Ronnie Schildknecht über das Windschattenfahren im Triathlon

Triathlon ohne Taktieren

Entspricht das Windschattenfahren dem Geist des Triathlons? Sollte man die Abstand-Regel überdenken? Ironman-Athlet Ronnie Schildknecht denkt nach.

Copyright: Andreas Gonseth

Ich selbst bin kein grosser Fan von Triathlons mit Windschattenfahren. Auf der olympischen Distanz geht es «nur» noch darum, mit Anschluss an die Spitze aus dem Wasser zu kommen, sich auf dem Rad taktisch klug zu verhalten und dann die abschliessenden zehn Kilometer Laufen runterzuspulen. Einige wenige Athleten wie die Brownlee-Brüder bilden eine Ausnahme. Damit wir uns richtig verstehen: Die Kurzdistanz-Athleten sind die leistungsstärksten Triathleten und können auch schnell zeitfahren, wie jüngst Olympiasieger Jan Frodeno auch beim Ironman Hawaii bewiesen hat. Trotzdem haben für mich diese taktischen «Spielchen» auf der Kurzdistanz wenig mit der ursprünglichen Idee des Triathlons zu tun, welche darin bestand, die drei Disziplinen möglichst schnell als Einzelkämpfer zu absolvieren. Bei den traditionsreichen amerikanischen Kurzdistanzrennen hat das Windschattenverbot interessanterweise weiter Bestand. Hier erwachte der ursprünglich in den 20er-Jahren in Frankreich erfundene Sport 1974 neu, als in der vor San Diego gelegenen Lagune Missions Bay 46 Teilnehmer über sechs Meilen Laufen (10 km), fünf Meilen Radfahren (8 km) und 500 Yards Schwimmen (0,5 km) gegeneinander antraten. Einer der Teilnehmer war der Marine-Offi zier John Collins, der später auf Hawaii stationiert war und als einer der Initianten des ersten Ironman Hawaii von 1978 gilt. Aber genug der Geschichte. Ich bin nicht auf der Langdistanz gelandet, weil dort Windschattenverbot gilt, sondern weil ich damals im Jahr 2000 als Zuschauer beim Ironman Hawaii (ich war in San Diego in einem Sprachkurs und entschied mich spontan, auf die Insel zu fl iegen) so fasziniert war davon, dass ich wusste, dass ich das auch mal erleben wollte.

Man profitiert auch mit Abstand
Als Langdistanztriathlet muss man mit seiner Energie haushalten und einschätzen können, wie viel Anstrengung es verträgt. Ich bin es gewohnt, nach dem Schwimmen Zeit auf die Konkurrenz gutmachen zu müssen, und nehme das Risiko in Kauf, dafür energetisch etwas ans Limit zu müssen. Schliesslich muss ich ja irgendwann aufholen, wenn ich am Ende des Wettkampfs vorne dabei sein will. Da ich als guter Radfahrer bekannt bin, habe ich oft auch ein paar Athleten im Schlepptau, die hoffen, hinter mir fahrend noch in die Nähe der Spitze zu kommen. Dabei halten sich die allermeisten an die im Ironman geltende Regel von zehn Metern Abstand. Trotzdem profitiert man noch immer und spart Kräfte, da man nicht direkt dem Wind ausgesetzt ist. Ich schätze, mit 10 Metern Abstand muss man etwa 15 Watt weniger drücken als derjenige, der vorne fährt. Ein nicht zu unterschätzender psychologischer Vorteil, wenn man weiss, dass man weniger Energie aufwenden muss als der Gegner. Hinzu kommt, dass jemand das Pacing macht und man sich einfach an dieses halten kann. Trotzdem fahre ich nicht gerne hinten. Ich bin der Typ Athlet, der gerne bestimmt und sich nur an schlechten Tagen hinten in der Gruppe aufhält – oder auch mal im Wechsel. Wie beispielsweise im vergangenen Jahr beim Ironman Hawaii, als ich zusammen mit meinem Teamkollegen Bart Aernouts fuhr und wir gemeinsam das Profifeld von hinten aufrollen konnten. Wir bestritten die Vorbereitung zusammen und sagten schon vor dem Rennen: «Sollten wir zusammen aus dem Wasser kommen, dann fahren wir zusammen.»

Ob die Abstände eingehalten werden, wird übrigens von Schiedsrichtern auf Töffs genauestens kontrolliert. Dabei spielen sich manchmal absurde Szenen ab. Die Regel besagt, dass nach einem Überholmanöver der Überholte die zehn Meter Abstand einhalten muss. Drückt er nicht gleich auf die Bremse, kann ihm eine Zeitstrafe drohen. Eine solche habe ich nur einmal erhalten – auf Hawaii. Damals gab es noch die Regel des seitlich versetzten Fahrens bei Einhalten des Abstandes. Da in der Strassenmitte immer Autos fuhren, war die Sicht nach vorne eingeschränkt. Ich konnte den Mann vor mir nicht mal sehen und wusste entsprechend auch nicht, ob ich versetzt fahren würde. Dennoch befand ein Race- Marshall, ich hätte mich nicht an die Regel gehalten und brummte mir eine 4-Minuten-Zeitstrafe auf. Ich dachte in meinem Ärger nur «typisch Ami!».

Pulks gibt es überall

Gerade auf Hawaii sehe ich ironischerweise oft, wie mir ganze Pulks mit Altersklassenathleten entgegenkommen, wenn ich von Hawii, dem Wendepunkt, zurück nach Kona unterwegs bin. Natürlich können die Schiedsrichter nicht überall sein, und genauso können sie auch nicht zwanzig Athleten gleichzeitig bestrafen, aber die Bilder sprechen da manchmal schon für sich. Ob es gewisse Rennen gibt, die fragwürdig sind bezüglich Windschattenfahrens? Ich denke nicht, dass man es an Rennen festmachen kann – leider kommen Pulks in allen Wettkämpfen vor – und die Fehler liegen gar nicht immer bei den Athleten selbst. Gerade wenn mehrere Velorunden zu absolvieren sind, kommt es schlicht zu einem Platzproblem. Man stelle sich zweitausend Athleten verteilt auf 90 Kilometer vor, von denen viele ein ähnliches Niveau haben. Da kommt es zwangsläufig zu Engpässen. Trotzdem begrüsse ich die neue Regelung an Challenge-Rennen, die von den Athleten 20-m-Abstände verlangt. Ob sie bei den Altersklassenathleten umsetzbar ist, wird sich zeigen. Aber gerade bei uns Profis macht sie Sinn, und es kommt zu keinen Verfälschungen mehr! Ich wünsche mir, dass sich die Kollegen von den Ironman-Events diese Regel abgucken und sie künftig an allen Langdistanzrennen gilt. Dann wären wir wieder bei diesem Ursprünglichen, fast Archaischen, das ich am Triathlon so liebe, und der Triathlet ist wieder der einsame Einzelkämpfer.

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