilometer und rund 17000 Höhenmeter zu überwinden – eben gleich viele wie die Profis. Das muss man draufhaben. Noch dazu in schweisstreibendem Tempo. «Einige Etappen sind wir mit einem Schnitt von mehr als 30 km/h gefahren», erzählt Thomas nicht ohne Stolz.

Ein Rennen aber ist die Tour de Suisse Challenge nicht. Das Erlebnis steht im Vordergrund stehen. Mario beispielsweise erzählt begeistert von seiner Premiere als Zeitfahrer. «Ich musste 50 werden, um einmal aus diesem Starthäuschen fahren zu können.» Matthias erwähnt das Abendessen am Tisch neben Weltmeister Julian Alaphilippe. «Beeindruckend wie viele Spaghetti dieser dünne Mann verdrücken mag. Und wieviel Olivenöl er darüber giesst.»

Bei der Tour de Suisse Challenge ist man den Stars näher als anderswo. Sogar die Unterkunft wird mit den Profi-Teams geteilt. Am Wochenende sind wir mit Deceuninck-Quick-Step, Alpecin-Fenix, Israel Start-up Nation und Lotto-Soudal im selben Hotel in Disentis. Und erleben so die Party um den Etappensieg von Lotto-Soudals jungem Dänen Andreas Kron hautnah mit. «Party» ist allerdings ein grosses Wort. Ein Schluck Prosecco aus den im nahe gelegenen Coop gekauften Flaschen und ein «Zicki-zacki-zicki-zacki-hoi-hoi-hoi» – und fertig.

Faszinierend ist es gleichwohl, den Rad-Stars so nahe zu sein, mit ihnen das Buffet zu teilen. Noch dazu in dieser sensiblen Zeit, in der eine Covid-19-Übertragung verheerende Folgen hätte. Die Challenge-Gruppe absolviert indes das gleiche CoronaTestprogramm wie die Profis. Die Tour de Suisse – eine eigene grosse Bubble.

Unverwüstliche Pensionäre
Mit Sigi, Ernst und Giuliano fahren auch drei mehr oder weniger grau melierte Gümmeler mit, die bald schon ihren 70. Geburtstag feiern. Rund 10000 Kilometer haben sie in diesem Jahr bereits abgespult, wie sie beiläufig erwähnen. Ein Halbprofi-Pensum.

Gefahren wird in zwei Gruppen, geführt von den Ex-Profis Lukas Winterberg (33) und Sandro Muhl (35). Zu den Zielen gehört, jeden Tag vor den schnellsten Profis im Ziel zu sein. Entsprechend früh wird morgens gestartet. Vor allem auf dem 8. und letzten Teilstück der Tour de Suisse, der Königsetappe über offiziell 160 Kilometer und 3560 Höhenmeter. Von Andermatt über den Oberalp-, den Lukmanier- und den Gotthardpass zurück nach Andermatt.

Eigentlich eine schöne Tagestour für geübte Passfahrer – wenn man genügend Zeit hat. Aber Zeit haben wir an diesem heissen Sonntag kaum. Die Pausen sind kürzer als am Vortag. Die Profis starten zwar vier Stunden nach uns, holen aber schnell auf. Bis Biasca geht alles gut. Die fast 40km lange Abfahrt vom Lukmanier ist ein Genuss. Doch dann wendet sich das Blatt, der Wind scheint plötzlich zu drehen. Auf der gesamten Leventina hoch herrscht Gegenwind. Und es ist heiss. Ein Thermometer in Faido zeigt 38 Grad. Wir sehnen uns nach dem nächsten Brunnen. «Viel trinken!» sagt Road-Coach Winterberg. «Viel trinken!» Dabei sind wir noch weit weg vom Apéro! Winterberg macht nun Druck. Er muss die Gruppe vor den Profis ins Ziel führen. Ich aber kämpfe gegen Krämpfe. Und bilde alsbald solo das Gruppetto, fahre allein Richtung Gotthard. Die Profis holen mächtig auf. Das hat auch seinen Reiz. Denn einige (wenige) Schaulustige am Strassenrand sind sich offensichtlich nicht sicher, ob da nun der erste Profi oder der letzte Amateur unterwegs ist. Danke jedenfalls für den aufmunternden Applaus.

Gino Mäders Wahnsinn
Plötzlich fährt ein Polizei-Töff neben mich her und bittet mich höflich, aber bestimmt, zur Seite zu fahren und kurz zu warten. Und da brausen sie schon heran: Michael Woods, Gino Mäder und Co., in einem Wahnsinns-Tempo. Ein paar Minuten später folgen die schwereren Fahrer, Stefan Küng und Co., immer noch schnell. Und dann kommt bald schon der Besenwagen. Ich versuche sofort, dessen Windschatten auszunützen. Ohne Erfolg. Tja, und so bin ich tatsächlich der Letzte auf der Tremola, der Letzte auf dem Gotthard – und der Letzte im Zielgelände, das bereits abgebaut wird. Aber wie sagte Fabian Cancellara einst so schön versöhnlich: «Man muss es erst mal heimbringen.»

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Profis tatsächlich doppelt so schnell unterwegs sind wie wir Breitensportler. Gino Mäder fährt die Königsetappe mit einem Schnitt von 38,837 km/h. Wahnsinn! Und was bleibt, ist diese exklusive Erfahrung bei einer der traditionsreichsten Veranstaltungen hierzulande. Die Teilnehmer ziehen an diesem Abvend jedenfalls alle dieselbe Bilanz: «Es war ein unvergessliches Erlebnis.» Nur der Masseur steht leider nicht mehr zur Verfügung.

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