Schnee aus der Steckdose

Wie Langlaufgebiete das kostbare Weiss garantieren wollen

In Zeiten der Klimaerwärmung wird der Schnee immer rarer – und zur Herausforderung für die Zukunft. Was unternehmen kleinere Regionen, um Langläufer in der Spur halten zu können?

Snowfactory (Copyright: Biathlon Arena Lenzerheide)

Die Losung ist so einfach wie grauenvoll: ohne Schnee kein Langlauf. Fraglich nur, wie Langlauf-Gebiete damit umgehen sollen: Den Lauf der Natur akzeptieren, im Wissen um das Risiko eines wirtschaftlichen Rückschlags? Jedes Jahr auf Frau Holle hoffen – ohne garantierte Gegenleistung? Oder (künstlichen) Schnee beschaffen, um eine Infrastruktur garantieren und das Risiko einer trostlosen Saison minimieren zu können? Die grossen Langlaufgebiete hierzulande haben das Schicksal mittlerweile in die eigenen Hände genommen. In Davos und Lenzerheide wird die Saison seit letztem Winter bereits Ende Oktober eröffnet. Zwei einfache Systeme machen es möglich. Davos setzt auf das sogenannte Snowfarming. Dabei werden am Fuss des Flüelapasses zirka 20 000 Kubikmeter Schnee im Frühling gelagert und mit Sägespänen abgedeckt. Rund 70 Prozent der Schneemenge bleiben über den Sommer erhalten und können im Herbst schliesslich für die Präparierung einer vier Kilometer langen Loipe genutzt werden. So kann die Bündner Metropole den vielen Schweizer Spitzenathleten, die in Davos leben, eine vielversprechende Trainingsgrundlage garantieren. Die Schneesicherheit freut ausserdem den Skiweltverband FIS, der den Langlauf-Weltcup seit seiner Gründung jeweils Mitte Dezember nach Davos vergibt. In Lenzerheide steht derweil die Snowfactory, eine Anlage, die dank ausgeklügelter Kühltechnik – unabhängig von der Aussentemperatur – Eisplättchen ausspuckt. Damit werden rund 4000 Kubikmeter Kunstschnee produziert, der für die Präparierung der 1,5 km langen Loipe in der Biathlon-Arena in Lantsch erforderlich ist. Mit diesen Vorkehrungen haben die Bündner dem drohenden Klimawandel ein Schnippchen geschlagen und die Langlauf-Saison auf ein halbes Jahr ausgedehnt – von Oktober bis April. Die beiden Zentren sind auf eine moderne und sichere Infrastrukur angewiesen.

Ausbau im Goms
Für andere grosse Langlauf-Gebiete ist Snowfactory zu kostspielig und Snowfarming mangels Platz ungeeignet. Stattdessen behelfen sie sich mit Schneekanonen, wie beispielsweise im Goms. Die Walliser wollen sich ebenfalls als schneesicheres Gebiet etablieren und den vielen Langlauf-Touristen spätestens Anfang Dezember eine Loipen-Garantie abgeben. So haben sie ihre Infrastruktur in den letzten zwei Jahren nochmals kräftig ausgebaut. Frei nach dem Motto: lieber künstlicher Schnee als gar keiner.

Unterschächen oberklassig
Nach drei schneearmen Wintern ziehen auch viele andere Langlauf-Gebiete den Einsatz von Schneekanonen (oder Schneelanzen) in Erwägung. Weit fortgeschritten ist die Gemeinde Unterschächen am Klausenpass. Das Urner Dörfchen auf 1000 m will sich als Langlauf-Destination einen Namen schaffen und fortan von Mitte November bis Mitte März eine sichere Loipe anbieten – für Hobbysportler, aber auch für Kurse und Wettkämpfe. Dafür hat der Tourismusverein mit viel Herzblut und kräftigen Investitionen ein Langlaufzentrum geschaffen, das infrastrukturell kaum Wünsche offen lässt. Die Schächentaler testen zwei unterschiedliche Beschneiungssysteme: die Schneekanonen, die effizient sind, aber auch laut und relativ teuer. Sowie die Schneelanzen, die weniger effizient sind, dafür weniger Lärm und Kosten verursachen. Das Beispiel könnte Schule machen. Die 5,5 km lange Loipe, die übrigens beleuchtet und jeden Abend bis 21 Uhr geöffnet ist, wurde derart gut präpariert, dass sie auch einer Warmwetterperiode standhalten könnte.

Einsiedeln und die Universiade
Andere Gebiete in der Zentralschweiz blicken mit Interesse auf den Vorstoss Unterschächens – Studen beispielsweise, aber auch Einsiedeln. Das Klosterdorf ist bei der Winteruniversiade 2021, die erstmals seit 1962 wieder in der Schweiz (Luzern-Zentralschweiz) stattfinden wird, als Austragungsort der Langlauf-Wettbewerbe vorgesehen. Für die Durchführung der Wettkämpfe haben die Einsiedler die Auflage erhalten, spätestens bei Testwettkämpfen im Winter 2019/20 Schneesicherheit garantieren zu können. Das schaffen sie nur mithilfe einer Kunstschneeproduktion. Ein heikles Thema – wie vielerorts hierzulande. «Allein der Begriff ‹Schneekanone› ist ein Reizwort», weiss Erich Schönbächler, bei Loipen Schweiz verantwortlich für die Infrastruktur. Wie beim Einsatz in den alpinen Skigebieten gebe es viele Fragen zu klären: Die örtlichen Begebenheiten, die Ressourcen von Wasser, die Auflagen des Natur- und Gewässerschutzes, die Einsprachen von Anliegern – und nicht zuletzt die Kosten und Finanzierbarkeit. «Am Ende», so Schönbächler, «muss sich jedes Gebiet fragen: Was wollen wir? Und was sind wir bereit, dafür zu investieren?» Fragen, die nirgendwo einheitliche Antworten finden.

Snowfarming in Davos
Snowfarming heisst das Übersommern des Schnees, wie es hierzulande vor allem in Davos praktiziert wird (Headerbild). Rund 20 000 Kubikmeter Schnee, im Winter mit Schneekanonen produziert, werden im Frühling in einem Kälteloch im Flüelatal gelagert – und mit einer 40 Zentimeter dicken Schicht Sägemehl bedeckt, um das Schmelzen zu reduzieren. Mit dem verbliebenen Schnee (rund 70 Prozent) wird dann jeweils im Oktober die 4-Kilometer lange Flüela-Loipe präpariert. So bleibt der Schnee von gestern die ganze Saison aktuell.

Snowfactory in Lenzerheide
Snowfactory heisst der Schnee-Erzeuger, der dank ausgeklügelter Kühltechnik Eisplättchen ausspuckt (kleines Bild). 27 Tage brauchte die Snowfactory in Lenzerheide, um die 4000 Kubikmeter Kunstschnee für die Loipe bei der Biathlon-Anlage zu produzieren. Eine Schneekanone ist mehr als zehnmal leistungsfähiger, doch für Schneekanonen ist es im September auf 1400 m zu warm. Die Snowfactory hingegen kann zu jeder Jahreszeit eingesetzt werden, um Schnee zu erzeugen. Die in zwei Schiffscontainern installierte Anlage in Lenzerheide hat etwa eine Million Franken gekostet.

News teilen