Ronnie Schildknecht über die Trainer-Frage im Triathlon

«Im Coaching ist die Kommunikation entscheidend»

Der Schweizer Ironman-Athlet Ronnie Schildknecht äusserst sich über die Vor- und Nachteile eines Trainer-Engagements im Triathlonsport.

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Es war im Jahr 2002, ganz am Anfang meiner Karriere, als ich zusammen mit meinem Freund Marc Widmer an meiner ersten Duathlon-Langdistanz am Powerman Zofingen startete. Ich wurde gecoacht von Olivier Bernhard, der neben anderen Spitzencracks wie Stefan Riesen oder Chris McCormack ebenfalls am Start war. Marc und ich waren sehr nervös, aber wir waren nicht die einzigen. Auch bei Chris war die Anspannung spürbar, war es doch für ihn die erste Langdistanz. Das stellte ich bei der Pasta- Party fest, als er, der Star, zu mir – vergleichsweise ein Anfänger – kam und mich um einen Rat bat. Ich glaube nicht, dass ich ihm eine angemessene Antwort gegeben hatte. Jedenfalls kam er tags darauf nicht ins Ziel... Ich hingegen wurde Sechster. Und dies, obwohl ich nicht auf Coach Oli gehört hatte und im Laufen und  Radfahren Vollgas gab, statt mich etwas zurückzunehmen. Am Bodenberg jedenfalls war ich vor Olivier und der rief zu meinem Vater am Strassenrand: «Der da vorne spinnt.» Recht hatte er, denn das abschliessende Laufen war brutal und ich musste noch einige Athleten vorbeilassen.

Intuitive Entscheidungen

Natürlich ging es in meinem Fall ganz gut auf. Schliesslich ist ein sechster Rang für die Premiere in Zofingen eine sehr starke Leistung. Doch eigentlich sollte man sich grundsätzlich an das halten, was man zuvor mit dem Coach besprochen hat. «Grundsätzlich» schreibe ich, weil ich hier verdeutlichen will, dass man immer die Verantwortung bei sich selbst haben sollte als Athlet. Man trifft Entscheidungen im Rennen, für die der Coach nichts kann, da sie meist intuitiv und innert weniger Sekunden getroffen werden. Und manchmal haben sie eben so gar nichts zu tun mit dem, was man sich eigentlich vorgenommen hatte, respektive mit dem, was mit dem Coach abgesprochen war. Weshalb ein Coach trotzdem Sinn macht? Die Zusammenarbeit mit einem Trainer beschränkt sich ja glücklicherweise nicht nur auf das Besprechen einer Wettkampftaktik, sondern beinhaltet in erster Linie Trainingsplanung und damit verbunden auch Saisonplanung, Leistungssteuerung und vieles mehr. Kurzum: Der Trainer ist im besten Fall eine Vertrauensperson, mit der man sich über all das, was einem im (Trainings-)Alltag beschäftigt, austauschen kann.

Die Zweifel ohne Coach
Olivier war mein erster Coach. Als ich zum ewz power team stiess, wurde es Marc Bamert, der kurz davor seine aktive Karriere beendet hatte. Mit Marc verband mich auch eine freundschaftliche Beziehung. Wir telefonierten wöchentlich, besprachen die vergangene Woche, analysierten meine Trainings und wie ich mich  wann fühlte. Er half mir in dieser Zeit meiner Karriere sehr, und es gab mir Sicherheit, mich mit ihm auszutauschen. Mit den Erfolgen wuchsen dann meine eigene Sicherheit und meine Erfahrungen, sodass ich der Meinung war, auch ohne Coach auskommen zu können. Das tat ich eine ganze Weile, und es gab mir etwas mehr Freiheit. Damit verbunden kam aber irgendwann auch ein Gefühl stetigen Hinterfragens. Trainiere ich genug? Liege ich nun hin, weil ich müde bin oder weil ich gerade keine Lust habe? Müsste ich nun nicht noch eine lange Einheit einplanen? Wann soll ich nach Hawaii fliegen? Ich hatte «nur» noch Trainingskollegen und das familiäre Umfeld, um diese Fragen zu besprechen, und irgendwie merkte ich dann: Mir fehlt ein Coach. Weil die Telefonate mit meinem brasilianischen Freund in San Diego, Juliano Teruel, selbst einmal ambitionierter Athlet, immer häufiger wurden und wir uns auch oft während meiner Hawaii-Vorbereitungen in San Diego sahen, entschied ich mich für ihn als Coach. Dass er mich schon so lange kannte, half anfangs extrem, da er stets wusste, was mir gut tun würde und wir uns deshalb fast blind verständigen konnten. Auch kam es selten zu Meinungsverschiedenheiten, und wir hatten stets eine gute, entspannte und lustige Zeit.

Die Kehrseite der Komfortzone
Und irgendwie waren wir ein bisschen wie Brüder. Das sind wir heute noch, nur ist er heute nicht mehr mein Coach. Für die letzten Jahre meiner Karriere wollte ich nochmals einen neuen Input, den ich mit Lubos Bilek auch habe. Ich profitiere enorm von seinen Erfahrungen als Weltklasse-Coach. Er trainiert unter anderem meine Kollegen Sebastian Kienle und Andi Boecherer und übrigens auch meinen neuen bmc-ettixx-Teamkollegen Maurice Clavel. Daraus ergeben sich für sämtliche Athleten interessante Symbiosen, und gemeinsame Trainingslager oder Vorbereitungscamps machen auch einen selbst besser. Zudem verhalf mir Lubos als Coach auch zu neuer Motivation. Er holte mich auch aus einer gewissen Komfortzone heraus, in die ich mich über die Jahre etwas begeben hatte. Und er hat die Distanz, die mir oder auch Juliano damals gefehlt hatte, also eine gesunde Aussensicht. So war retrospektiv vieles vielleicht etwas zu eingespielt, sodass mir manchmal neue Reize fehlten. Oder mir das, was ich erlebte, einfach nicht zusagte. So war ich beispielsweise in der Zeit, als ich von Juliano gecoacht wurde, einmal in der Hawaii-Vorbereitung mit Chris McCormack. Wir trainierten hart und viel, hatten aber dennoch Spass und schlossen uns für einige Trainings einer Gruppe um einen bekannten Coach an. Abends verabredeten wir uns mal mit dieser Gruppe zum Barbecue. Weil wir eingeladen waren, dachten wir, würden wir für das Dessert besorgt sein und brachten ein paar Guetzli mit. Während die Frauen nur darauf schielten, assen wir genüsslich davon. Sie hatten ein Süssigkeiten-Verbot aufgebrummt erhalten, was mich ziemlich irritierte und was meiner Meinung nach zu weit geht in der Beziehung Coach-Athlet. Wenn schon das Gewicht zur Debatte steht - und das ist meiner Meinung nach bei Triathletinnen extrem heikel – sollte man eine Zusammenarbeit mit einer Ernährungsberaterin in Betracht ziehen. Dies habe ich übrigens letztes Jahr getan, als ich mich von der Deutschen Caroline Rauscher beraten liess, weil ich noch ein paar Pfunde zu viel mit mir rumschleppte. Und zwar nicht Fett, sondern Muskeln... Nein, im Ernst: Gewisse Dinge sind nicht Aufgabe eines Coaches. Andere umso mehr. Nämlich zu spüren, was ein Athlet gerade braucht, wann der Athlet sich im Training eher zurücknehmen oder nochmals pushen sollte. Objektiv und ohne Emotion analysieren, neue Wege aufzeigen und motivieren. Und dem Athleten damit ein Gefühl von Sicherheit geben. Ganz egal ob Hawaii-Sieger oder Altersklassen-Athlet.

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