Startplatzverlosung Berlin Marathon 2014

Wenns dir nicht passt, dann lauf woanders!

Zum ersten Mal in der Geschichte des Berlin Marathon wurden die Startplätze verlost. Wie «fair» ist diese Startplatzverlosung wirklich?

Copyright: iStockphoto.com

Beim Berlin Marathon 2014 wurden zum ersten Mal die 2h03 unterboten – gleich zwei Läufer knackten die Marke und stellten einen neuen Weltrekord auf! Doch auch weiter hinten, im Feld der Breitensportler, hatte sich etwas geändert: Erstmalig waren die Startplätze über ein Losverfahren vergeben worden. Bereits am Tag nach dem Berlin Marathon 2013 begann die zweiwöchige Registrierungsphase für die Verlosung. Die glücklichen «Gewinner» hatten dann bis im November Zeit, sich definitiv anzumelden und den Teilnehmerbetrag zu überweisen. Plätze, die nicht in Anspruch genommen wurden, kamen in eine zweite Verlosungsrunde. Das Vorgehen war die Reaktion des Veranstalters scc events GmbH, welche das Anmeldeverfahren aus dem Jahre 2012 korrigieren wollte.

Innerhalb 3½ Stunden ausverkauft
Damals war es so, dass die Anmeldung für den Berlin Marathon 2013 auf Facebook gross angesagt und inszeniert worden war – worauf hin der Lauf innerhalb von dreieinhalb Stunden ausverkauft war. Am Berlin Marathon 2013 mitlaufen konnte nur, wer nachmittags am Computer sass und Internetzugang hatte. Da schien das neue Losverfahren doch einiges fairer. Doch «fair» wird bekanntlich nicht von allen gleich ausgelegt. Das neue Anmeldeprozedere löste heftige Diskussionen aus. Besonders gross war die Enttäuschung bei Läufern, die bisher mit Freunden angereist waren oder als Paar zusammen starten wollten. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Gruppenmitglieder einen Platz zugelost bekamen, war verschwindend klein. Es blieb der teure Gang ins Reisebüro, welches über ein Startplatzkontingent verfügte. Oder aber, man suchte sich einen anderen Marathon als Saisonhöhepunkt aus.

Frust sorgte die Verlosung bei Läufern aus Berlin und der Umgebung, welche kein Losglück gehabt hatten. Hier kann der Veranstalter aber Entwarnung geben. Mit dem neuen Anmeldeverfahren seien mehr Läufer aus der Region gestartet als im Vorjahr. Zudem hatte, wer zehn oder mehr Mal den Berlin Marathon beendet hat und damit Mitglied des Jubilee Clubs ist, einen garantierten Startplatz. Man darf gespannt sein, ob der Jubilee Club mit dem Lossystem bald ein Nachwuchsproblem erhält.

Ebenfalls für Irritationen sorgte die mangelnde Transparenz. Es wurde zwar bekannt gegeben, dass sich über 70'000 LäuferInnen für die Verlosung registriert hatten, nicht jedoch, wie viele Plätze verlost wurden. Auch auf Nachfrage ist vom Veranstalter keine genaue Zahl zu erfahren, lediglich, dass ungefähr 8'000 Plätze an Reiseveranstalter gingen.

Also doch eine ungerechte Lösung, die nur Unmut auslöste? Dies wäre zu einfach geurteilt. Es gibt durchaus Stimmen, welche das Verfahren als fairen Weg bezeichnen. Auch wenn der Veranstalter den Hype um den Berlin Marathon mit Mailings und insbesondere Facebook-Beiträgen gezielt herbeiführte, muss eingeräumt werden, dass die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt und keine Art der Verteilung wohl allen gefallen würde.

Vorerst keine Regulierung über den Preis
Aus Sicht der Hobbyläufer ist positiv zu werten, dass die scc events GmbH von einer Regulierung über den Preis absieht, zumindest vorerst. Der Lauf gehört dennoch nicht zu günstigen: 98 Euro kostet alleine der Startplatz. Für Leistungen wie Finisher-Shirt oder Pastaparty muss noch mal in die Tasche gegriffen werden. Da staunt selbst der Schweizer, zahlt er in Luzern oder Zürich doch weniger und erhält neben der Startkarte auch öV-Vergünstigungen, Pasta und Shirt. Diesen Vergleich lässt man beim scc aber nicht gelten. «Dieser Marathon in Berlin kostet den Veranstalter deutlich mehr, als dies bei anderen europäischen Marathons der Fall is; mit Ausnahme von London. Der Teilnahmebeitrag ist in dem Vergleich, der gerechterweise angestellt werden muss – nämlich der mit Läufen wie New York, Chicago oder London – niedrig.» sagt Thomas Steffens, Presseverantwortlicher beim Berlin Marathon. Bewahrheitet sich also die Befürchtung vieler Läufer, dass auch in Berlin künftig mehrere hundert Euro fällig sein werden? «Niemand muss in New York oder London laufen» heisst es dazu lediglich aus in Berlin. Es ist klar: Bei einer so grossen Nachfrage kann der Veranstalter ziemlich weit gehen.

Dazu gehört auch die Unmöglichkeit, eine Startnummer umschreiben zu lassen. Wenn aus persönlichen oder beruflichen Gründen im Sommer doch kein Marathontraining möglich ist oder der beste Freund just am Marathonwochenende heiratet, kann die im Oktober gekaufte Startnummer nicht weiterverkauft werden. Mit ärztlichem Attest lässt sich der Start gegen eine Gebühr immerhin um ein Jahr verschieben. Dass die Startgelder der 10 bis 20 Prozent Nicht-Starter bewusst ins Budget einkalkuliert werden, mag man beim SCC weder bestätigen noch dementieren.

Die Gegenleistung muss stimmen
Es ist diese «Wenn’s dir nicht passt, dann lauf halt woanders»–Haltung welche viele als arrogant kritisieren und einige Läufer gar dazu bringt, dem Lauf durch die Hauptstadt ganz den Rücken zu kehren. Einige Stimmen vermuten, dass genau dies dem scc zum Verhängnis werden könnte. «Auch beim Hamburg-Marathon dachte der Veranstalter, er könne sich alles erlauben. Bis die Teilnehmer wegblieben.» erklärt ein Kenner der deutschen Laufszene. Betrachtet man die Veränderungen des Berlin Marathon der letzten Jahre, ist aber eher anzunehmen, dass er sich wie in New York entwickeln wird, wo der Weg zum Start für europäische Hobbyläufer nur über ein teures Pauschalangebot von Reiseveranstaltern geht. Der Vergleich mit Hamburg ist dennoch aufschlussreich, zeigt er doch, dass Hobbysportler die Vorgaben des Veranstalters nur mitgehen, wenn die Gegenleistung stimmt. Wenn also Zehntausende bereit sind, sich elf Monate vor dem Startschuss für den Berlin Marathon zu registrieren und dabei auch das finanzielle Risiko im Falle eines Nicht-Startens einzugehen, sind sie wohl äusserst zufrieden mit der Veranstaltung an sich. Neben einer schnellen Strecke, tollen Zuschauern, motivierender Stimmung und meist gutem Wetter lockt auch eine nahezu perfekte Organisation. In diesem Sinne gilt anzuerkennen, dass man in Berlin wohl auch einiges sehr richtig gemacht hat.

Daneben zeigt das Beispiel Berlin aber auch, dass es bei grossen Laufveranstaltungen längst nicht mehr allein um die sportliche Leistung geht. Ein Lauf ist heute ein Event mit verschiedenen Zusatzleistungen wie MarathonApp, persönliche Videoaufnahmen und Facebook-Auftritt - und diese haben ihren Preis. Eine Entwicklung, die sich wohl nicht mehr aufhalten lässt, selbst wenn man wollte. Wem dies nicht behagt, findet zum Glück mit kleineren Läufen mit teilweise familiärer Stimmung eine Alternative zu den kommerziellen Läufen. Oder eben: Wenn’s dir nicht passt, dann lauf halt woanders!

Was sagen FIT for LIFE-Leser dazu? Ist dieses Prozedere «fair»? Haben Sie gute oder schlechte Erfahrungen gemacht mit der Startplatzverlosung? Schreiben Sie uns einen Kommentar! Ihre Meinung interessiert uns!