Postbelastungssyndrom

Das tiefe Loch nach dem Wettkampfhoch

So unglaubliche Höhen ein sportlicher Wettkampf in der Stimmungswelt eines Sportlers verursachen kann, so schnell kann die Gefühlsverfassung nach dem Erreichen eines Zieles in sich zusammenbrechen.

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«Gib ihnen noch zwei südlichere Tage», bittet Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht «Herbsttag» für die Früchte, damit sie die volle Reife erlangen. «Gebe ich meiner Vorbereitung den letzten Schliff», sagt der Athlet kurz vor dem Wettkampf, damit auch alles passt. Monatelang hat er ausschliesslich daraufhin trainiert, ist abends mit dem Gedanken daran eingeschlafen und am Morgen mit dem Gedanken daran aufgewacht. Dieses Rennen war über all die Monate die Motivation für konsequentes Training, vieles andere wurde neben dieser absoluten Priorität zweitrangig und unwichtig. Die sozialen Kontakte fanden hauptsächlich mit gleich gesinnten Sportlern statt, die Gesprächsthemen drehten sich ums Training und ums grosse Ziel, Job und Familie wurden in die Warteschlaufe abgedrängt. Es zählte allem voran das Ziel und man selbst. Das Bewusstsein enormer physischer und psychischer Kraft verlieh ein gutes Körperund Selbstwertgefühl. Irgendwie befand man sich in all dieser Zeit der intensiven, zielgerichteten Vorbereitung bereits in einer Art High, in einer eigenen Welt. Aufgeladen die Muskeln mit Kraft und die Seele mit Freude und Emotionen. Das Bewusstsein der eignen Stärke – welch ein Kick! Jetzt ist die Frucht reif, die Zeit der Ernte gekommen, der grosse Tag angebrochen: der Wettkampf mit der immensen Anstrengung, dem unglaublichen Über-sich-Hinauswachsen und der emotional kaum fassbaren Ankunft im Ziel. Mit der Freude und den Endorphinen, die einen in einen sagenhaften Glückstaumel versetzen und in nie geahnte emotionale Sphären katapultieren und, obwohl sie sich schon abzeichnet, die Müdigkeit noch nicht spüren lassen. Es kommen die Stunden und Tage danach, wo die Müdigkeit zwar durchbricht, die Endorphine aber immer noch ihren verrückten Tanz aufführen. Immer noch Körper und Geist mit Glück durchfluten und die Erinnerung an das wahnsinnige Erlebnis und daran, es geschafft zu haben, einen im Himmel tanzen lassen. Doch plötzlich ebbt die Glücksflut ab, bricht die Müdigkeit mit tonnenschwerem Gewicht über einen herein, und man landet brutal auf der Erde. Und nun? «Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr», schreibt Rilke. Nach einem langen, warmen, vollen Sommer und einem reichen Herbst, der pralle Früchte hervorbrachte, fegen plötzlich die Winde über die Flure. Kalt und unwirtlich blasen sie auch die letzten Glückshormone aus dem schlappen Körper. «Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben...» Der Winter kommt. Die Zeit nach dem grossen Ziel, das schwarze leere Nichts nach dem Höhenflug, die Depression.

Tabuthema «Postbelastungssyndrom»
«Krisen sind weit verbreitet bei Übergängen von einer Lebensphase zu einer anderen», sagt Daniel Birrer, Sportpsychologe am Sportwissenschaftlichen Institut des Bundesamtes für Sport in Magglingen. «Wenn im Sport jemand intensiv auf ein Ziel hin trainiert und dafür viel opfert, wenn von einem Moment zum anderen dieses Ziel vorbei und der Inhalt weg ist, kann dies mit einem Lebensphasenwechsel verglichen werden und der Athlet in ein psychisches Loch fallen.» Bei vielen dauert das Postwettkampfhoch aber auch langfristig an, sorgt für neue Power im Alltag und geht praktisch nahtlos in die Euphorie der Vorbereitung aufs nächste Ziel über. «Es passiert nicht jedem, aber es kann passieren,» bestätigt Daniel Birrer. Gesprochen wird über das Phänomen Depression nach dem sportlichen Höhepunkt kaum, denn wen es betrifft, der zieht sich zurück, leidet und schweigt. Physisch ist ein Postbelastungssyndrom kaum festzustellen, keine körperlichen Veränderungen sind messbar. Obwohl Wissenschafter Ermüdungs- oder auch Übertrainingszustände mit erhöhtem Cortisol in Verbindung bringen. Cortisol ist ein Stresshormon, welches bei passivem Stress wie Unsicherheit, Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit aktiviert wird. Und auch ein Serotoninmangel könnte Ursache für die Stimmungsschwankungen sein. Daniel Birrer: «Serotonin ist ein Neurotransmitter, der von Neuronen im Stammhirn produziert wird. Das Stammhirn ist an der Aktivierung des Organismus und an vielen autonomen Prozessen beteiligt. Depressive Verstimmungen werden mit einem Serotoninmangel verbunden. Gewisse Antidepressiva steigern die Serotoninaktivität, indem sie dessen Abbau aus dem synaptischen Spalt verhindern. Deshalb wird Serotonin manchmal auch als Glücksbotenstoff bezeichnet.» Je höher bzw. zeitlich länger die Vorbereitung und Beanspruchung, desto grösser meist die Stimmungsverschlechterung bei denen, dies trifft. «Das zielorientierte Arbeiten, also das Training, fällt weg, die ganze Spannung und das Fokussieren auf den Tag X sind plötzlich vorbei und man wird unglaublich müde», sagt Thomas Ott, 7-Days-Single-Finisher am Swisspower Gigathlon 2002. «Und weil plötzlich auch die Freude und Lust an der Leistung verschwinden, kann man sich nur noch mit äusserster Anstrengung motivieren, etwas zu unternehmen, und sei es ein Spaziergang.» Daniel Birrer bestätigt: «Auf die sportliche Höchstleistung folgt zuerst eine physische Beeinträchtigung, man wird müde, der Tatendrang fehlt. In einer zweiten Phase leidet die Psyche: Die gute Laune ist weg, Niedergeschlagenheit macht sich bemerkbar, das kann bis hin zu depressionsähnlichen Zuständen führen.» Das Phänomen Depression nach einem sportlichen Höhepunkt ist häufiger bei Breitensportlern zu beobachten, wissenschaftliche Untersuchungen gibt es laut Daniel Birrer aber keine. Im Spitzensport kennt man dieses Phänomen meist erst von der Zeit nach dem Karrierenende oder nach einem einschneidenden Misserfolg. Trotzdem weiss auch Marathon-Crack Viktor Röthlin, wovon die Rede ist. «Man kann nach einem grossen Wettkampf schon in ein psychisches Loch fallen. Das ist bis zu einem gewissen Grad natürlich und hat mit der geistigen und körperlichen Entspannung nach einem Wettkampf, also nach der grossen Anspannung zu tun.» Die gezielte Erholung, die sachte Wiederaufnahme des Trainings und das nächste Ziel vor Augen lassen den Durchhänger beim besten Schweizer Marathonläufer aber nie bis in die Region depressiver Zustände entgleiten. Vielleicht auch deshalb, weil im Spitzensport der Sport gleichzeitig häufig auch Beruf ist und der Wechsel zwischen Höchstleistung und Ruhephase weniger abrupt ausfällt als beim Breitensportler, der kurzfristig den Sport in den Mittelpunkt stellt.

Wettkampfrhythmus mitentscheidend
Bettina Ernst, nach einem längeren Abstecher zum Triathlon heute im Adventuresport zuhause, betrieb anfangs Kunstturnen auf höchstem Niveau. Sie gehörte mit 14 Jahren zum Nationalkader und nahm 1984 in Los Angeles an den Olympischen Spielen teil. «Im Kunstturnen habe ich das schwarze Loch nach grossen sportlichen Zielen nie stark erlebt, da wurde gleich am nächsten Tag wieder trainiert und an neuen Elementen gearbeitet. Es war ein geführtes, geplantes Training, wodurch auch in der Zwischenwettkampfzeit für mich gesorgt wurde. Eine Leere konnte gar nicht aufkommen.» Später, im Triathlon, lernte sie diese Tiefs nach grossen Rennen kennen. «Der Unterschied zum Kunstturnen auf internationalem Niveau liegt nicht nur darin, dass ich als Triathletin selber mein Training gestaltete und demzufolge keine persönliche Betreuung von einem Trainer hatte.» Für Bettina Ernst wirkte sich auch aus, dass im Langdistanztriathlon nicht mehr als zwei grosse Wettkämpfe im Jahr drinliegen, weil der Körper gar nicht mehr verkraftet. «Die ganze Energie fliesst in die grossen Wettkämpfe», erzählt Bettina Ernst. «Schon ein halbes Jahr vorher denkt man in jedem Training an den entscheidenden Tag und ist darauf fokussiert, das perfekte Rennen hinzulegen. Dafür gibt man schlicht alles. Oft hatte ich nach einem solchen Wettkampf das Gefühl, entlang der Rennstrecke meine Seele liegen gelassen zu haben.» Nach dem Rennen habe es jeweils sehr lange gebraucht, bis diese Körperteile – auch die Seele – wieder zu ihr zurückgefunden hätten. Ein perfektes Rennen komme ihr vor, wie wenn ein Künstler ein Kunstwerk schaffe. «Er steckt alles hinein. Hat er sein Werk beendet, fällt er in Depression, da er sich weggegeben hat.» Bettina Ernst sieht mehrere Gründe für die «Down-Zeit». Einmal die sozialen Aspekte: Man bereitet sich zusammen mit Freunden aus dem Sport auf das grosse Ziel vor. Danach trennen sich die Wege vielleicht, weil jeder andere oder eben gar keine Ziele mehr hat. Oder dann die anderen Strukturen nach dem Rennen: In der Wettkampfvorbereitung ist meist jede Minute verplant. Der Terminplan ist voll, aber alles macht Sinn. Man erledigt all das Viele mit links. Nachher fehlt plötzlich die Struktur. Man stürzt sich in die Arbeit, aber die fühlt sich unter Umständen leer an. Alles fühlt sich leer an, der Sinn fehlt. Und jeder Handgriff kostet grosse Überwindung. Ein weiterer Punkt: das Athlet-sein. Wer die Symbiose von körperlicher und geistiger Arbeit sowie die Emotionen eines solchen Wettkampfs je kennen gelernt hat, ist versucht, wieder danach zu streben, diese wieder zu erleben. Oft sind solche Athleten zwanghafte und exzessive Menschen. Sie müssen sich, wenn die Zeit der sportlichen Wettkämpfe vorbei ist, andere Herausforderungen oder Tätigkeiten suchen, bei denen sie ihren grossen Lebenshunger und ihre grosse Lebensintensität ausleben können. Viele vermissen aber, obwohl sie sich mit derselben Intensität in ein neues Gebiet oder eine Arbeit stürzen, das sportliche Körpergefühl und die sportliche Identität. Und oft werden dann neue sportliche Herausforderungen gesucht, noch länger, noch anstrengender, noch extremer. Eine gefährliche Spirale.

Der Kopf bestimmt mit
Die psychische Verfassung nach einem sportlichen Höhepunkt ist eine Gratwanderung. Und je länger man im Nichtstun gefangen ist, desto schwieriger wird es, wenn man sich im Kopf noch wie ein Athlet fühlt, aber Körper und Kondition nicht mehr so athletisch sind. Man identifiziert sich zwar noch mit dem Athleten in einem, ist aber keiner mehr. Das ist für viele sehr schwer. «Manchmal möchte ich vor dem Athleten in mir fliehen, nie mehr Sport machen», sagt Bettina Ernst. «Aber er kommt immer wieder zurück, holt mich ein, hat mich wieder und will ausgelebt werden.» Und dann ist da noch die Legitimation. Steckt sich jemand ein sehr hohes sportliches Ziel, dann wird jeder verstehen, dass er sich mit Haut und Haar ins Training stürzen muss. Es wird gewissermassen legitim, sich so ausschliesslich auf dieses Rennen vorzubereiten. Ist der Wettkampf jedoch vorbei, fehlt plötzlich die Legitimation, sich so voll und ganz für das zu engagieren, was man so gerne – manche könnten wohl sogar sagen: am liebsten – tut. «Das kann für viele schwierig werden, weil es bei der Planung auch um Partnerschaft und Familie geht und nicht nur ums eigene Ego», sagt Daniel Birrer. Hier wieder auf Alltag umzustellen, ist nicht einfach. Es ist schmerzhaft zu sehen, dass die Vorbereitungsphase und der Wettkampf – sofern man zu jenen gehört, die alles andere ausgeklammert haben – nicht das eigentliche Leben waren, dass man in einer eigenen Welt lebte. Wenn die Glücksgefühle nach dem grossen Event abgeklungen sind, platzt für manch einen unerwartet eine grosse Seifenblase, und er landet hart, fremd und verloren auf dem Boden der Realität. Alles Negative hat bekanntlich auch seine positiven Seiten oder zumindest einen Sinn: Vielleicht sind Müdigkeit und Unlust ein Trick des Körpers, ein paar Gänge zurückzuschalten, denn er möchte sich nun endlich erholen. Eine natürliche Notbremse sozusagen. Es gäbe bestimmt genug Sportler, die, beflügelt durch das Wettkampf-High, gleich auf vollen Touren weitertrainieren wollen und auch würden. Doch Wettkämpfe im Ultrabereich stellen eine Überforderung der natürlichen Leistungsfähigkeit des Körpers dar, welche zwar über die mentale Stärke und intensives Training kurzzeitig ermöglicht werden können, aber auch eine entsprechende Erholungszeit bedingen. «Ich habe mit der Erholung nach dem Wettkampf immer etwas Mühe, obwohl ich während der Trainingsperiode Erholungswochen einlege und diese problemlos meistere», erzählt Thomas Ott.

Gezieltes «Debriefing»
«Um dem Tief nach der grossen sportlichen Herausforderung zu entkommen, ist es wichtig, einen Debriefingsprozess durchzumachen», meint Daniel Birrer. Die Vorbereitungs- und Wettkampfeindrücke wirken lassen, sich mit Positivem wie Negativem beschäftigen, überlegen, was beim nächsten Mal anders laufen müsste, so kann man einen sportlichen Höhepunkt verarbeiten. Es scheint die richtige Art und Weise zu sein, sich mit dem Erlebten auseinander zu setzen. Bettina Ernst empfindet die Tiefs nach den Rennen als unbedeutender, seit sie im Adventure-Sport Teamwettkämpfe absolviert. «Wir sitzen danach zusammen, analysieren, was gut, was schlecht war. Erinnerungen kommen hoch, man schüttelt sich vor Lachen und Schaudern über gewisse Situationen. Irgendwie erlebt man das ganze nochmal und gewinnt Distanz dazu.» Neben der mentalen Verarbeitung ist es wichtig, körperliche Erholungszeit zu planen und sich daran zu halten. Erst wenn der Körper sich erholt hat, kommt auch die Psyche wieder zu Kräften, erst dann ist die Verfolgung neuer Ziele sinnvoll. Thomas Ott bestätigt: «Lässt man dem Körper genügend Zeit zum Regenerieren, kommen automatisch Lust und Motivation zurück, sich auf ein weiteres Highlight vorzubereiten. Man will dieses unbeschreibliche Hochgefühl wieder erleben.» Aus sporadischen schwarzen Löchern herauszufinden hilft dem Familienvater Ott auch seine religiöse Einstellung: «Der Glaube gibt mir Freude, Energie und innere Balance.» Wer die Balance findet, hat Ruhe vor den Tiefs nach grossen Wettkämpfen, das weiss auch Bettina Ernst aus eigener Erfahrung. Yoga hilft ihr, den ruhenden Punkt des Ichs zu finden, wo weder das Gestern noch das Morgen zählt, sondern nur das absolute Hier und Jetzt. «Dies sind Momente von solcher Intensität, wie ich sie nicht einmal als Athletin erlebt habe.» In der Ruhe liegt die Kraft, das ist hinlänglich bekannt. Ob mit Entspannungstechniken, malen, mit einem spannenden Buch oder wie in «Herbsttag» mit «...wachen, lesen, lange Briefe schreiben...», wichtig ist die Einsicht, dass Erholung nicht einfach «unnütze Zeit» ist, sondern mit Inhalten gefüllt und genossen werden kann. Erst dann gibt sie wirklich Kraft – sei es, für neue Ziele oder aber dafür, nicht ganz so tief ins schwarze Loch zu fallen.

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