Ronnie Schildknecht über den nötigen Biss im Training

«Ich muss wissen, wofür ich leide»

Ironman-Athlet Ronnie Schildknecht über den Biss für harte Trainings und seine Motivation dank Zwift.

Copyright: Andreas Gonseth

Seit über fünfzehn Jahren bin ich im Spitzensport und trainiere Tag für Tag, um an Wettkämpfen meine Topleistung erbringen zu können. In dieser Zeit habe ich viele Trends in Sachen Material, Ernährungsform und Training erlebt. Eine ganze Weile hiess es: lang und lokker trainieren. Irgendwann kam dann die Meinung auf, lange und harte Einheiten würden zum Erfolg führen. Ich gehörte nie zu den Anhängern dieser Theorie. Manch einer hat sich damit kaputt trainiert. Seit einigen Jahren ist High Intensity Intervall Training, kurz «HIIT», bei den Triathleten wörtlich der Hit. Ich für mich weiss, was mir guttut und was mein Körper braucht. Doch kann man nach so vielen Jahren überhaupt noch neue Reize setzen? Natürlich, das muss man sogar, wenn man sich noch weiterentwickeln möchte. Wenn man nämlich tagein und tagaus dasselbe macht, langweilt man sich schnell, und Körper und Kopf werden träge. Und: Wer im Training keine Reize setzt, kann im Wettkampf nicht ans Limit. Denn um an die Leistungsgrenze gehen zu können, muss man diese auch kennen.

Mehr Motivation mit Zwift
Ich für mich habe Zwift entdeckt. Zwift ist eine interaktive Trainingsplattform. Mit ihr kann man Gruppen-Ausfahrten machen, zusammen Intervalle bestreiten oder interaktiv an Wettkämpfen teilnehmen.  Inzwischen habe ich ein paar Freunde, die ebenfalls «zwiften» und wir verabreden uns regelmässig zu gemeinsamen Zwift-Einheiten. Wie man einander erkennt, wenn man nicht wirklich nebeneinander trainiert? Jeder kann sich einen sogenannten Avatar «basteln» mit dem gewünschten Outfit von Trikot, Helm, Rad schuhen bis hin zu den Radsocken. Und natürlich hat man auf der Plattform auch einen Benutzernamen. 

Mich motivieren solche Zwift-Sessions ungemein, denn im Winter finde ich das klassische Rollentraining zu Musik oder bestenfalls zu einem guten Film irgendwann langweilig. Wird mir aber suggeriert, dass ich in einer Gruppe fahre oder an einem Rennen teilnehme, kann ich mich fast so sehr pushen, als wenn ich tatsächlich in einer Gruppe fahren würde.  Das Ganze lässt sich übrigens auch auf dem Laufband machen. Ich habe seit Kurzem ein solches im Trainingsraum unseres neuen Hauses stehen. Und ja: Zum ersten Mal habe ich überhaupt einen Trainingsraum. Zuvor 
stand die Rolle mit meinem Rennvelo in unserem Schlaf zimmer, was meine Frau tolerierte, aber nicht wirklich toll fand. Sie dachte: Besser im Schlafzimmer, als wenn unsere Tochter im Wohnzimmer drüber stolpert. Ich bin ohnehin enorm dankbar dafür, jetzt mein eigenes Indoor-Trainingsreich zu haben. Auch das verpasst mir einen neuen Motivationsschub. Wie auch das neue Rudergerät, das nun ebenso in meinem Trainingsraum steht.

Reize anderer Sportarten
Was Triathlon mit Rudern zu tun hat? So direkt nichts. Doch Rudern ist ein ausgezeichnetes Training, das sämtliche Muskeln des Körpers beansprucht. Und da sind wir wieder beim Thema Reize setzen. Meiner Meinung nach müssen Reize nicht zwingend nur in den Triathlon-Sportarten gesucht werden. Das Wichtigste ist, dass sie dem Körper neue Inputs geben. Ich habe im Winter Mario Gyr, den Olympiasieger von Rio im Leichtgewichts-Vierer, kennengelernt. Wir haben mit Maserati denselben Auto-Sponsoren und begegnen uns immer wieder irgendwo. Es ist sehr interessant, mich mit ihm auszutauschen. Er muss über ein paar Minuten eine Wahnsinns-Performance erbringen, während ich im Ausdauerbereich über einige Stunden meine Leistung abrufen muss. Ich bin der Überzeugung, dass beides gleich hart ist. 

Spannend – und für mich auch logisch – ist, dass er genauso an seiner Ausdauer arbeiten muss wie auch ich an meiner Spritzigkeit. Mario hat mir versprochen, mich mal auf den See auf eine Rudereinheit mitzunehmen und mir ein paar Tipps zur richtigen Rudertechnik beizubringen. Ich freue mich bereits darauf. Und ich weiss schon jetzt, dass mir danach Muskeln schmerzen werden, von denen ich vergessen hatte, dass ich sie habe. Genau so setzt man neue Reize und genau darin liegt für uns Triathleten auch der Sinn, mal etwas anderes auszuprobieren. Natürlich denken alle von uns, wir seien «komplette» Sportler, weil wir drei Sportarten auf hohem Niveau beherrschen. Das heisst aber nicht, dass wir keine Defizite haben. Und jeder weiss auch, wie gut es dem Kopf tut, einmal etwas anderes als das Gewohnte zu tun. 

Train hard, race easy
Ich stelle mir Rudern auf dem See sehr anstrengend vor, aber nicht nur. Ich denke, auf dem Wasser lässt sich auch sehr gut den Kopf abschalten und neue Energie sammeln fürs Triathlon-Training. Denn wenn man mal aus der Routine ausbricht, macht sie wieder mehr Spass. Und Spass ist genauso wichtig wie die Motivation. Diese kommt bei mir natürlich nicht nur wegen eines neuen Trainingsraums oder eines alternativen Trainings, sondern – und das ist meiner Meinung nach das Wichtigste: im Setzen von Zielen. Ich muss wissen, wofür ich etwas tue, wofür ich leide. 

Ich bin nicht der Typ, der einfach mal so gerne leidet. Ich brauche ein Ziel, und je unmittelbarer es ist, desto mehr fokussiere ich mich darauf und desto stärker wird alles diesem Ziel untergeordnet. Und desto mehr kann ich auch im Training leiden. Ich weiss heute, wann die entscheidenden Trainingsphasen sind vor einem Ironman und wie ich diese zu gestalten habe. Dabei zähle ich auf die Unterstützung meines erfahrenen Coachs Luboš Bilek. Wir sprechen uns ab und er macht mir daraufhin einen Plan, an den ich mich immer dann besonders gut halte, wenn es wichtig ist. Und wenn ich es mal nicht kann, dann wird das mit Luboš besprochen. Denn ich weiss: «Train hard, race easy» funktioniert nur, wenn man auch hart trainiert. 

Was hart ist, ist aber individuell. Dem einen, der nicht viel Umfänge trainieren kann, mag eine lockere, sechsstündige Ausfahrt mehr abverlangen als ein Intervalltraining. Den anderen, der sich längere Ausfahrten gewohnt ist und schon seit jeher Ausdauersport macht, schmerzen Intervalltrainings mehr. Und genau deswegen bringt es nichts, irgendeinem Trainingstrend nachzulaufen.

News teilen