Artikel - FIT for LIFE Magazin

Schmerzmittel

Interview Sportarzt Patrik Noack

Sportarzt Patrik Noack erklärt, wann Schmerzmittel sinnvoll sein können und wieso der Schmerzmittelgebrauch auch gefährlich sein kann.

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Patrik Noack, wie rasch werden im Leistungssport schmerzlindernde Medikamente geschluckt?
Vor allem in Einzelsportarten sind die meisten Schweizer Leistungssportler aus meiner Sicht gut aufgeklärt und für das Thema sensibilisiert. Sie kennen das Potenzial, aber auch die Gefahren von Schmerzmitteln und sind entsprechend zurückhaltend und vorsichtig im Umgang damit.

Gleichzeitig weiss man, dass der Einsatz von Schmerzmitteln sowohl im Mannschafts- wie auch im Einzelsport vor und bei wichtigen Wettkampfeinsätzen massiv ansteigt und zur Tagesordnung gehört. Was sagen Sie dazu?
Bei wichtigen Wettkampfeinsätzen stellt sich die Frage, welche Schmerzen man unterdrücken will und ob das für ein möglichst kleines Zeitfenster vertretbar ist. Es ist ein stetes Abwägen der Vor- und Nachteile. Grundsätzlich ist eine einmalige Einnahme von Schmerzmitteln nur für den Wettkampf sicher vertretbarer als ein mehrtägiger oder noch längerer Einsatz. Dass ein Olympiasportler, der sich jahrelang auf sein grosses Ziel vorbereitet hat, bei Schmerzen kurz vor seinem Einsatz nicht einfach aufgeben will, ist verständlich. Der SchmerzmittelGebrauch sollte aber auf keinen Fall zur Gewohnheit werden.

Wann sind für Sie Schmerzmittel die erste Wahl bei der Therapie?
Zuerst muss man wissen: Der Einsatz von Schmerzmitteln kann während intensiven sportlichen Leistungen zahlreiche Nebenwirkungen haben. Schmerzmittel wirken sich zudem negativ auf eine Frakturheilung aus und können bei längerer Einnahme – mehr als maximal drei bis fünf Tage am Stück – auch Muskel- sowie Band-Reparaturprozesse negativ beeinflussen. Dann verkürzen sie die Heilung nicht, sondern verlängern sie. Bei Traumata und Überlastungsbeschwerden im Sport gibt es zu Beginn aber oft auch überschiessende Entzündungsreaktionen, und da ist der Einsatz von Schmerzmitteln durchaus sinnvoll und hat seine Berechtigung.

Schmerzmittel sind also eher bei Akutverletzungen und weniger bei chronischen Beschwerden sinnvoll?
Am sinnvollsten ist der Einsatz von alternativen Medikamenten, denn der Schmerz ist ein Warnsignal und dieses Signal sollte grundsätzlich nicht unterdrückt werden. Aber ja, in einer frühen Phase einer Verletzung können Schmerzmittel positive Auswirkungen auf die Funktionalität haben.

Müssen die Schweizer Olympiasportler angeben, wenn sie Schmerzmittel schlucken?
Grundsätzlich sollten alle Medikamente angegeben werden, damit das Medical Team transparent informiert ist. Die meisten Sportler machen dies so. Auch bei Dopingkontrollen lohnt es sich alle Medikamente anzugeben, auch wenn diese erlaubt sind. Denn Verunreinigungen können vorkommen.

Wie stehen aus Ihrer Erfahrung Breitensportler dem Thema gegenüber?
Viele sind bezüglich Schmerzmittel recht sorglos unterwegs, die meisten sind sich der Gefahren wohl gar nicht bewusst. Vermutlich auch, weil der Schmerzmittelgebrauch im Alltag weit verbreitet ist und nur wenig über mögliche negative Folgen gesprochen wird. Das zeigt sich auch bei mir in der Praxis, ich werde als Sportarzt erstaunlich wenig darauf angesprochen.

Nehmen wir ein Praxis-Beispiel aus dem Ausdauersport: Ein Hobbyläufer will unbedingt am Jungfrau-Marathon teilnehmen, obwohl er weiss, dass nach zwei Stunden Laufen Arthroseschmerzen im Knie auftreten. Vorsorglich schluckt er kurz vor dem Start ein Ponstan. Vertretbar oder ein No-Go?
Das Problem bei Schmerzmitteln im Ausdauersport ist, dass die in den Schmerzmitteln vorhandenen Wirkstoffe den Magen-Darm-Trakt und die Nieren während der Bewegung belasten. Bei diesem Beispiel liegt die Gefahr einer Schmerzmittel-Einnahme daher weniger darin, dass der Läufer sein Kniegelenk zusätzlich überlastet, denn bei einem Bergaufmarathon sind die Schläge auf die Gelenke moderat. Vielmehr muss er aufpassen, dass er auf seine Körpersignale achtet und sich nicht bis zur totalen Erschöpfung verausgabt, da bei grosser Hitze und Dehydratation die Belastung auf Magen und Niere zusätzlich verstärkt wird. Wenn der Läufer sonst keine Schmerzmittel einnimmt, im Wettkampf defensiv ans Werk geht, genügend trinkt und das Erlebnis geniesst, würde ich ihm für sein einmaliges Saisonhighlight grünes Licht geben.

Ein anderes Beispiel: Eine Hobby-Velofahrerin wagt sich an ihren ersten Radmarathon, hat Angst vor Muskelschmerzen und beabsichtigt, diese mit einem Schmerzmittel zu beseitigen, wenn sie auftreten. Vertretbar oder No-Go?
In diesem Fall würde ich definitiv davon abraten. Wenn es nur darum geht, mit Schmerzmitteln die Erschöpfung oder mögliche Ermüdungsbeschwerden zu beseitigen, sollte man die Finger davonlassen. Wenn man energetisch ein sportliches Ziel nicht ohne Schmerzmittel schafft, sollte man besser trainieren.

Und noch das letzte Praxis-Muster: Kurz vor dem GP Bern vertritt sich ein Läufer den Fuss, worauf dieser anschwillt. Am Wettkampftag ist es zwar deutlich besser, aber dennoch schmerzt der Fuss bei jedem Tritt. Schmerzmittel ja oder nein?
Wenn man das Gefühl hat, man könne laufen und unbedingt mitmachen will, würde ich es tendenziell ohne Schmerzmittel versuchen, denn der Schmerz sorgt dafür, dass man nicht unkontrolliert rennt und die Sache noch weiter verschlimmert. Daher lieber etwas langsamer unterwegs sein oder halt aufgeben, wenn es nicht geht. Und unmittelbar nach dem Einsatz das verletzte Gelenk kühlen.

 

 

 

 
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