Schwimmkanal in Horgen

Erkenntnis und Erlebnis

Im Schwimmkanal krault man stetig an Ort und wird dabei von allen Seiten gefilmt und beobachtet. Das erlaubt eine umfassende Technikanalyse und bietet gleichzeitig ein spezielles Erlebnis.

Copyright: ZVG, Roy Hinnen

Die Pumpe dröhnt, das Wasser strömt – gleichmässig und unaufhörlich. Wie von Geisterhand gezogen taucht das Wasser vorne am Beckenrand auf, schwebt als wogender Wasserteppich in einer leichten Wellenbewegung auf einen zu und verschwindet im Schlund des Beckens, bevor es vorne wieder an die Oberfläche gespült wird und der Kreislauf von Neuem beginnt. Leicht nach vorne gebückt steht man da, auf einem kleinen Podest am Fuss des Beckens, Schultern tief, Blick nach vorne, Arme gestreckt – und mit einem etwas flauen Gefühl, bevor man sich das erste Mal in die Fluten stürzt. «Einfach sofort mit Schwimmen beginnen und auf die schwarze Linie am Boden achten, sie sollte immer senkrecht unter den Augen liegen», macht Betreiber Roy Hinnen Mut. Okay, los gehts! Sprung! Und sofort kraulen, was das Zeug hält. Kurz zur Orientierung den Kopf heben oder noch rasch die Schwimmbrille richten? Bei hohem Fliesstempo keine gute Idee – schon hängt man in den Auffangstäben am Beckenende.

Natürlich kann man den Einstieg in den Kanal auch etwas weniger dramatisch angehen und sich langsam an das spezielle Schwimmerlebnis herantasten. Dazu steigt man über eine kleine Treppe ins Becken, hält sich am oberen Rand an der Querstange fest, lässt den Körper vom Zug des Wassers in die Bauchlage treiben und beginnt vorsichtig mit Kraulen, bis man einen gleichmässigen Rhythmus gefunden hat und das vorgegebene Tempo gut halten kann.

Schon bald hat man den Dreh raus und nimmt seinen Bewegungsablauf bewusst wahr, den Beinschlag, Armzug, die Atmung oder Kopfhaltung. Immer losgelöster krault man in seiner Wasserblase, unaufhörlich, ohne Wenden oder andere Ablenkungen, in der Mitte des Beckens mit Blick nach unten auf den schwarzen Strich. Den Fokus ganz auf den Bewegungsablauf gerichtet. Schwimmen an Ort ist speziell.

Unbestechliche Technikanalyse
Doch was bringt das Kanalschwimmen neben dem Erlebnis, wo man als Sportler doch immer am liebsten vorwärts kommen möchte? Antworten darauf gibt es einige. Das Schwimmen im Kanal bietet sich ideal für die Analyse der Schwimmtechnik und die Arbeit an derselben an. Drei Kameras filmen den Schwimmer in seiner Bewegung von unten, der Seite und von oben und überliefern die Bilder an einen grossen Bildschirm ausserhalb des Beckens. Zusammen mit Coach und Schwimmkanal-Inhaber Roy Hinnens geübtem Blick wird der Schwimmer zum gläsernen Athleten, kein noch so kleines Detail bleibt verborgen.

Wie sieht die Armhaltung aus, wie die Wasserlage, was macht der Ellbogen, was die Beine, der Kopf, der kleine Finger oder grosse Zeh? Wie verändert sich die Schwimmtechnik, wenn das Wasser schneller strömt, welches Tempo kann man technisch sauber gerade noch halten – und wann muss man die Segel streichen? Der Schwimmkanal gibt auf alle Fragen eine unbestechliche Antwort.

Für alle Leistungsstufen
Als erste ist Anna an der Reihe. Die 28-Jährige betrieb im Alter von 8 bis 16 Jahren Schwimmen als Leistungssport. Obwohl seither nur noch Gelegenheitsschwimmerin, ist die Freude und Vertrautheit am Wasser geblieben. Und die Neugier gross, wie sich ihre Armzugtechnik und Wasserlage nach all den Jahren im Fokus der Kameralinsen präsentieren werden. Roy Hinnen zeigt sich überrascht: «Alles noch da», lobt er, «du hast ein super Wassergefühl. Bei dir müssten wir vorerst gar nicht an der Technik arbeiten, sondern einfach mehr schwimmen und dazu Kraft- und Beweglichkeitsübungen machen.»

Als nächster wagt sich Alfons ins kühle Nass. Frisch pensioniert und mit mehr Zeit fürs Training hat der 65-Jährige den Half-Ironman in Rapperswil und den Ironman in Zürich im Visier, beide hat er bereits mehrere Male absolviert. Sein Wunsch? «Besser werden im Schwimmen, das ist ganz klar meine Problemdisziplin.» Bislang schafft Alfons den Ironman-Schwimmsplit in etwa 1:50 Stunden. Als Späteinsteiger hat er sich das Kraulschwimmen zwar beigebracht und schafft lange Distanzen, doch es fehlt an Leichtigkeit und dem Gefühl fürs Wasser – jeder Meter ist hartes Stück Arbeit. Entsprechend fällt Roy Hinnens Analyse aus: «Da ist noch zu viel Kampf, da müsste man als Erstes Übungen absolvieren für ein besseres Gleiten und Schweben. Das Wasser muss von deinem Feind zum Freund, zum Vertrauten werden.»

Als Letzter springt Andreas in den Kanal, 57, Vielsportler und Bewegungsmensch. Zwar oft im Schwimmbad, aber ohne Plan und ohne Wettkampfziel. Er möchte einfach mal erleben, «ob die Eigenwahrnehmung mit dem realen Bild übereinstimmt». Roy Hinnen attestiert eine gute Koordination, gleichzeitig offenbaren die Videobilder ein Überkreuzen vorne, einen zu hohen Kopf und dadurch keine optimale Wasserlage.

1:1 Umsetzung an Ort
Nach der Analyse gehts an die Arbeit. An jedem Fehlerbild kann individuell mit einer konkreten Vorgabe (Handabdruck hinten, Atmungszeitpunkt, Schulterbreite vorne, Wasserfassen usw.) gearbeitet werden – und dies 1:1 mit sofortiger Überprüfung auf den Videobildern. Abwechslungsweise wird ein Detail unter die Lupe genommen, einige Minuten geschwommen und dann wieder analysiert. So können kleinste technische Fehler aufgedeckt werden. Die lehrreiche Stunde ist im Nu vorbei.

Das Becken lässt Platz für zwei Schwimmer nebeneinander, mehr aber geht nicht. Mit einer Fliessgeschwindigkeit von 1,8 Metern pro Sekunde – was einer 100-m-Zeit von 55 Sekunden entspricht! – wird der Kanal auch Leistungsschwimmern gerecht. Das Tempo kann von aussen mittels Fernbedienung stufenlos reguliert werden, auf dem Bildschirm werden automatisch die aufgerechneten Zeiten für 100 m, 1000 m, 1500 moder auch für den Ironman-Schwimmsplit von 3,8 Kilometern angezeigt.

Im Kanal kann zudem schwarz auf weiss belegt werden, mit welchem Neopren ein Triathlet am schnellsten unterwegs ist oder bei welchem Tempo er am ökonomischsten schwimmt. Und Geübte können im Kanal Trainingseinheiten aller Art absolvieren, können nach Tempovorgaben Intervalle schwimmen, ihr angestrebtes Wettkampftempo verinnerlichen, Technik-elemente perfektionieren oder «Overspeed-Einheiten» absolvieren, bei denen das Tempo nur ganz kurz gehalten werden kann und gänzlich neue Reize gesetzt werden.

Ein weiterer Vorteil: Durch die konstante Strömung sind die Tempovorgaben unbestechlich und müssen unmittelbar eingehalten werden. Die Schwimmer können sich keine Schwäche erlauben, wenn sie nicht nach hinten gespült werden wollen.

Lehrreiche Schwimmlektionen
Im Schwimmkanal werden verschiedene Kurse angeboten, wie man sie auch vom Hallenbad kennt. Schnupperlektionen für Einsteiger und Fortgeschrittene, bei denen mittels Videoanalyse eine Bestandesaufnahme gemacht wird. Oder regelmässige Lektionen für eine gezielte Technikarbeit. «Achte bei der Rückholphase speziell auf einen hohen Ellbogen», «den Arm beim Eintauchen ganz nach vorne ausstrecken» oder «lang machen und die Hand anstellen, um Wasser zu fassen», tönen dann die Vorgaben von Roy Hinnen.

Der 52-jährige ehemalige Spitzentriathlet hat den schweizweit einmaligen Kanal vor zwei Jahren angeschafft. Für Roy Hinnen sind die verschiedenen Angebote ein Geschäftszweig, den er neben seinem Sportcoaching betreibt. Die ersten Geschäftsjahre verliefen durchzogen, sowohl Leistungs- wie Hobbysportler fanden den Weg in die Industriezone oberhalb Horgens nur zögerlich. Die Anreise, Skepsis gegenüber Neuem, aber auch die Kosten schreckten ab. Obwohl die finanziellen Ausgaben bei Gruppenangeboten moderat sind. Ein Schnupperschwimmen in der Kleingruppe inklusive persönlichem Video ist bereits ab 20 Franken möglich, zweistündige Workshops mit individueller Videoanalyse, Korrekturübungen und Trainingsinputs kosten 120 Franken.

Ebenso im Angebot sind Privattermine. Für 320 Franken kann man sich viermal eine halbe Stunde – über ein Trainingsjahr beispielsweise alle drei Monate – analysieren lassen. Mittlerweile ist der Kanal regelmässig gut gefüllt. Die Hauptkundschaft besteht aus Triathleten, bei denen das Schwimmen oft der Schwachpunkt ist. Auch die beiden Ironmen Ruedi Wild oder Ronnie Schildknecht sind bereits im Kanal geschwommen. Und immer häufiger mieten sich externe Anbieter wie Schwimm- und Triathlonclubs oder Coaches blockweise in den Kanal ein. Dennoch werden mit den Einnahmen die laufenden Betriebskosten nur knapp gedeckt.

Je schneller, desto hektischer
Zum Schluss versuchen sich Anna, Alfons und Andreas noch an ihrer persönlichen Höchstgeschwindigkeit. Mittels Knopfdruck auf die Fernbedienung lässt Roy Hinnen das Fliesstempo stetig schneller werden. Mit dem immer grösseren Wasserdruck werden die Bewegungen der drei Versuchskaninchen schneller und hektischer, der Beinschlag stärker und wilder, bis die Luft ausgeht und sich nacheinander alle drei der Strömung geschlagen geben müssen. Die Visualisierung des «Breaking-Point» – der Limitierung der maximalen Schwimmgeschwindigkeit aufgrund technischer Fähigkeiten – ist eindrücklich.

Anna schafft es für wenige Sekunden auf ein Tempo von 60 Sekunden pro 100 Meter, Alfons und Andreas müssen schon früher aufgeben. Die Schnupperlektion hat eindrücklich aufgezeigt: Wenn man an Ort schwimmt, tritt die Erkenntnis nicht auf der Stelle.

Facts und Figures zum Schwimmkanal
Die Schwimmanlage in Horgen befindet sich im Industriegebiet unmittelbar bei der Autobahneinfahrt Horgen. Von aussen sieht das Gebäude aus wie ein riesiger Heizungsraum, darin befinden sich ein Container mit WC und Dusche sowie der Schwimmkanal, ein 55 Tonnen schweres Ungetüm, 10 Meter lang, 3 Meter breit und 2,5 Meter tief. Der von einem Leipziger Spezialunternehmen hergestellte Kanal kostete 1,2 Millionen Franken, angeliefert wurde er mit einem Sattelschlepper. Drei 27-PS-Motoren pumpen gleichmässig und unaufhörlich bis 35 Kubikmeter Wasser durch das Becken, was über 230 normal gefüllten Badewannen entspricht. Drei Kameras filmen den Schwimmer in seiner Bewegung von unten, der Seite und von oben. Die Strömungsgeschwindigkeit des 27 Grad warmen Wassers kann stufenlos auf maximal 1,8 Meter pro Sekunde eingestellt werden, was umgerechnet 55 Sekunden auf 100 Meter bedeutet.

https://www.schwimmkanal.ch 

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