Psychotricks bei den Triathlon-Profis

Mindgames im Triathlon

Ronnie Schildknecht über Psychotricks bei den Triathlon-Profis.

Copyright: Getty Images for Ironman

Früher war alles anders. Und vieles besser. Da gab es noch diese provokativen Figuren im Triathlon, die sich medienwirksam auf die Kappe gaben und so für Unterhaltung sorgten. Zum Beispiel die Deutschen Normann Stadler und Faris «Die Badehose» Al-Sultan. Oder der Australier «Macca» Chris McCormack. Alle drei sind inzwischen zurückgetreten, alle drei dürfen sich Hawaii-Sieger nennen – und alle drei schienen es zu mögen, sich in provokativer und teilweise gar herablassender Manier über die anderen zu äussern. Faris sagte über Chris, dieser könne weder Schwimmen noch Radfahren und brauche beim Laufen einen Pacemaker. Und Normann sagte nach seinem Hawaii- Sieg 2006, Macca habe während der ganzen 180 Kilometer auf dem Rad nur «rumgelutscht», weshalb er auch auf dem Marathon noch mit ihm gerechnet habe. Das verbale Geplänkel führte sogar dazu, dass Normann und Chris beim anschliessenden Feiern gegeneinander handgreiflich wurden. Und Chris? Er war schon immer ein Meister der Provokation und offenbarte mir bei gemeinsamen Trainings, dass er das ganz bewusst mache und wie sehr er dieses «Mindgame» einsetze und brauche, um andere zu verunsichern. Dreikampf dieser drei Athleten war auch deswegen so schillernd, weil die drei in ihren Persönlichkeiten unterschiedlicher nicht hätten sein können. Ich kenne die drei Jungs gut und hatte mit keinem von ihnen Probleme. Bis auf eine irritierende Situation mit Normann Stadler in der Vorwoche des Ironman Hawaii 2010. Er sass mit den Jungs des Commerzbank-Teams im Café Lava Java in Kona. Ich kam zu seinem Tisch, wollte Normann grüssen und streckte ihm die Hand entgegen – doch er reagierte nicht. Das brachte mich schon etwas ins Grübeln. Und wahrscheinlich war das genau das, was Normann erreichen wollte, sah er mich doch nach meinem 4. Rang zwei Jahre zuvor mehr als Konkurrent als noch zuvor. Mir waren solche Spielchen immer zu blöd, doch sie kamen – zumindest früher – noch recht häufig vor. So auch 2003, als ich das allererste Mal auf Hawaii startete und mit Olivier Bernhard ein Appartement teilte. Oli hatte in jenem Jahr den Ironman New Zealand und den Ironman Switzerland gewonnen und wollte auf Hawaii seinen 1999 erreichten 5. Rang verbessern. Chris McCormack war damals ziemlich frisch auf die Langdistanz gewechselt und provozierte mit der Aussage, er wolle wie Dave Scott und Mark Allen sechsmal Hawaii gewinnen – worauf ihm Dave Scott empfahl, zuerst einmal mit einem Sieg anzufangen. Ich kannte solche verbalen Spielchen bislang nur aus der Ferne und erlebte sie da zum ersten Mal aus nächster Nähe. Oli und ich waren in der Vorwoche des Ironman Hawaii mit dem Auto auf dem Alii Drive unterwegs, als wir Chris beim Lauftraining entdeckten. Oli liess es sich nicht nehmen, die Scheibe runterzulassen und ihm zuzurufen: «Du siehst fett aus!» Was natürlich als Witz gemeint war, hört in der Vorwoche des Ernstfalls kein Athlet gerne. Und ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob Oli das einfach so dahingesagt hatte. Zu erwähnen ist allerdings, dass sowohl Chris wie auch Oli 2003 auf Hawaii nur Nebenrollen spielten. Während Chris ehrenhalber den Wettkampf ins Ziel bringen wollte und 114. wurde, kam Oli immerhin auf Rang 19. Ich habe noch nie einem Konkurrenten gesagt, er sehe fett aus. Und auch nichts Ähnliches. Und dennoch ist nie alles frei von taktischen Spielchen, was oft mehr mit dem Drumherum als mit den Athleten selbst zu tun hat.

So fängt das Mindgame bereits da an, wenn einem die Medien gewisse Rollen zuteilen und Prognosen fürs Rennen schreiben über Favoriten, Underdogs und vorherige Resultate. Vor dem Ironman Switzerland verspüre ich jeweils mehr Druck, weil ich Favorit bin. Gleichzeitig weiss jeder, dass ich nur zum Gewinnen hingehe und dass ich das mit bisher neun Siegen auch sehr gut kann. Für einen Aussenseiter sieht die Situation anders aus, er hat allenfalls Zweifel, weil ihm die Medien nicht so viel zutrauen. Dafür hat er mit diesem Underdog-Image nicht viel zu verlieren. Bei uns Profis ist Thorsten Raddes Rating jeweils sehr beliebt (trirating. com). Thorsten Radde sammelt über sämtliche Athleten eine Basis an Daten aufgrund früherer Resultate und berechnet mithilfe verschiedener Variablen die Chancen einzelner Athleten für die jeweiligen Rennen. Meist sind seine Vorhersagen ziemlich zutreffend. Natürlich tut es einem gut, wenn man den eigenen Namen in Raddes Vorhersage ganz oben stehen sieht. Dieses gute Gefühl transportiere ich nach aussen und wenn es mir mal nicht so gut geht, versuche ich, mir nichts anmerken zu lassen. Das gelang mir einmal in extremis, als ich mit ausklingendem Pfeifferschen Drüsenfieber den Ironman Switzerland gewinnen konnte. Was ein anderer vielleicht vor dem Rennen kommuniziert hätte – auch um Druck von sich zu nehmen – wollte ich für mich behalten, weil ich mich sonst wohl selber limitiert hätte. Man muss ohnehin nicht immer alles kommunizieren, denn vieles läuft auf nonverbaler Ebene ab, beispielsweise in Form von Körperhaltung oder Verhaltensweisen am Wettkampfmorgen in der Wechselzone. Da beobachte ich jeweils die Konkurrenz und spüre heraus, wenn andere nervös an ihren Geräten fuchteln. Im Wettkampf ist das mit dem Pokerface allerdings eine andere Sache: Je länger die Distanz, desto mehr konzentriert man sich auf sich selbst. Und dennoch gibt es Situationen, in denen viel auf psychischer Ebene abläuft. So hat mir beispielsweise Tyler Butterfield auf der Laufstrecke des Ironman Texas signalisiert, dass er nicht mithalten kann, indem er sagte: «Ich wusste, dass du noch kommen würdest.» Ich überholte ihn und antwortete: «Halte das Tempo aufrecht, von hinten kommt Will Clarke ziemlich schnell.» Mit dieser Information signalisierte ich ihm, dass er gar nicht erst versuchen sollte, an mir dranzubleiben. Danach sahen wir uns erst im Ziel wieder. Ich wurde Zweiter, er rettete noch den dritten Platz. Oftmals kommt es auch aus der Not heraus zu Psychotricks. Denken wir an Nicola Spirig und Gwen Joergensen bei den Olympischen Spielen in Rio. Nicola versuchte auf den letzten Kilometern Gwen mit Sprüchen aus dem Konzept zu bringen. Doch geholfen hat es ihr nicht – Joergensen war schlicht zu stark. Auch wenn ich Nicola den erneuten Olympiasieg sehr gegönnt hätte, ist es doch gut, dass es mit Sprüchen alleine eben nicht getan ist. Und sollte ich selber einmal einen ausgraben, so weiss meine Konkurrenz nun offiziell: Dann bin ich mindestens so arg in Nöten wie Nicola in Rio!

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