Quervelo, Cyclocrosser, Gravel-Bike und Co.

Eine Orientierungshilfe

Worin unterscheiden sich Quervelo, Cyclocrosser, Endurance-Renner und Gravel-Bike? Der Versuch einer Orientierungshilfe.

Copyright: Andreas Gonseth

Das Quervelo kennen wir Schweizer schon länger, die Weltserie nennt sich mittlerweile Cyclocross World Cup und immer häufiger ist in den Katalogen der Hersteller auch der Begriff Gravel-Bike anzutreffen. Gemeint ist überall dasselbe, nämlich, pragmatisch ausgedrückt, simpel ein Breitreifen- oder Geländerennrad.

Womit zumindest schon mal klar ist, dass bei dieser Gattung Untersätze irgendwo zwischen Crosser und Marathon-Rennrad der gebogene Lenker der Strassenrennszene zum Einsatz kommt und nicht ein gerader wie im Mountainbikesport üblich. Und dass die Pneus breiter sind als bei gängigen Rennrädern. Das ist aber auch schon alles, was definiert ist. Doch der Reihe nach.

Für den Renneinsatz konzipiert
Ursprünglich bestanden Quervelos aus einem reinrassigen Strassenrahmen mit Rennlenker. Der einzige Unterschied zu den klassischen Teerflitzern bestand darin, breitere Pneus mit gröberem Profil aufzuziehen, um im Schlamm nicht aus der Kurve zu rutschen. Schon bald wurden spezielle Rahmen gebaut, die den bulligen Reifen genug Platz boten und dafür sorgten, dass der Dreck nicht steckenblieb. Das Quervelo war so jahrelang einer sportlich ambitionierten Kundschaft vorbehalten, die in tief gebückter Haltung zu Trainingsund Wettkampfzwecken durch Feld, Wald und Wiese fuhr.

Mit dem Mountainbike-Boom Ende der Achtzigerjahre wurde auch der Breitensport ins Gelände gelockt. Das von Offroadliebhabern bevorzugte Terrain wurde rauer und rauer. Erst brauchte es sehr breite Pneus, kleinere Räder, einen geraden Lenker und mehr Gänge mit vorne drei Kettenblättern, dann kam die Federung vorne, die Federung hinten, noch mehr Federung überall. Die Mountainbikes setzten zum Siegeszug an. Alu löste Stahl ab, Karbon verdrängte Alu. Und irgendwann wurden die Räder wieder grösser von 26 auf 29 Zoll, dann wieder etwas kleiner, die Pneus dafür immer fetter und der Federweg immer länger.

Quervelo lange traditionell
Die Diversifizierung der Mountainbikes in Untersätze für jeden Geländetyp schritt unaufhörlich voran, sodass es heute für jeden, aber auch wirklich jeden spezifischen Einsatz den dazu passenden Untersatz gibt. Vom E-Bike-Boom ganz zu schweigen.

Das Quervelo hingegen blieb lange ähnlich puristisch gebaut wie früher und vorwiegend für den Renneinsatz konzipiert. Die wichtigsten Kennzahlen: 28-Zoll-Räder, ein kurzer Radstand wie beim Rennrad, ein recht steiler Lenkwinkel für Wendigkeit, eine relativ sportliche Sitzposition mit dem Gewicht auf dem Vorderrad und ein höher gelegenes Tretlager, um auch durch die Kurven pedalen zu können. Und eher schmale Stollenreifen, was im Wettkampf reglementarisch vorgegeben ist. Bei offiziellen Quer- bzw. Cyclocross-Rennen dürfen die Reifen nicht breiter als 33 mm sein. Aufgrund des Mehrgewichts fehlen am klassischen Quervelo für den Wettkampfeinsatz meist auch Bidonhalter an den Rahmen, und Scheibenbremsen setzen sich nur sehr zögerlich durch. Die Profis müssen in den Rennen auf den schlammigen Rundkursen ja nur selten bremsen...

Neues Potenzial im Breitensport
Ganz anders die Entwicklung im Breitensportsegment. Dort erkannten die Hersteller, dass zwischen den puristischen und für den Rennsport gebauten Quer- oder Cyclocross-Velos und den bulligen Mountainbikes mit Endlosfederweg und fetten 2.8-Zoll-Reifen im Offroadsegment eine Lücke bestand, die es zu füllen gab. Denn im nicht hochalpinen Gelände und abseits speziell angelegter Trails, also dort, wo schätzungsweise 70 Prozent aller Mountainbiker vorwiegend unterwegs sind, kommt man auch gut und vor allem deutlich schneller voran mit sportlichen, aber abgespeckten Offroaduntersätzen.

Die neuen Vorgaben für «Crosser» lauteten: etwas mehr Komfort im Fahrverhalten und bei der Sitzposition, mehr Sicherheit bei den Bremsen und spezielle Rahmenkonstruktionen für den Einbau breiterer Reifen. Die Industrie nutzte die Vorgaben äusserst kreativ, und so wurde das Angebot an «Breitreifenrennrädern» ähnlich wie bei der Ausweitung der unterschiedlichen Mountainbike-Gattungen in den letzten Jahren immer vielfältiger und diversifizierter.

Der Radstand wurde wieder länger, das Tretlager wanderte etwas tiefer. Wie beim Mountainbike wurden die Materialien edler und leichter, die Optik reicht heute von dezent bis schrill. Scheibenbremsen wurden alltäglich. Wodurch allerdings ähnlich wie bei einem Domino andere Anpassungen angestossen wurden. Denn um dem Druck in der Achse standzuhalten und verwindungssteifer zu sein, wurde mit der Scheibenbremse auch die Steckachse zum Standard. Dadurch aber fehlt der Schnellspanner, der auf Touren zur Befestigung von Gepäckträgern genutzt werden kann. Und dies wiederum öffnete die Türen für einen neuen Trend, der die Szene erfasst hat: Bikepacking. Beim Bikepacking ist man mit einem schlanken Offroader auf Zweioder Dreitagestouren ohne Rucksack und ohne die klassischen Tourentaschen unterwegs, sondern befestigt die Taschen direkt am Velo unter dem Sattel, zwischen dem Rahmen oder vorne am Lenker.

Zwischen Tiefschlamm und Kies
So reicht heute das Angebot vom reinrassigen und ultraleichten Quer-Renner bis hin zum gemütlichen Gravel-Touren-Bike mit Nabendynamo, Schutzblech und Federsystem an Gabel oder Vorbau. Je nach Konstruktion wird der Mountainbiker angesprochen, der sich eine Alternative fürs moderate Offroadgelände leisten möchte oder der Strassengümmeler, der ab und zu auch über Feldwege düst. Oder die Neukäuferin, die ein Rad für alle Fälle sucht und sich nicht auf die Strasse als ausschliesslichen Einsatzbereich festlegen will.

Aus der Kreativität von Marketingabteilungen entsprangen neben den gängigen Begriffen Quervelo und Cyclocrosser rasch abenteuerliche Wortschöpfungen wie Gravel-Bike, All-Road, New-Road oder auch Endurance. Einzig der Rennlenker ist (noch) allen gemeinsam. Die einzelnen Begriffe stehen dabei nicht für eine streng reglementierte Velokategorie, sondern vielmehr für Bedürfnisse, Erlebniswelten und Einsatzgebiete, denen die Industrie mit den einzelnen Kategorien gerecht werden will.

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