Ronnie Schildknecht über Agegrouper im Triathlon

«Die Lockersten sind meist die Besten»

Sie arbeiten, haben oft Familie und betreiben Triathlon. Ironman-Profi Ronnie Schildknecht ist voller Bewunderung für die Altersklasseathleten in seinem Sport.

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Während es mir als Profi schon manchmal schwerfällt, Familie, berufliche Verpflichtungen und Training unter einen Hut zu bringen, frage ich mich oft, wie das die Agegrouper schaffen. Denn Triathlon ist ein sehr aufwendiges Hobby, müssen doch gleich drei Sportarten – und diese oft im Ausdauerbereich – trainiert werden. Neben enormer Disziplin, Planung und vielen Entbehrungen erfordert Triathlon deshalb auch eine grosse Portion Leidenschaft, Triathlon zum Hobby zu haben. Diese Leidenschaft ist – wie ich oft beobachte – der Motor, der Altersklassenathleten antreibt. Und oft wird Triathlon für sie so auch mehr als nur ein Hobby, sondern eben Lebensstil oder gar Lebensinhalt. Ich habe grossen Respekt vor diesen Athleten, ich sehe, wie viel sie auf sich nehmen und welche Leistungen sie erbringen. Und das ganz unabhängig davon, ob sie einen Ironman in neun oder fünfzehn Stunden finishen. Während es vor einigen Jahren für viele noch das Ziel war, überhaupt an einem Ironman teilzunehmen und diesen zu finishen, lautet die Tendenz heute schon eher: noch besser, noch schneller und bitte immer die persönliche Bestzeit unterbieten. Ich verstehe diesen Anspruch, schliesslich wendet wie gesagt sehr viel Zeit (und Geld!) auf, wer über die halbe oder ganze Ironman-Distanz startet. Dieses Streben jedes einzelnen, immer besser zu werden, hat zu einer grösseren Dichte geführt. Das sportliche Niveau der Altersklassenathleten ist inzwischen so hoch, dass sich nicht selten der Beste von ihnen unter den Top 10 oder Top 20 overall zu klassieren vermag. Dabei muss man anfügen, dass der Amateursport um einiges professioneller geworden ist über die Jahre: Viele trainieren nicht einfach nur, sondern lassen sich trainieren. Sie reisen in Trainingslager, schrauben in wichtigen Phasen ihre Arbeitspensen runter und nehmen auch mal einige Zeit unbezahlten Urlaub. Genauso kontrollieren sie ihre Ernährung und optimieren, wo man optimieren kann. So unterscheidet sich ihr Alltag – während einer gewissen Zeit – gar nicht gross von jenem eines Profis. Manchmal trainieren sie sogar vergleichbare Umfänge wie wir. Dabei geraten viele in eine Stolperfalle und gehen davon aus, dass sich mit mehr Fokus auf den Sport automatisch auch das Niveau verbessert. Doch ich habe ehrlich gesagt schon einige Male genau das Gegenteil erlebt. Weil sich Amateursportler zu viel aufgebürdet haben, weil sie zu hohe Erwartungen an sich hatten und weil sie dachten, mehr bringe automatisch mehr. Sie wollten schlicht zu viel. Und plötzlich war es fertig mit der Lässigkeit!

Locker und leidenschaftlich
Und genau diese Lockerheit braucht es, um erfolgreich zu sein, unabhängig davon, ob man Profi oder Amateur ist. Ich erlebe dies bei mir selbst: Wenn ich es schaffe, trotz Anstrengung, Druck und Nervosität eine gewisse Lockerheit zu behalten, bin ich immer am besten. Mit Lockerheit meine ich nicht Gleichgültigkeit, sondern die Fähigkeit, Freude und Spass nicht zu verlieren, im richtigen Moment einen Schritt zurück zu machen und den Sport aus der Distanz zu betrachten. Also die Perspektive zu wechseln und dadurch alles in die richtige Relation zu setzen. Ich habe in der Triathlon-Szene den «Ruf», locker und entspannt zu sein und viele meinen vielleicht «der Schildknecht hat halt einfach Talent». Doch damit allein ist es nicht getan. Genauso wie ich locker sein kann, kann ich auch hart sein. Doch extrem hart kann nur sein, wer Körper und Kopf auch Leistungspausen gibt. Gerade für Altersklassenathleten ist das nicht einfach, da sie stets bemüht sind, alles in sehr begrenzter Zeit zu schaffen. Alles ist ein Kompromiss. Ich weiss, die Agegrouper, die diesen Artikel lesen, denken sich vielleicht «der Schildknecht kann gut reden, der weiss ja nicht, was es bedeutet, Agegrouper zu sein». Stimmt, ich bin keiner, doch seit geraumer Zeit betreue ich ein paar von ihnen, gebe ihnen meine Erfahrungen von bald fünfzehn Jahren Spitzensport weiter und helfe ihnen im regen Austausch sportlich und mental auf ihrem Weg, bessere Athleten zu werden. Ich bin in meiner Karriere schon so vielen Athleten – aus der Profi- und Amateurkategorie – begegnet. Und schlussendlich sind die, die nicht alles bierernst nehmen und auch mal entspannen können, diejenigen, die langfristig Erfolg haben. Ein paar Begegnungen haben mich auch persönlich geprägt. Jene, die meine Kolumne regelmässig lesen, wissen, dass Stefan Riesen einer dieser Athleten ist, der mich immer wieder beeindruckt hat und von dem ich viel lernen konnte. Ein anderer Typ, der mit seinem Spirit für den Triathlon eine echte Bereicherung darstellt, ist Andreas Niedrig. Bald schon 50 Jahre alt, startet er noch immer in der Pro-Kategorie und hat dabei eine solche Freude an der Sache, dass sich der eine oder andere Athlet eine Scheibe davon abschneiden sollte. Als Jugendlicher war Niedrig Nachwuchs-Schwimmer, ehe er drogensüchtig wurde. Sein Buch «Vom Junkie zum Ironman» erzählt seine berührende Lebensgeschichte. Er steht für mich stellvertretend dafür, dass mit der richtigen Motivation (fast) alles möglich ist. Andreas Niedrig ist eine sehr inspirierende Persönlichkeit und vermutlich hat er eine solche Freude an allem, weil für ihn nichts selbstverständlich ist. Vielleicht sollten wir uns alle manchmal dessen besinnen, dass nichts selbstverständlich ist, und uns statt vom Leistungswille mehr von der Freude und vom Spass leiten lassen.

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