Rollskitouren

Das spezielle Erlebnis

Rollskifahren ist keine Massensportart, aber eine, von der unser Autor Claude Ramme nicht genug kriegen kann. Seine besten Tourentipps.

Copyright: Andreas Gonseth
Copyright: Andreas Gonseth

Rollskifahren? Ist das nicht nur etwas für angefressene Langläufer, die den Sommer nicht ohne das passende Laufgefühl überleben? Ganz egal, wo man mit Rollski durchs Flachland rollt, man wird nicht selten als Sonderfall eingestuft – und den einen oder anderen Spruch setzt es auch ab. Zum Beispiel: «Da vorne hats Schnee.» Oder das Gegenteil: «Rollski? Macht man das, weils keinen Schnee mehr gibt?»

Stimmt schon, Rollski ist die perfekte Sommeralternative zum Langlaufen. Der Bewegungsablauf ist sowohl beim Skating als auch beim Klassisch der gleiche. Und ja, die Weisheit, dass der gute Langläufer im Sommer gemacht wird, hat ihre Richtigkeit. Allein: Tatsächlich ist der Winter mehr und mehr Glücksache. Im Flachland ist die kalte Jahreszeit, was Schnee anbelangt, seit einigen Jahren häufig inexistent. Und das Ziel, fahrbare Loipen, rückt in immer weitere Fernen. Selbst Rennen werden – wenn überhaupt – nicht selten auf Schneebändern im Gras ausgetragen. Unvergessen der Anblick vor gut drei Jahren, als in Samedan eine 4-Kilometer-Loipe in die Wiese gelegt wurde. Die Vorstellung, dass Loipen auf Kunstschnee präpariert werden, ist längst keine Fantasie mehr.

Mehr Kilometer als auf Schnee
Und genau hier kommen die Rollski ins Spiel. Denn die Rollenverhältnisse kehren sich um, Langlaufen wird zum Vorbereitungssport fürs Rollskifahren. Als Unterländer mache ich pro Jahr mittlerweile rund viermal mehr Kilometer auf Rollen als auf dem weissen Gold. Das meiste in unmittelbarer Nähe, auch als Städter teils direkt von der Haustür aus. Es braucht kein Spurgerät und auch keinen Loipenpass – den ich selbstverständlich immer löse –, sondern bloss die geeignete Umgebung. Und die findet sich wortwörtlich überall. Das Grossartige am Rollskifahren in der Schweiz ist das hervorragend ausgebaute Fahrradnetz sowie die vielen asphaltierten Nebenstrassen. Meine Touren sind zwischen 15 und 60 Kilometer lang und grösstenteils komme ich komplett ohne Autoverkehrsberührung aus – also immer auf besagten Velowegen oder kaum befahrenen Nebenstrassen.


DAS GILT ES ZU BEACHTEN
Rollski gibt es gesetzlich nicht
In der Schweiz gelten gemäss Strassenverkehrsgesetz (SVG) Rollski als sogenannte fahrzeugähnliche Geräte (fäG). Der Begriff Rollski ist in den Gesetzesbestimmungen nicht aufgeführt (im Gegensatz zu Rollschuhen), es gelten aber die gleichen Gesetze/Regeln. Die Gesetze sind unter den Artikeln 50 und 50a festgehalten.

Wo sind Rollski erlaubt?

  • Auf offiziellen Skate- und Radwegen
  • Auf für Fussgänger bestimmten Verkehrsflächen
  • In Tempo-30- und Begegnungszonen
  • Auf der Fahrbahn von Nebenstrassen, wenn entlang der Strasse Trottoirs und Radwege fehlen und das Verkehrsaufkommen zum Zeitpunkt der Benützung gering ist

Wo sind Rollski verboten?

  • Auf Hauptstrassen
  • Auf signalisierten gelben Radstreifen
  • In Fussgänger-Verbot-Zonen sowie im Verbot für fahrzeugähnliche Geräte

Kurz und gut:

  • Für die Benützung von Rollski gelten die für Fussgänger anwendbaren Verkehrsregeln
  • Die Geschwindigkeit ist den Umständen und Besonderheiten des Gerätes anzupassen. Diese Regel ist insofern wichtig, als dass Rollski grundsätzlich ohne Bremsen ausgerüstet sind
  • Auf Fussgänger ist Rücksicht zu nehmen und diesen der Vortritt zu gewähren
  • Auf der Fahrbahn muss rechts gefahren werden. Auf Radwegen muss die für Radfahrer vorgeschriebene Fahrtrichtung eingehalten werden
  • Wer nachts unterwegs ist, muss sich oder seine Rollski vorne mit einem weissen und hinten mit einem roten Licht ausrüsten

Klar, ein bisschen Übung muss sein, und es ist hilfreich, wenn man ohne Bremsen bremsen kann, denn zwischendurch gehts auch im Flachland bergab. Und logisch, man ist wachsam gegenüber den möglichen Gefahren – Motorräder, Autos, Lieferwagen, die aus Ausfahrten oder einer Nebenstrasse heraus- oder in diese hereinschiessen, weil sie uns nicht sehen oder unser Tempo falsch einschätzen. Ich suche immer nach möglichen Fluchtrouten – das kann auch der Strassengraben sein oder die Weide rechts (hoffentlich ohne Kuhdraht). Für die Wettkampfsimulation, für Intervalle und ähnliche Trainingsformen empfehlen sich sichere Routen ohne Verkehr – auch die gibts im Unterland zuhauf.

Weitab vom Verkehr
Eine meiner Lieblingstouren (mit Klassisch- Rollski) von Pfäffikon führt über den Etzelpass und anschliessend rund um den Sihlsee. Auf den Etzelpass führt kein abgesperrter Radweg und auch Radstreifen ist keiner vorhanden. Am Sihlsee zwischen Egg und Euthal ist das Fahren auf Rollski am Strassenrand erlaubt, auf der anderen Seite hat es einen Radweg oder aber ein Trottoir, das genutzt werden darf. Wohingegen die Tour in der Linthebene nahezu ausschliesslich auf Nebenstrassen respektive ausgeschilderten Radwegen erfolgt.
Auch der Weg rund um den Flughafen Zürich eignet sich prima fürs Rollskitraining, genau wie der Weg rund um den Greifensee, den ich aufgrund seiner Beliebtheit aber nur unter der Woche und nur frühmorgens empfehlen kann. Die Strecke an den Rhein und zurück ist jederzeit möglich, ebenso die Route auf dem Rheindamm ab Sargans – am besten gleich bis St. Margrethen. Dort ist zudem von Vorteil, dass Fussgänger einen eigenen Weg unten am Fluss haben. Auch der Walensee eignet sich (z. B. ab Linthebene) und dann gleich weiter durchs Seeztal bis Sargans. Alles wunderbare Velowege weitab vom Verkehr.

Gelassenheit bringts 
Natürlich gibt es ausser den klassischen Hindernissen wie Autos auch klassische Hindernisse wie Dolendeckel, Gitter, Steine, Nussschalen oder einen grottenschlechten Strassenbelag. Auch Naturstrassen tauchen ab und an auf – wie zum Beispiel kurz vor Egg auf der Etzeltour. Mit den einen Rollski (Klassisch) geht das, mit anderen (Skating) eher nicht. Da hilft dann nur: abschnallen und zu Fuss weiter. Wie auch, wenns arg steil wird, bergab notabene. 5% Gefälle sind noch fahr- bzw. bremsbar, darüber wirds mitunter haarig und je nach Umgebung gefährlich (Ausfahrten, Kurven). Spätestens ab 8-10% steige ich in jedem Fall aus der Bindung und laufe. Weshalb ich auf langen Touren immer einen Rucksack mit Turnschuhen dabei habe.

Was macht denn die Faszination einer Rollski-Tour aus? So klar definiert ist das nicht, denn auch eine lange Trainingsrunde kann eine Tour sein. Aber beim Training kommt das Spezifische dazu – der Trainingsinhalt, der Puls, das Tempo, die Technik(-übungen). Oder etwas genauer: eine sich systematisch wiederholende Ertüchtigung mit dem Ziel, die körperliche, kognitive und emotionale Konstitution in der Weise zu verbessern, dass eine erhöhte Leistungsfähigkeit in der jeweiligen Sportart resultiert.


DIE WICHTIGSTEN ACCESSOIRES
Alles, was Rollskifahrer brauchen
Rollski (Skating oder Klassisch). Können auch gemietet werden, für alle, die es einmal ausprobieren wollen. Skating-Rollski sind mit +/– 60 cm Länge etwas kürzer als das klassische Pendant, und sie haben schmale Gummiräder. Bei der Klassisch-Bindung ist bei einem der beiden Achspaare eine Rücklaufsperre eingebaut.
Bindung: Darauf achten, dass es eine Rollskibindung ist – die Belastung ist grösser als auf Langlaufski, sodass es immer wieder zu Belastungsbrüchen gekommen ist, weshalb viele Ausrüster empfehlen, die härtere Rollskibindung einzubauen.
Stöcke mit Hartmetall-Spitzen. Für Asphalt sind Winterspitzen zu weich. Das Stockmaterial kann das Gleiche wie im Winter sein. Wers kann, wechselt die Spitzen selber.
Langlaufschuhe Klassisch oder Skating. Grundsätzlich können winters wie sommers die gleichen Schuhe genommen werden – im Sommer wirds dann halt ziemlich warm. Daher bieten heute einige Ausrüster Sommer-Rollskischuhe an.
Helm, Handschuhe, Proviant, wettertaugliche Kleidung. Achtung: Beim Rollskifahren (genau wie beim Langlaufen) wird der ganze Körper beansprucht. Daher eher eine Schicht weniger als mehr. Rucksackläufer sind im Vorteil.
Auf Touren: Rucksack, Laufschuhe (für den Fall nicht fahrbarer Abfahrten), Proviant, Ersatzwäsche, Microfaser-Handtuch (die Dusche danach), Geld, evtl. Ausweis.


Bei der Tour hingegen geht es einfach gesagt um den Genuss. Gut möglich, dass aus der Länge oder der Topografie so etwas wie ein Trainingseffekt resultiert, das ist aber nicht das Entscheidende.

Ich gehe Touren wesentlich langsamer an. Wobei die Tour über den Etzelpass den Puls auf ausdauernde ±170 hochjagt – gemütlich ist anders. Die Tour an den Rhein ist zum einen mal ziemlich lang, zum anderen ist es fast unmöglich, auf so einer Länge keine Berührung mit dem Verkehr zu haben. Jeder Radweg, jede kaum befahrene Nebenstrasse ist irgendwann fertig – und damit fertig lustig. Hier empfiehlt sich: Tempo rausnehmen, das Ganze entspannt angehen, öfters als sonst nach hinten gucken. Meine Erfahrung ist, dass sich 99,9 % aller motorisierten Verkehrsteilnehmer sehr rücksichtsvoll benehmen – auch wenn ich als Schmalspurpilot deren freie Fahrt kurzzeitig verunmögliche.

Schon etwas Lust auf Rock’n’Roll? Hier finden Sie viele Infos und Touren im Überblick: www.rocknrollski.ch

News teilen