Artikel - FIT for LIFE Magazin

Sportevents

Die Sorgen der Veranstalter

In der Corona-Pandemie hat sich das Interesse der Teilnehmenden an Volksläufen drastisch reduziert. Im Vergleich zu 2019 macht nur noch etwa die Hälfte mit. Einigen Veranstaltern steht das Wasser bis zum Hals.

Copyright: SWISS-IMAGE

Die Schweiz ist ein Volk von Läufern. Gemäss der Studie «Sport Schweiz 2020» schnüren 27% der Bevölkerung regelmässig die Laufschuhe, also mehr als zwei Millionen Menschen. Und die Corona-Pandemie hat den Jogging-Boom gar noch verstärkt. Sich in der freien Natur bewegen, war eine Zeitlang schliesslich das höchste Gut. Da müssten die Volksläufe von Lauffreudigen geradezu überrannt werden, würde man denken.

Weit gefehlt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Veranstalter leiden. Die Teilnehmerzahlen sind im Vergleich zur Zeit vor Corona buchstäblich eingebrochen. Um rund 50 Prozent. «Gegenüber 2019 haben wir nur noch etwa die Hälfte der Teilnehmer», zieht Reto Schorno, Präsident des Vereins Swiss Runners, eine bedenkliche Zwischenbilanz. Dem Verein gehören 41 Laufveranstaltungen an, davon 16 der 20 grössten hierzulande.

Hart getroffen hat es insbesondere den Kerzerslauf, einer der Eckpfeiler in der hiesigen Laufszene. Auf der Finisherliste in diesem Jahr figurieren bloss noch 1642 Läufer(innen). Als Vergleich: 2019 waren es über 7000 gewesen. Ein herber Rückschlag für die Organisatoren des Traditions-Events. «Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis», sagt OK-Präsident Markus Ith. «So würden wir das nicht mehr machen.»

Vor einer bedenklichen Bilanz steht am 9./10. Oktober auch der Grand Prix von Bern. Am Tag des Anmeldeschlusses standen lediglich 8126 Läufer(innen) auf der Startliste. Ein Desaster für den beliebtesten Laufsport-Event der Deutschschweiz. Vor zwei Jahren verzeichnete der GP Bern noch 32425 Teilnehmende, fast viermal mehr. «Die Verschiebung vom Mai in die Herbstferien sowie die Schutzkonzepte, die ein Lauffest wie früher verhindern, haben uns extrem zugesetzt», sagt Rennleiter Michael Schild.

Auch die traditionellen Herbst-Halbmarathons müssen Haare lassen. Der Greifenseelauf, der einst weit über 10000 Lauffreudige anzog, musste sich wie im Vorjahr mit rund 5000 Teilnehmern zufriedengeben. Beim Hallwilerseelauf vom 9. Oktober rechnet man ebenfalls mit etwa der Hälfte des einstigen Teilnehmerfeldes. «Wir erwarten rund 3500 Läuferinnen und Läufer», sagt OK-Chef Roland Müller.

Nur noch die Hälfte? Was ist los in der Lauf-Szene? Warum wenden sich so viele Läuferinnen und Läufer ab? Die Gründe für den drastischen Rückgang sind vielschichtig.

Teilnehmerbeschränkung: Viele grosse Laufveranstaltungen mussten ihre Teilnehmerfelder wegen der Covid-19-Sicherheitsbestimmungen beschränken. Der SwissCityMarathon – Lucerne beispielsweise, der vor Corona regelmässig mehr als 10000 Lauffreudige anzog, hat bei seiner Austragung am 31. Oktober die Kapazitätsgrenze bei 8000 erreicht.

Angst vor einer Ansteckung: Obwohl bei den Veranstaltern die Sicherheit der Läufer(innen) an erster Stelle steht, tun sich viele schwer mit der Teilnahme an einem Grossanlass. Das Restrisiko löst eine Verunsicherung aus. Vor allem Schulen, aber auch Firmen zeigen sich zurückhaltend. Ein Phänomen, das sich nicht nur in der Sportszene beobachten lässt.

3G: Wer bei einem grösseren Lauf (ab 1000 Läufer) teilnehmen will, muss ein Covid-Zertifikat vorweisen, muss also entweder geimpft, getestet oder genesen sein. Das schreckt viele potenzielle Teilnehmer ab, vor allem jene, die nicht geimpft sind. Einige äussern ihren Unmut direkt, wie Michael Schild vom GP Bern erfahren musste. «Es ist erschreckend, wie viele böse Mails wir jeden Tag erhalten.»

Kannibalisierung: Weil viele Frühlingsläufe pandemiebedingt in den Herbst verschoben wurden, herrscht nun ein Überangebot. Die Läufe überschneiden sich und konkurrenzieren sich gegenseitig. So finden in diesem Jahr beispielsweise der GP Bern und der Hallwilerseelauf am gleichen Tag statt. «Alle grossen Läufe gehen heuer zwischen August und Oktober über die Bühne», stellt Swiss-Runners-Präsident Schorno fest. Diese Konzentration habe zu einer Übersättigung geführt.

Unglückliche Attribute: Einige Frühlingsläufe haben sich einen Namen oder Slogan zugelegt, der in diesem Jahr wenig werbewirksam war. So wurde der Kerzerslauf als «Swiss Season Opening» Ende August ausgetragen, der Auffahrtslauf St. Gallen am 12. September.

Fehlender Komfort: Aufgrund der Covid-19-Schutzbestimmungen sind Garderoben und Duschen bei den Laufveranstaltungen gesperrt. Dies hält viele von einer Teilnahme ab. Tenor: «Wenn ich schon ein Startgeld zahle und extra dahin reise, will ich mindestens duschen können.»

Fehlende Solidarität: Läufer sind Individualisten. Und manche auch Egoisten. Viele schauen für sich, nicht für das Ganze. Hut ab vor all jenen, die sich jeweils frühzeitig anmelden und sich mit ihrem Lauf solidarisieren.

Fehlendes Fest: Wer das Bad in der Menge mag, das motivierende Laufen mit Gleichgesinnten, ein frenetisches Publikum, ein volles Rahmenprogramm mit Festbetrieb und Attraktionen, ist nicht mehr auf seine Kosten gekommen. GP-Bern-Rennleiter Schild kanns verstehen: «Wer geht schon an die Chilbi, um dann allein im Putschauto zu sitzen?»

Andere Ambiance: Die Massenveranstaltungen haben zurückbuchstabieren und ihre Läufe auf mehrere Tage verteilen müssen (u.a. Kerzerslauf, Switzerland Marathon light, Greifenseelauf, Frauenlauf, GP Bern). Die Ambiance ist dadurch eine ganz andere geworden.

Allgemeiner Rückgang: Während der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen und Umstellungen ist vergessen gegangen, dass die meisten grösseren Laufveranstaltungen ihren Zenit wohl überschritten haben. Seit den Teilnahme-Rekorden in den Jahren 2015 – 2017 sind die Finisher-Zahlen mehrheitlich rückläufig.

Konkurrenz: Durch die Pandemie haben viele das individuelle Sporttreiben entdeckt. Events mit Zeitmessung bekommen zunehmend Konkurrenz durch andere Sportangebote wie Trailrunningkurse, Fitness-Weekends, Trainingswochen, Mehrtagestouren mit Gepäcktransport usw. «Sich sportlich herausfordern ja, aber mit etwas Komfort und ohne Wettkampfstress», lautet die Devise, die immer beliebter wird.

Absagen: Klassiker wie der «Frauenfelder» oder der Aletsch Halbmarathon, der vor Corona ebenfalls noch rund 2500 Läufer begeisterte, sind heuer bereits zum 2. Mal in Folge abgesagt worden. Die Organisatoren tragen Sorgenfalten. «Man gerät schnell in Vergessenheit», sagt Aletsch-Halbmarathon-Geschäftsführer Toni König. Deshalb wurde ein Erlebnislauf geschaffen. Während drei Monaten konnte man die Originalstrecke individuell absolvieren, mit Startnummer und Zeitmessung. Andere Veranstalter wählten nach der Absage denselben Weg: Lausanne Marathon, Winterthur Marathon, Jungfrau-Marathon (im letzten Jahr). Das Interesse blieb aber vergleichsweise bescheiden.

Und den Sponsoren genügen solche Alternativen nicht. Sie rechnen in Teilnehmerzahlen und machen Druck auf die Veranstalter.

Zurück bleiben Verluste in Millionenhöhe. Glücklicherweise kommt der Bund für einen Teil des Schadens auf. Das Stabilisierungspaket hat einigen Veranstaltern geholfen. «Bis jetzt sind wir mit einem blauen Auge davongekommen», hält Reto Schorno, Präsident der Swiss Runners, fest.

Mehr Marathonis in Luzern
Immerhin: Da und dort sehen Veranstalter auch Morgenröte. So der frühere Marathon-Europameister Viktor Röthlin, der in Sarnen den Switzerland Marathon light inszeniert. Röthlin freute sich heuer über 2000 Teilnehmer und «12 Prozent mehr Anmeldungen als im Vorjahr». Auch Schorno selbst bemüht sich um Zuversicht, zumindest als Geschäftsführer des SwissCityMarathons in Luzern. Weil in der Schweiz, aber auch im Ausland viele Marathons abgesagt wurden (Genf, Zürich, Lausanne, Frankfurt), zeichnet sich in Luzern «eine Zunahme an Marathonläufern» ab. Und selbst Roland Müller will nicht schwarzmalen, obwohl auch der Hallwilerseelauf nur noch halb so viele Teilnehmer hat wie in den besten Zeiten. «Wir haben das Glück, dass wir schlank organisiert sind, keine Angestellten zahlen und kaum eine Strasse sperren müssen. Dank der Sponsoren sollten wir eine schwarze Null schreiben können.»

Und Markus Ryffel? Er sieht sein Glas «halbvoll und nicht halbleer». Obwohl beim Frauenlauf in Bern wie auch beim Greifenseelauf der Aufwand mit jeweils rund 5000 Teilnehmenden wesentlich grösser war als der Ertrag, zeigt sich der einstige Spitzenläufer kämpferischoptimistisch. «Wir haben gelernt umzudenken und flexibel zu sein. Sowohl beim Frauenlauf wie beim Greifenseelauf konnten wir als Alternative einen Mehrtagesevent anbieten. Viele haben das enorm geschätzt.»

Die Baisse ist allerdings noch (lange) nicht ausgestanden. Die grossen Veranstalter sind gefordert. «Wir werden zurückbuchstabieren und an manchen Orten noch mehr sparen müssen», glaubt Müller. Und nach Corona? Kommen dann die Teilnehmer in Scharen zurück? Oder müssen die Veranstalter die Konzepte entsprechend anpassen und mit generell tieferen Einnahmen rechnen? Viele Macher halten an Bewährtem fest. Beatrice Born, Geschäftsführerin des GP Bern, sagt: «Wir bieten ein emotionales Lauferlebnis mitten durch die Berner Altstadt innerhalb eines kollegialen und sozialen Umfelds. Unser Event macht nur dann Sinn, wenn mehrere tausend Leute zusammen rennen können.»

Erhöhung der Startgelder?
Markus Ryffel könnte sich vorstellen, in Zukunft ein «sowohl als auch» anzubieten: Einen individuellen Erlebnislauf in den Tagen vor dem Hauptlauf, und dann noch einen Tagesevent wie früher. «Das würde am meisten Bedürfnisse abdecken», glaubt Ryffel, «so könnten die Teilnehmer sogar zweimal starten, wenn sie wollen.»

Sicher ist: Weniger Teilnehmer sind gleichbedeutend mit weniger Einnahmen – sowohl auf Teilnehmer- wie auch auf Sponsorenseite. Viele Sponsoren gewichten bei der Höhe ihres Engagements die Teilnehmerzahl und Anzahl Kontakte prioritär.

Die Events müssen also entweder sparen und Abstriche in der Qualität machen – oder aber die Aufwendungen aufs Startgeld abwälzen. Keine einfachen Voraussetzungen, um langfristig erfolgreich zu sein.

News teilen