Olympia-Chefarzt Patrik Noack im Interview

«Eine Grippe ist der Super-Gau»

Patrik Noack amtet in Pyeongchang als «Chief Medical Officer» der Schweizer Delegation. Im Interview spricht er über die Rituale und Macken einzelner Athleten.

Copyright: Andreas Gonseth

Patrik Noack, in wenigen Tagen beginnen die Olympischen Spiele in Südkorea – träumen Sie manchmal davon?
Ja, das kommt schon mal vor.

Sind das schöne oder negative Träume?
Immer schöne (lacht). Meist träume ich von Erlebnissen oder Schweizer Medaillengewinnen von vergangenen Spielen in Vancouver oder Sotschi. Viele Bilder sind immer noch präsent.

Wie sieht der aktuelle Gesundheitszustand der Schweizer Olympia-Athleten aus?
Da und dort eine Erkältung, aber keine gravierenden Verletzungen, die zu Absagen führten. Ich hoffe, das bleibt auch in den nächsten Tagen noch so.

Wie setzt sich die medizinische Schweizer Delegation in Pyeongchang zusammen?
Unser Team besteht aus acht Ärzten, 25 Physiotherapeuten, einem Osteopath und einem Sportpsychologen.

Was sind Ihre Hauptaufgaben, damit Sie eine gute medizinische Betreuung gewährleisten können?
Schon früh wurde eine Task Force gebildet, die die wichtigsten Themen definiert hat wie Wohnsituation, klimatische Bedingungen, Anreise, Jetlag, Dauerbrenner Infektprophylaxe und die medizinische Ausrüstung in den Spitälern. Die übrigens sehr gut ist. Letzten September sind wir zu siebt nach Südkorea gereist, um die Situation vor Ort zu begutachten. Neben den beiden olympischen Dörfern Mountain- und Coastal Village müssen wir aufgrund der Verteilung der Wettkampfstätten noch drei externe Unterkünfte beziehen. Das ist logistisch eine zusätzliche Herausforderung. Denn jede dieser insgesamt fünf Unterkünfte braucht einen Arzt, Physiotherapeuten, Medikamente und medizinische Geräte wie beispielsweise ein Blutanalysegerät. Sotschi war bezüglich Infrastruktur einfacher zu organisieren.

Welches Klima erwartet die Athleten?
Die Austragungsorte sind meeresnah und nicht sehr hoch gelegen, es ist also eher mit milden Bedingungen zu rechnen. Durchschnittlich minus 5 Grad oben in den Bergen im Mountain Village und rund plus 2 Grad unten im Coastal Village.

Was gibt es bei der Anreise zu beachten?
Studien haben ergeben, dass bei Grossereignissen der Grund für eine Infektion meist in der Anreise lag. Der Flug ist deshalb sehr wichtig. Die Zeitverschiebung ist mit acht Stunden gross
und wir empfehlen den Athleten, sich bereits zu Hause ein Stück weit darauf einzustellen. Abflugzeit ist 20 Uhr. Ziel für die Athleten sollte sein, möglichst bald schlafen zu können. Dafür empfehlen
wir Kompressionssocken, eine Augenmaske, Ohrenstöpsel und den Einsatz von Melatonin. Bei Schlafschwierigkeiten im Flieger allenfalls noch ein Schlafmittel. Wer anfällig auf
Infektionen der oberen Atemwege ist, sollte die Schleimhäute mit Nasenspray und Nasensalbe befeuchten und viel trinken. Die Reise ist lang, es macht daher Sinn, etwas Proviant mitzunehmen, damit man nicht nur auf die Verpflegung im Flugzeug angewiesen ist und nach der Ankunft vor Ort nicht an einem Stand etwas kaufen muss.

Sie empfahlen allen Athleten, sich im Vorfeld der Spiele gegen Grippe impfen zu lassen. Wie viele haben das gemacht?
Mehr als auch schon, etwa zwei Drittel. Mittlerweile müssen wir die Betreuer fast mehr dazu drängen als die Athleten.

Wieso verweigert doch immerhin ein Drittel die Impfung?
Aus verschiedenen Gründen. Die einen wollen keine Chemie schlucken, andere fühlen sich nach der Impfung müde und schlapp und können nicht mehr richtig trainieren. Und einige sagen, die Impfung nütze ja nur gegen Grippe und nicht gegen Erkältungen. Ob Impfung ja oder nein, ist auch immer ein bisschen davon abhängig, was die Trainer und Betreuer sagen. Im Eishockey beispielsweise gibt es Teams und Trainer,
die schreiben die Impfung zwingend vor.

Eine Grippe bei einem Grossanlass ist der Supergau jedes Athleten. Wie kann man eine Grippe frühzeitig erkennen?
Wenn einer vor Ort eine Grippe erwischt, sind die Spiele für ihn vorbei. Dann kann man nicht mehr viel machen, ausser ihn zu isolieren. Die USA haben ein neues Analysegerät angeschafft, womit man schnell sehen kann, ob sich jemand mit dem Grippevirus oder einem anderen Virus angesteckt hat. Das Gerät kostet aber rund 100 000 Franken, jedes Testkit nochmals rund 200 Franken und es ist umstritten, ob es wirklich entscheidende Vorteile bringt. Wir konzentrieren uns vor allem darauf, eine Ansteckung zu vermeiden.

Mit welchen Massnahmen?
Die Impfung ist der Grundpfeiler, dazu kommt die Verwendung von Desinfektionsmittel, Nasenspray und Luftbefeuchter sowie das Vermeiden von Körperkontakt wie Händeschütteln. Das fällt dieses Mal bei den Begrüssungsritualen der asiatischen Kultur einfacher als bei anderen Spielen.

Die Norweger haben auch schon ganze Zimmer mit Folien abgedeckt, wenn Teppiche darin lagen, um möglichst keine Keime zu erwischen.
Ja, und die Holländer setzen neu ein Desinfektionsmittel ein mit Nanotechnologie. Einmal Hände waschen damit soll bereits ausreichen für einen ganztägigen Schutz. Spezialisten behandeln zudem die Oberflächen in den Zimmern damit. Sie müssen dabei Masken tragen, damit die Substanz nicht in die Atemwege gerät.

Ein anderes Schreckgespenst im Wintersport ist das Leistungsasthma. Was gibt es aus der Sicht des Sportmediziners dazu zu sagen?
Ein Leistungsasthma kann die Leistung wesentlich beeinträchtigen und auch Entzündungen begünstigen. Athleten mit einem diagnostizierten Leistungsasthma benötigen daher einerseits einen Kortisonanteil, um bereits kleinste Entzündungen in den Bronchien frühzeitig und wirkungsvoll bekämpfen zu können, und andererseits einen Lungenöffner – da gibt es verschiedene Substanzen –, der präventiv und bei einer akuten Reaktion eingesetzt wird. Für die Einnahme von Lungenöffnern gibt es genaue Reglemente, die strikt einzuhalten sind und von uns natürlich auch eingehalten werden. Die erlaubten Dosen sind sehr gering und bewegen sich im Mikrobereich. Beim Kortison gibt es – wenn inhaliert – keine Grenzwerte. Die Diskussion um das Medikament Kortison muss man in Relation setzen: Wenn ein Patient zum Beispiel bei einer Diskushernie eine Woche lang täglich eine Kortisontablette à 50–100 mg einnimmt, ist die Dosis damit höher als bei einem Leistungssportler während des ganzen Jahres. Bei Tabletten sprechen wir von Milligramm, bei Asthmamitteln von Mikrogramm, das ist tausend Mal weniger. Und was ebenfalls gilt: Gesunden Sportlern bringen Asthmamittel in der Regel nichts. Es ist also nicht so, dass Asthmamittel automatisch
leistungssteigernd wirken, sondern vielmehr erlauben sie anfälligen Sportlern, ihr Leistungspotenzial abzurufen. Meine Erfahrung ist, dass die meisten Sportler, die es betrifft, zuerst von einer Einnahme überzeugt werden müssen und nicht leichtfertig danach greifen.

Und dennoch scheint die Grenze zur Manipulation fliessend, wie die Diskussionen in Norwegen zeigen und der Umstand, dass Martin Johnsrud Sundby 2016 für zwei Monate gesperrt wurde wegen zu hohen Salbutamol-Werten aus Asthmamitteln. Wissen Sie, was die einzelnen Schweizer Athleten in Pyeongchang einnehmen?
Alle Athleten mussten einen medizinischen Fragebogen ausfüllen und allfällige Ausnahmeregelungen vorlegen und beantragen. Zudem mussten Sie zwingend einen Antidoping-Fragebogen ausfüllen und unterschreiben. Und wir erfragten die Supplemente, die eingenommen werden. Da müssen wir manchmal intervenieren.

Inwiefern?
Wenn uns ein Athlet ein Supplement angibt, das er über eine Bodybuilding-Webseite gekauft hat, weil es da billig war, legen wir ihm schon nahe, dieses nicht einzunehmen, weil er da nicht wissen kann, ob wirklich alle Inhaltsstoffe sauber deklariert sind. Wenn beim Googeln der Supplemente sofort drei Konsumentenschutz-Artikel aufblinken, sollten die Alarmglocken läuten. Bei der Einnahme von Supplementen ist es wichtig,
die seriösen und bekannten Hersteller zu berücksichtigen.

Wie sieht es mit dem Einsatz von Schmerzmitteln aus?
Schmerzmittel haben immer auch Nebenwirkungen und Gefahren, die nicht zu vernachlässigen sind, vor allem für den Magen. Im Sportalltag ist der Schmerzmittelgebrauch sportartenabhängig. Im Eishockey beispielsweise wird Voltaren sicher öfter eingesetzt als im Langlauf. Wir vom Medical Team sind generell zurückhaltend mit dem Einsatz von Schmerzmitteln.

Erleben Sie die Schweizer Sportler in Sachen Medikamenten- und Dopingmissbrauch sensibilisiert?
Ja, grundsätzlich schon. In Sachen Prävention und Aufklärung wird in der Schweiz sehr viel gemacht. Natürlich kann man individuelle Vergehen nie ganz ausschliessen, aber zumindest ein systemischer Missbrauch ist aus meiner Erfahrung in der Schweiz undenkbar, da sind zu viele Kontrollmechanismen vorhanden.

Ein grosses Thema im Spitzensport ist die Regeneration. Gerade bei zahlreichen Wettkämpfen innerhalb kurzer Zeit ist eine schnelle Erholung entscheidend. Welche Massnahmen stehen im Vordergrund?
Wir arbeiten in mehreren Stufen. Stufe eins ist der schnelle Kleiderwechsel und der sofortige Ausgleich von Flüssigkeit und Energie, meist in Form von Regenerationsdrinks. Dann kann ein Eisbad für die Beine angezeigt sein oder Wechselbäder. Wir nehmen extra ein Eisbad nach Südkorea mit. Auch eine spezielle Kompressionsmanschette bieten wir an. Weiter folgen eine warme und ausgewogene Mahlzeit, Physio- und
Massagetermine – und Ruhe.

Von anderen Nationen weiss man, dass sie bei Grossanlässen ganze Kältekammern mittransportierten, um die Erholung zu verbessern.
Früher eventuell ja, aber mittlerweile ist das vom Olympischen Komitee verboten worden. Wie auch der Gebrauch von Höhenkammern oder der Einsatz von Sauerstoff-Flaschen, was ich befürworte. Man stelle sich vor, wenn zum Beispiel bei einem Team-Sprint der eine durch die Gegend hetzt, während der andere an der Flasche hängt; das wäre schon sehr seltsam. Auch die «No Needle Policy», die besagt, dass Injektionen
grundsätzlich verboten sind beziehungsweise deklariert werden müssen, begrüssen wir.

Steht die Schweiz wissenschaftlichen Innovationen grundsätzlich skeptisch gegenüber?
Nicht grundsätzlich, aber wir sind sicher zurückhaltender als andere Nationen, was sich aber auch mit dem Stellenwert des Sports und den dadurch vorhandenen finanziellen Mitteln erklärt. In Holland wird der Spitzensport von Staates wegen stark gefördert, da werden modernste Olympiazentren errichtet, wo Spitzensportler bei der Benutzung Priorität geniessen. Das Essen kann mittels Chip bezahlt werden, so wird automatisch die Energiemenge und Kalorienzahl berechnet und analysiert. Schlussendlich ist es immer eine Grundsatzfrage, wie stark ein Staat den Leistungssport fördern und unterstützen will und kann. Vieles ist auch eine Frage der Ethik, wie weit man gehen will.

In Ihrer medizinischen Delegation ist der Sportpsychologe Jörg Wetzel dabei. Welche Aufgaben hat er?
Er ist für alle Interventionen auf psychologischer Ebene zuständig und für die Krisenbetreuung. Wenn zum Beispiel ein naher Angehöriger eines Athleten oder einer Athletin während der Spiele krank wird oder gar stirbt, wie es in Sotschi der Fall war. Oder wenn es bei einer Sportart einen schweren Unfall gibt wie beim Rodeln in Vancouver und es darum geht, wie die anderen Athleten in dieser Sportart einen solchen Unfall verarbeiten können. Es kann aber auch sein, dass es in einem Team Reibereien gibt, es um letzte Selektionen geht und der Ersatzmann oder die Ersatzfrau findet, er oder sie müsse starten und nicht der andere. Es gibt jedes Mal Situationen, wo Fingerspitzengefühl und eine gute Kommunikationsfähigkeit gefragt sind, damit eine Stimmung nicht plötzlich umschlägt – und dafür ist Jörg Wetzel zuständig.

Gibt es viele Athleten, die vor Wettkämpfen besondere Rituale pflegen?
Das gibt es schon. Und wenn es geht, versuchen wir die Bedürfnisse der Sportler zu befriedigen. Wir haben schon alle Hebel in Bewegung gesetzt, um exakt zwei Tage vor dem Wettkampf ein Sirloin Steak auftischen zu können, weil sich der Athlet dies gewohnt war. Manche Rituale sind auch zum Schmunzeln. Einer hat immer vor dem Wettkampf einen Baum umarmt, um von der Natur die nötige Energie zu erhalten (lacht). Mir ist es aber lieber, wenn einer spezielle Macken pflegt und ich so sehe, dass er fokussiert ist, als dass er teilnahmslos herumsteht. Bei einzelnen wissen wir, dass sie so im Tunnel sind, dass sie alles vergessen, da nehmen wir dann auch schon mal präventiv Reservesachen mit. Oder eine bekannte Schweizer Athletin kaut immer kurz vor dem Start ihre Fingernägel. Da wären wir alarmiert, wenn sie es einmal nicht tun würde. Rituale wirken beruhigend und sind durchaus sinnvoll. Die einen sind ganz still, die anderen wollen reden.

Wie sieht es mit Maskottchen aus?
Auch die gibt es. Plüschtiere, verschiedene Gadgets. Oder im Ernstfall immer die gleichen Socken tragen, die gleichen Handschuhe oder die gleichen Unterhosen, selbst wenn Löcher drin sind ...

Wie froh ist das Medical Team, wenn die Spiele ohne gröbere Verletzung zu Ende sind?
Sehr froh. Und auch sehr müde. Es wird sehr lange Tage geben. Wir sind weit vor den ersten Wettkämpfen und auch nach Ende der letzten noch im Einsatz. Manchmal sind wir auch Mädchen für alles, müssen Getränke oder anderes organisieren, wenn es nötig ist. Die Erleichterung wird bei allen gross sein, wenn es gut gelaufen ist.

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