Ronnie Schildknecht über Hitze-Wettkämpfe

«Je mehr Masse, desto mehr Kühlung!»

Ein Ironman verlangt alles ab. Wenn dann noch extreme Wetterbedingungen dazukommen, verkommt der Wettkampf zu einer wahren Hitzeschlacht. Ronnie Schildknecht weiss Rat.

Copyright: Andreas Gonseth

Wetterprognose: 35 Grad. Sonnig. Kaum Bewölkung. Schöne Aussichten, wenn man sich auf einen Tag im Schwimmbad freuen kann. Nicht ganz so schöne Aussichten, wenn an einem solchen Tag ein Ironman ansteht wie Ende Juli in Zürich. Ein Ironman verlangt alles ab, physisch, aber auch mental. Wenn dann noch extreme Wetterbedingungen dazukommen, wird der Kampf gegen die Distanzen zu einer wahren Hitzeschlacht.

Ich hatte lange Angst vor solchen Rennen, dachte immer: «Ich bin nicht für die Hitze gemacht.» Das bin ich natürlich mit meinem vergleichsweise massigen Körper auch nicht unbedingt. Mir liegen tiefere Temperaturen eher. Ich erinnere mich an eine Austragung des Ironman Switzerland, als die Temperaturen so kühl waren, dass mein Kollege und Mitfavorit Mathias Hecht unterkühlt aufgeben musste. Die Wettervorhersage war damals nicht ganz so dramatisch, wie sich das Wetter dann in der Realität präsentierte. Zu den eher kühlen Temperaturen kamen auch noch Regenschauer. Ich weiss, dass ich an diesem Tag eines meiner besten Rennen ablieferte.

Gleichzeitig erlebte ich schon richtig schlechte Rennen an heissen Sommertagen. Und daraus schloss ich dann, dass meine Chancen bei Hitze schon mal ohnehin schlecht stünden. Inzwischen ist etwas Zeit vergangen. Und ich habe den Ironman Switzerland schon bei Temperaturen um 37 Grad gewonnen. Auch in diesem Jahr war die Hitze bei meinem Heimrennen ein Faktor – jedoch nicht der Entscheidende für den Ausgang des Rennens, das Jan van Berkel verdient gewinnen konnte. Ich hätte in Zürich zu gerne meinen zehnten Sieg gefeiert, doch es sollte nicht sein. Mein Schwimmen war solide, meine Radleistung auch – dafür, dass ich alles alleine fahren musste – und der Marathon war gut. Aber gut reichte nicht.

Natürlich bin ich enttäuscht darüber, dass es nicht geklappt hat, denn wenn ich in Zürich starte, dann um zu gewinnen. Und wenn ich nicht gewinne, werte ich das – so brutal das klingen mag – als Niederlage. Ein bisschen Genugtuung stellte sich dann aber doch noch ein, weil ich mit dem fünften Rang immerhin genügend Punkte holte, um die Qualifikation für die Ironman-Weltmeisterschaften auf Hawaii zu schaffen.

Äusserliches Abkühlen
Und jetzt gilt meine ganze Motivation dem Ironman Hawaii. Ich möchte für dieses Rennen nochmals alles herausholen und Neues ausprobieren. Hawaii ist ein Hitzerennen par excellence, bei dem auch noch der Faktor Feuchtigkeit hinzukommt. Das macht Hawaii zu einem der schwierigsten Rennen überhaupt.

Ich habe mir vorgenommen, bis Oktober noch etwas an Gewicht zu verlieren, ganz nach dem Motto: Extreme Bedingungen erfordern eine extreme Vorbereitung. Nein, im Ernst. Ich gehörte nie zu den Leichtgewichten im Sport. Und ich denke, auf Hawaii kann ich nur noch etwas reissen, wenn ich etwas leichter an den Start gehe als gewohnt.

Je mehr Masse man hat, desto mehr muss der Körper runtergekühlt werden. Und das Runterkühlen ist per se bei einem Rennen wie Hawaii eine echte Herausforderung. Am einfachsten ist es, sich regelmässig mit Schwämmen zu beträufeln oder auch einmal eine Flasche Wasser über den Kopf zu leeren.

Sämtliches, was von aussen kühlt, ist willkommen. Genauso sind kalte Getränke reizvoll, weil sie so herrlich erfrischend sind. Hier muss jeder für sich abwägen, ob er diesen kurzfristigen Effekt möchte und gleichzeitig mittelfristig im Wettkampf in Kauf nimmt, dass der Körper dies dann wieder reguliert, indem er sich innerlich eher wieder erhitzt.

Zwingend Salzzufuhr
Wichtiger als die Temperatur der Getränke erscheint mir im Vorfeld und während eines Hitze-Rennens aber, dass genügend Elektrolyte aufgenommen werden. Diese sind in gewisser Menge in den jeweiligen Getränken und Gels der Veranstalter schon enthalten. Was allerdings bei langen Distanzen zwingend zusätzlich zugeführt werden muss bei Hitze, ist Salz! Ich nehme rund vier Gramm pro Stunde zu mir. Grundsätzlich werden zwei bis neun Gramm stündlich empfohlen, abhängig davon, wie gut der Körper akklimatisiert ist und wie stark man schwitzt. Und Achtung: Genauso wie ein Zuwenig kann auch ein Zuviel des Salzes der Leistung abträglich sein. Deshalb empfehle ich stets, die ganze Wettkampf-Ernährung im Training zu testen. Und zwar mit dem Wissen, dass im Wettkampf die Belastung eine höhere sein wird, was einen Einfluss auf die Verträglichkeit haben kann.

Wer zudem meint, bei Hitze viel mehr trinken zu müssen, liegt falsch. Ich selbst nehme nie mehr als einen Liter Flüssigkeit pro Stunde zu mir. Und je nach Gewicht kann dies auch einiges weniger sein. Ich hatte schon einmal eine sogenannte Wasservergiftung beim Ironman Switzerland 2004, weil ich mehr Flüssigkeit zu mir genommen hatte, als der Körper aufnehmen konnte. Mir wurde dermassen schwindlig, dass ich von der Ambulanz auf der Laufstrecke abgeholt und ins Medical Tent gebracht werden musste. Dort war man darum bemüht, meinen Salzhaushalt wieder ins Lot zu bringen. Ähnliches ist mir seither nicht wieder passiert, man lernt ja aus seinen Fehlern.

Vorsicht vor Sonnenbrand
Im Kampf gegen die Hitze lohnt es sich auch, die Auswahl der Kleidung zu bedenken. Ich kann mich noch an den Dänen Torbjørn Sindballe erinnern, der auf Hawaii mit einem weissen Langarmshirt für Aufsehen sorgte, als er 2007 Dritter wurde. Sein Outfit wurde belächelt, doch es machte Sinn, denn: Je weniger Haut der Sonne ausgesetzt ist, desto besser und desto kleiner die Chance, einen Sonnenbrand zu kassieren. Heute tragen fast alle Athleten Dresses mit Ärmeln bis zu den Ellbogen. Vor allem aufgrund der Aerodynamik, aber mit dem netten Nebeneffekt, dass die von vielen gefürchteten Sonnenbrände an den Schultern wegbleiben. Wer übrigens Sonnenbrände in Kauf nimmt, nimmt auch eine Leistungseinbusse in Kauf, denn ein Sonnenbrand ist mehr als nur ein verbranntes Stück Haut. Zum einen schmerzt er, und zum anderen wird das Immunsystem verstärkt aktiviert, was für den Körper zusätzlichen Stress bedeutet. Genauso wird die Haut bei Sonnenbränden mehr durchblutet, was die Muskeldurchblutung beeinträchtigt. Also: Immer gut schützen!

Nicht zuletzt erfordert heisses Wetter auch einen angepassten Wettkampfplan. Das richtige Einteilen ist bei extremen Bedingungen existenziell, denn ein Fehler hat in einem Hitze-Rennen viel grössere, weitreichendere Auswirkungen als bei «normalen» Bedingungen. Pacing ist daher entscheidend. Wer damit noch unerfahren ist, dem empfehle ich, es lieber ein bisschen langsamer anzugehen. Hart wird es früher oder später sowieso.

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