Ronnie Schildknecht über den Materialwahn im Triathlon

Marketing mitentscheidend

Ich schwimme, fahre und laufe nun schon seit über 15 Jahren in der Triathlon-Weltgeschichte herum. In dieser Zeit hat sich in unserem Sport eine Menge getan.

Copyright: Andreas Gonseth

Triathlon erfreut sich nicht nur einer fortlaufend zunehmenden Beliebtheit, sondern erlebt auch eine stetige Professionalisierung. Diese zeigt sich unter anderem im Material, das sich immer weiterentwickelt. Während ich meinen ersten Sieg am Ironman Switzerland 2007 mit einem «normalen» Rennrad mit Aufsatz – einem «Stängeli-Velo» – bestritt, bin ich heute mit den modernsten Zeitfahrmaschinen meines Radsponsors unterwegs. Gerade zu Beginn meiner Karriere war ich wohl für die Mechaniker ziemlich anstrengend, weil ich immer etwas an meinem Rad anpassen wollte. Da waren die Räder noch zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Radprofis, denn eigentliche Zeitfahrmaschinen gab es noch nicht. Und ja: Die Bedürfnisse der Radprofis sind nicht zu vergleichen mit jenen von Triathleten. Schliesslich ist beim Radprofi nach dem Radfahren Schluss, während für den Triathleten nach dem Rad-Abschnitt der Wettkampf erst so richtig beginnt. Gerade weil die Bedürfnisse von Triathleten andere sind als jene von «reinen» Schwimmern, Radfahrern und Läufern, waren Triathleten schon immer erfinderisch und experimentierfreudig beim eigenen Material. So kam es oft vor, dass Radfahrer oder Läufer sich von den Triathleten etwas abschauten. Zum Beispiel die Triathlon-Lenker – oder Kompressionsstrümpfe.

Und da sind wir schon mitten drin im Materialwahn, der in unserem Sport Einzug gehalten hat. Während wir stets mit der Optimierung unseres Materials und unseres Körpers beschäftigt sind, amüsieren sich Nicht- Triathleten ob unserer modischen Fehltritte. So tragen viele Athleten ihre Kompressionsstrümpfe in der Vorund Folgewoche eines Ironmans, kombiniert mit Flip- Flops, kurzer Hose und Finishershirt – was übrigens bei den Profis als absolutes No-Go gilt. Dass Kompressionsstrümpfe aber helfen – zum Beispiel bei Longjogs, im Wettkampf oder auf langen Flügen – steht ausser Frage. Gemäss Tests sind sie auf dem Rad aerodynamischer als nackte (und rasierte) Beine. Wenn es ums beste Material geht, dreht sich alles um Aerodynamik. Kommt dazu, dass es im Triathlon bei den Fahrrädern keine Restriktionen gibt. Während im Radsport nur die klassischen Diamantrahmen erlaubt sind, sieht man bei uns wieder vermehrt Rahmen, die ohne eigentliches (durchgehendes) Sattelrohr auskommen. Sie sind zwar schwerer als andere Zeitfahrmaschinen, ihre Geometrie soll aber aerodynamische Vorteile bringen. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass unabhängig von der Rahmengeometrie alle Velos der Top-Marken auf ähnlichem Level sind. Was die Qualität dieser Räder ausmacht, sind neben Aerodynamik auch Faktoren wie Komfort und Individualisierbarkeit. Damit meine ich nicht wie bei einem Auto die Lackierung oder Innenfarbe. Es geht vielmehr darum, wie sehr sich das Rad auf meinen Körper einstellen lässt. Rad und Athlet müssen eine Einheit sein.

Das setzt voraus, dass man sich auf seinem Rad wohlfühlt. Und mir persönlich muss mein Rad gefallen, ich muss mich mit Freude draufsetzen. Da bin ich meinem Radsponsor dankbar dafür, dass er bisher auf neuartige Rahmen verzichtet hat und auf die schönen, klassischen Diamantrahmen setzt. Natürlich liebe ich mein Rad noch ein bisschen mehr, wenn auch die Beine gut sind und es einfach «fliesst». Das bedingt, dass man richtig auf seinem Rad sitzt. Während man früher davon ausging, dass ein schnelles Velo reicht, um schnell zu sein, investieren heute viele in eine saubere Einstellung ihres Rads oder testen gar im Windtunnel, wie schnittig sie unterwegs sind und wie sie ihre Position optimieren können, ohne dass der Komfort leidet. Ich finde eine genaue Einstellung des Rads unabdingbar. Was Windtunnel betrifft: Kann man machen. Aber erst, wenn man mit dem Training ausgereizt ist. Also erst, wenn es mit Training schwieriger ist, zehn Watt herauszuholen als mit einer optimierten (windtunnelgeprüften) Position. Natürlich geht es im Triathlon nicht nur um eine aerodynamische Position auf dem Rad, auch die Wettkampfanzüge und die Radschuhe sind inzwischen so gefertigt, dass sie sich möglichst gut im Wind bewähren. Und ja, auch damit kann man sicherlich noch das eine oder andere Watt herausholen. Hinter einigen Neuerungen und Erfindungen steckt manchmal aber sicher mehr Marketing als anderes.

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