Ronnie Schildknecht über das Profitieren im Windschatten

Ironman ist keine Gruppenausfahrt

Seit Jahren sorgt der Radsplit bei Ironman-Rennen für hitzige Diskussionen. Das sagt Ronnie Schildknecht zum Thema Windschattenfahren beim Ironman.

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Es ist nicht das erste Mal, dass ich über das Thema Windschattenfahren schreibe. Bereits vor zwei Jahren habe ich meine Meinung kundgetan und gesagt: Ich bin kein Fan davon. Vor allem nicht auf der Langdistanz, bei der es ursprünglich ja mal darum ging, als Einzelkämpfer ins Ziel zu kommen. Inzwischen ist das Taktieren längst auch im Ironman angekommen. Dies hat zum einen damit zu tun, dass Kurzdistanzathleten auf die Langdistanz gewechselt haben und diese sich im Gruppenfahren bestens auskennen. Zum anderen ist die zunehmende Leistungsdichte ein wesentlicher Grund, weshalb taktiert wird. Im Vergleich zu früher befinden sich viel mehr Athleten auf ähnlichem Niveau, was dazu geführt hat, dass sie im Wettkampf auch zusammen unterwegs sind. Zusammensein bedeutet auf dem Rad nach Ironman-Reglement ein Abstand von zehn Meter. Zu wenig? Meiner Meinung nach: ja! Ich weiss, wie es ist, mit diesem Abstand in einer Gruppe zu fahren - wir sprechen hier von locker 15 Watt Ersparnis gegenüber einem Athleten, der «alleine» fährt. Und je höher die Tempi, desto grösser der Vorteil. Dieser Umstand führt dazu, dass Athleten, die nicht an der Spitze aus dem Wasser kommen, bei gut besetzten Rennen praktisch keine Chance mehr haben, alleine nach vorne zu kommen. Es sei denn, sie heissen Sebastian Kienle oder Lionel Sanders. Gerade bei Letzterem war es spannend, im vergangenen Jahr bei der Halbdistanz-WM die Werte zu vergleichen. Sanders konnte keine Minute auf die Konkurrenz vor ihm gutmachen, obwohl seine Wattwerte deutlich höher waren als jene von Athleten, die sich vorne in der Gruppe befanden. Für Lionel war das natürlich extrem frustrierend - was er auch öffentlich kundtat. Logisch, könnte man einwenden: Er muss halt einfach schneller schwimmen! Stimmt, dann wäre für ihn das Problem gelöst. Aber das Argument greift nicht, weil es immer Athleten gibt, die eine Gruppe verpassen und danach alleine nicht gegen diese Gruppen ankommen können.

Beim Ironman Switzerland ist das Windschattenfahren zumindest an der Spitze kaum ein Thema, da hier die Dichte nicht so gross und die Radstrecke weniger «anfällig» ist. Je bergiger der Kurs, desto eher fallen Gruppen auseinander und desto fairer werden damit die Rennen. «Anfällige» Radstrecken sind schnelle, vorwiegend flache Kurse. In Zürich habe ich diesbezüglich noch nie ein unfaires Rennen erlebt. Ich will die Fairness auch von anderen Athleten nicht in Abrede stellen, doch manchmal werden aus den reglementarisch geforderten zehn Metern Abstand halt auch mal nur sieben oder acht. Denn seien wir mal ehrlich: Wer kann in der Hitze des Gefechts in einem Wettkampf mit eher wenig Sauerstoff im Gehirn ganz genau sehen, ob er acht oder zehn Meter Abstand zum Vordermann einhält? Und wer hält sich hundert Prozent korrekt an die vorgegebenen Abstände, wenn die anderen rundherum sich nicht ebenso genau daran halten? Ich war schon in dicht gedrängten Gruppen unterwegs und erstaunt, wie vergleichsweise locker es da zuging, fast wie auf einer Kaffeefahrt. Aber für mich ist Ironman eben keine Gruppenausfahrt, und lange halte ich das in Gruppen sowieso nie aus. Doch schlussendlich sind die Beine derer, die in der Gruppe gefahren sind, meist etwas frischer als diejenigen von Athleten, die alleine fahren mussten. Vorausgesetzt natürlich, die Athleten waren nicht über ihrem Limit, um sich überhaupt in der Gruppe halten zu können.

Dieselben, die mit dem Einwand kommen, man müsse halt einfach schneller schwimmen, werden auch einwenden, dass beim Schwimmen die schwächeren Schwimmer ja ebenfalls von den besseren profitieren können. Das stimmt natürlich, jeder weiss um den Vorteil des Wasserschattens. Aber über die ganze Wettkampfdauer macht der Profit auf dem Rad doch einiges mehr aus und hat auf den weiteren Rennverlauf - konkret auf das abschliessende Laufen - einen deutlich grösseren Einfluss. Wer sich im Wasser einem schnelleren Schwimmer anhängen kann, gewinnt in diesen fünfzig Minuten nicht so viel wie einer, der sich die gesamte Radstrecke von viereinhalb Stunden mit zehn Metern Abstand hinter dem Vordermann schont. Wie könnte man die Situation verbessern? Man könnte Einzelstarts einführen - wie etwa im Langlaufen - und alle drei Minuten einen Athleten ins Wasser schicken. Ob das dann «fair» wäre? Bei wechselnden Bedingungen - zum Beispiel einsetzendem Regen oder sich ändernden Windverhältnissen - sicher nicht. Ob es attraktiver würde? Ganz sicher auch nicht, denn dann wüsste man während mindestens neun Stunden nicht, wer der Sieger ist und müsste immer wieder rechnen, wer sich im Rennen gerade wo befindet. Eine andere Option: Man erlaubt das Windschattenfahren und behauptet dann endlich nicht mehr, dass es sich beim Ironman um Radfahren ohne Windschatten handelt, was derzeit definitiv nicht der Fall ist. Allerdings birgt eine solche Regelung bei den Altersklassenathleten, die nicht alle so sattelfest Radfahren können, eine enorme Unfallgefahr.

Ich denke, die Lösung liegt (wie so oft im Leben) irgendwo in der Mitte, oder in diesem Fall konkret in Zahlen: mindestens 15-20 Meter hinter dem Hinterrad des Vordermanns. Natürlich ist eine solche Regelung bei den Altersklassenathleten nicht umsetzbar, für 2000 Athleten ist da auf der Strecke rein rechnerisch schlicht zu wenig Platz vorhanden. Dafür gäbe es bei den Profis keine verfälschten Resultate mehr und jeder müsste selber etwas tun, um das Rennen zu gestalten. Ganz so, wie es früher einmal die Idee war. Mittlerweile könnte man diese Idee übrigens technisch einfach umsetzen mit Geräten, welche die Distanzen zueinander messen können und ein Signal von sich geben, wenn man sich zu nah bei einem anderen Gerät befindet. Ein ganz persönlicher Vorteil für mich: Ich müsste mir so keine Gedanken mehr machen, wie frisch wohl die Beine meiner Konkurrenten sind. Denn sie wären ganz bestimmt nicht frischer als meine, weil sie ebenso alleine fahren mussten...

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