Artikel - FIT for LIFE Magazin

OL norska an der Jukola-Stafette 2021

Schweizer Team will bei der Jukola-Stafette aufs Podest

Das Berner OL-Team «ol norska» mit Jonas Egger, Daniel Hubmann und Joey Hadorn will an der Jukola-Stafette 2021 in Finnland Erfolg haben.

Jonas Egger, Daniel Hubmann, Joey Hadorn v. l. (Copyright: Remo Ubezio/ZVG)

Mittsommer. Die längsten Tage sind im hohen Norden besonders lang. 24 Stunden Sonne, dauerhell und somit der Kontrast zur Dauerfinsternis im Winter. In Rovaniemi, der finnischen Stadt am Polarkreis mit über 60 000 Einwohnern, fällt die Rundumhelligkeit am 20./21. Juni 2021 zusammen mit der Austragung der traditionellen Jukola-Stafette der Orientierungsläufer – eine herausragende Konstellation. Der Grossevent soll die im Covid-Jahr abgesagte 72. Austragung nachholen. Das OL-Fest ist spannungsgeladen und hoch kompetitiv. Am Nachmittag kämpfen die Frauen in Viererequipen bei der Venla-Staffel um die Lorbeeren. Der Startschuss der Männer fällt am Abend um 23 Uhr. Eigentlich mitten in der Nacht, an diesem Datum aber in einer Nacht ohne Dunkelheit. Die Startläufer von rund 2000 Equipen werden gemeinsam loslegen und sich allmählich auf die verschiedenen Gabelungen aufteilen. Nicht nur vor Ort wird die Luft vibrieren. Die Ausstrahlung des Events ist derart gross, dass das finnische Fernsehen bei beiden Events (Venla am Nachmittag, Jukola durch die Nacht) während 15 Stunden live überträgt.

Riesige Emotionen
Auch die OL-Nation Schweiz wird ansehnlich vertreten sein. Nicht weniger als 55 Schweizer Teams sind angemeldet. In der Szene überrascht das wenig. Enthusiasten der Sparte mit Karte und Kompass vergleichen die Bedeutung der nordischen Staffeln inklusive Jukola mit dem, was der Ironman Hawaii für Triathleten bedeutet: Faszination, Fernziel, Motivation – aber ohne Qualifikationshürde und Teilnehmerlimitierung. Aus Schweizer Sicht ist nicht nur für Quantität gesorgt, sondern ebenso für Qualität. Eine stattliche Zahl an Schweizer Topläufern ist bei ihren skandinavischen Zweitvereinen mit von der Partie. Das ambitionierte Partizipieren bei den grossen OL-Staffeln ist der Hauptgrund dafür, dass die Mehrheit der hiesigen Elite auch einem skandinavischen Verein angehört. «Willst du dir als OL-Läufer richtig wichtig vorkommen, dann sind diese Rennen genau das Richtige», sagt Daniel Hubmann, der achtfache Weltmeister und sechsfache Gesamtweltcup-Sieger. 14 Mal ist er die Jukola schon gelaufen, viermal gehörte er dem Siegerteam an und «durfte» als Schlussläufer den triumphalen Zieleinlauf erleben. «Bei einer Jukola wirst du nicht Weltmeister, aber du erreichst etwas ganz Grosses im Team, verbunden mit riesigen Emotionen», sagt Hubmann. «Wenn immer möglich bin ich dabei gewesen.» Bei der kommenden Jukola will Daniel Hubmann in einem Schweizer Team zeigen, dass auch eine nichtskandinavische Mannschaft um Topränge kämpfen kann. Seine Mitgliedschaft beim finnischen Verein Koovee Tampere hat er sistiert, dafür ist er der ol norska, dem traditionellen Berner OL-Verein beigetreten. Der Thurgauer lebt – mittlerweile mit einer vierköpfigen Familie – seit gut zehn Jahren in Bremgarten bei Bern.

Angriff aufs Podest
Es entspricht Hubmanns Charakter, dass er für das Highlight im Norden höchste Ambitionen hegt. Er sagt: «Als Nation hat die Schweiz schon alles gewonnen, doch auf Klubebene fehlt ein internationaler Erfolg. Jetzt wollen wir uns nach ganz vorne orientieren.» Ein ambitiöses Ziel: Der 20. Rang ist das bisher beste Resultat eines Schweizer (und nichtskandinavischen) Männerteams an einer Jukola (2017, ol norska) gewesen. Dank Hubmanns Zuzug, dem Mitwirken des Nationalkaderläufers Jonas Egger und den Fortschritten der jungen Vereinsmitglieder (allen voran Aufsteiger Joey Hadorn) ergeben sich für die ol norska realistische Perspektiven in Richtung Podest. Die Ambitionen sind nicht kurzfristig entstanden. Vielmehr steht die visionäre Idee bereits seit Jahren. Ergeben hat sie sich im Austausch zwischen den Berner OL-Enthusiasten Bruno Haldemann und Daniel Hadorn. Beide haben sich durch ihre regelmässige Teilnahme an der Jukola von der Atmosphäre der Anlässe sowie dem professionellen Wirken der skandinavischen Vereine anstecken lassen. 2015 gründeten die beiden Vorstandsmitglieder der ol norska die Elite-Abteilung mit dem vielsagenden Namen «raskt tog Team» (Schnellzugteam auf Norwegisch). Diese Elite-Truppe hat sich rasant weiterentwickelt und bereits 2017 ein erstes Stück OL-Geschichte geschrieben. Das Frauen- Quartett Sarina Jenzer, Silja Ekroll Jahren, Sabine Hauswirth und Simone Niggli-Luder errang den zweiten Platz. Jetzt sollen die Männer nachziehen.

Teamwork entscheidet
Die Berner profitieren von ihrer engagierten Arbeit im Verein. Die ol norska bietet regelmässig professionelle Teamtrainings an. Das Mannschaftsgefüge ist dabei zentral. Daniel Hubmann lobt: «Von diesem Zusammenarbeiten profitieren alle. Auch ich als Routinier erhalte immer wieder wertvolle Inputs, die mich weiterbringen.» Die neue Ausgangsposition beflügelt. «Wir blicken dem Anlass voller Freude entgegen», sagen Bruno Haldemann und Daniel Hadorn. Die Läufer stimmen zu. Sie bauen auf den Fähigkeiten von Hubmann, Hadorn und Egger wie auf die Breite des Kaders. Bei der Jukola sind bei den Männern sieben Ablösungen zu laufen, an der Tiomila sogar deren zehn. Die Klasse der drei Topläufer bietet daher noch längst keine Garantie für ein Topergebnis. Entscheidend sind Konstanz und eine möglichst grosse Ausgeglichenheit. Die vielversprechende Ausgangslage hat im letzten Herbst zu einem Ruck geführt unter den Anwärtern. Einer davon, Jonas Geissbühler, sagt: «Ich habe meinen Trainingsaufwand deutlich zu steigern begonnen und hege die Absicht, wieder täglich eine Stunde in den OL-Sport zu investieren.» Geissbühler, 33, früher unter dem Namen Jonas Mathys Mitglied des Junioren-Nationalkaders und 2012 Studenten-Weltmeister in der Staffel, war nach seiner Aktivkarriere ab 2015 als Coach im Regionalkader Bern/ Solothurn tätig, 2017 erfolgte der Aufstieg zum Junioren-Nationaltrainer, dazu begann er eine Ausbildung zum Medizinischen Masseur (Abschluss 2021). Der zusätzliche Trainingsaufwand fordert ihn beträchtlich, doch die Perspektiven sorgen für Motivation: «Diese Jukola bietet die Möglichkeit, einen nicht erfüllten Traum zu verwirklichen.» Ein spezieller Faktor könnte den Bernern in die Hände spielen: die geografische Lage von Rovaniemi und das spezielle Austragungsdatum. Das Laufen in der Nacht im unwegsamen nordischen Gelände bei Dunkelheit fällt wegen Mittsommer weg. Damit verlieren die Nordländer einen Teil ihres Heimvorteils. Läuft alles optimal, könnte sich Daniel Hubmann so ein weiteres Mal die Chance bieten, mit der legendären Jukola-Rolle einzulaufen.

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