Ronnie Schildknecht über das Beobachten der Konkurrenz

«Ich konzentriere mich nicht auf die anderen.»

Internet, Social Media, Magazine: Wer sich über Triathlon informieren möchte, könnte dies pausenlos tun. Wie geht Ronnie Schildknecht damit um?

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Während vor 15 Jahren noch Zeitschriften vorherrschend waren, sind das heute entweder deren Webseiten, neue Plattformen oder die Instagram- und Facebook-Profile der Athleten selbst. Ich persönlich beziehe meine Infos noch immer aus sämtlichen Quellen, wobei ich feststelle, dass ich gerade Hintergrundberichte gerne in Zeitschriften-Form habe, um sie mal in Ruhe zur Seite zu legen und bei Gelegenheit wieder reinzuschauen.

Das können Artikel aus dem deutschen Magazin «Triathlon» sein oder eben hier in der Schweiz auch aus der vorliegenden Zeitschrift. Dazu informiere ich mich online über www.triathlon.de, www.tri2b.com und seit Kurzem auch bei www.pushing-limits.de. Interessant finde ich auch die Analysen von Thorsten Radde, der jeweils vor Wettkämpfen die Konkurrenz in Favoriten und Aussenseiter einschätzt aufgrund vergangener Ergebnisse und mathematischer Zusammenhänge. Dank ihm wusste ich 2018, dass ich auf Hawaii der Athlet mit den meisten Starts sein würde. Dieses Gefühl war speziell, weil es mir zeigt, wie konstant ich mich über die vielen Jahre stets für Hawaii qualifiziert habe. Gleichzeitig wurde mir aber auch vor Augen geführt, dass meine Karriere keine fünf Jahre mehr dauern wird.

Nicht allem Glauben schenken
Seit dem Aufkommen von Social Media mit Facebook und Instagram sind ebendiese auch probate Informationsquellen. Ich folge einigen Athleten, neben den Schweizern natürlich auch den Deutschen Sebastian Kienle (ihn manage ich ja auch) und Jan Frodeno, dazu Maurice Clavel, Lionel Sanders sowie dem Belgier Bart Aernouts, mit dem ich schon lange befreundet bin. Unser Sport ist noch immer übersichtlich bei den Profis und wir haben grundsätzlich einen freundschaftlichen Umgang, sodass es normal ist, einander zu folgen. Natürlich ist man manchmal auch neugierig, was die Konkurrenz so postet, was sie gerade trainiert oder sonst erlebt hat. Ich bin allerdings nicht der Typ, der aufgrund von Social-Media-Beiträgen interpretiert oder analysiert.

Denn ich weiss, dass teils Trainings gepostet werden, die so nicht absolviert wurden. Der ehemalige australische Hawaii-Sieger Chris McCormack hat dies regelmässig getan. Er war schon bei uns zu Besuch und beschrieb an einem Tag auf den Sozialen Medien einen Trainingstag, den es so nie gegeben hatte. Als ich ihn fragte, weshalb er solchen Mist schreibe, sagte er: «Die Konkurrenz sieht ja alles und macht sich dann ihre Gedanken.»

So etwas wäre mir nie in den Sinn gekommen, doch als Chris davon erzählte, wurde mir klar, dass er nicht der Einzige war, der dies praktizierte. Die taktische Kriegsführung reicht entsprechend viel weiter, als man denkt. Das Gute daran: Wenn man sieht, was die Konkurrenz (vermeintlich) trainiert, motiviert es einen, weiter zu trainieren und sich zu verbessern. Ob in diesem Fall stimmt, was gepostet wird, ist zweitrangig.

Generell nutze ich Instagram nicht nur zur Information, sondern auch als Inspiration. Deswegen folge ich den Tennisspielern Roger Federer, Novak Djokovic und Rafael Nadal sowie den Mountainbikern Nino Schurter und Lars Forster. Dazu kommen natürlich noch einige mehr. Nennenswert wäre vielleicht noch der «Mixed-Martial-Arts»-Kämpfer Connor McGregor, den ich extrem unterhaltsam finde.

Daten-Freak Kurt Müller
Natürlich bin auch ich mal neugierig und schaue, was die Konkurrenz so tut – im Grossen und Ganzen geht es mir dabei aber eher um Inhaltliches, wie neue Trainingsformen oder Ernährungskonzepte, als um einzelne Athleten. Wer genau woran glaubt, interessiert mich weniger. Ich verfolge einfach alles, was mich weiterbringen könnte und thematisiere das auch in Gesprächen mit meinem neuen Coach Kurt Müller. Er hat einen wissenschaftlichen Ansatz zum Training, ist ein Daten-Freak und analysiert alles. Ich hatte mich immer gegen zu viel Analyse gewehrt und bin stets dem Rezept gefolgt, mehr nach dem Gefühl zu trainieren. Auch jetzt steht das Gefühl noch im Vordergrund, aber alles basiert auf Daten. Gleichzeitig gilt: Daten sind nur etwas wert, wenn sie auch richtig interpretiert werden.

Wer mich kennt, sagt sich jetzt womöglich: «Der Ronnie war doch immer einer, der nach Gefühl trainierte!» Stimmt, aber ich möchte 
einen neuen Anreiz und den habe ich definitiv mit dem Ansatz von Kurt. Und dieser schliesst ja das Gefühl, das nach wie vor wichtig ist, nicht aus. Seit ich mit Kurt zusammenarbeite, mache ich wieder regelmässig Leistungstests, um Daten vergleichen zu können. Ich habe diese Tests zwar schon früher gemacht. Aber heute habe ich mit Kurt jemanden, der sie noch besser zu interpretieren weiss als ich. Schlussendlich muss aber jeder selbst sein Rezept finden, um erfolgreich zu sein.

Zum Schluss noch eine lustige Anekdote: Bei einem Event des gemeinsamen Sponsors Breitling für das Projekt Qhubeka, das Kindern für den Schulweg Velos zur Verfügung stellt, sind Daniela Ryf, Nino Schurter und ich gemeinsam joggen gegangen. Da haben wir über Trainingsphilosophien gesprochen. Nino erzählte, wie er alle seine Trainings genau in ein Trainingstagebuch einträgt und er hat Daniela gefragt, ob sie dies genauso mache. Sie lachte nur und sagte: «Ich habe noch nie irgendwas notiert, ich höre nur auf mein Gefühl.» Nino kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und meinte nur: «Dein Gefühl alleine sagt dir, ob du in Topform bist? Das kann ich mir nicht vorstellen.» Und doch ist es bei ihr scheinbar so. Viele Wege führen schliesslich nach Rom.

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