Neopren-Pflege

Tipps vom Wetsuit-Doktor

Günter Becker ist Neopren-Arzt und weiss wie kein zweiter, was dem kleinen Schwarzen bekommt und was nicht. Seine Tipps.

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Günter Becker ist seit mehreren Jahren am Ironman Switzerland und am Ironman 70.3 Switzerland als Arzt im Einsatz. Doch statt Muskelfaserrissen und Schürfwunden am Ausdauerathleten behandelt er Materialverletzungen an Wetsuits-Schwimmanzügen. Wie in jeder Praxis gibt es auch bei ihm gelegentlich Notfälle.

Zwölf Stunden dauert ein Arbeitstag von Günter Becker am Ironman Switzerland. Am Wettkampftag sogar noch länger. Dann öffnet er um 5 Uhr in der Früh seine Zeltplache im Ironman Village, um die ersten «Patienten» zu empfangen. Patienten, das sind in seinem Falle mannshohe Schwimmanzüge aus Neopren, die von besorgten Athleten beim «Wetsuit-Doc» abgegeben werden. Manche weisen Zentimeter lange Risse unter der Schulter auf, andere kommen mit kleinen Verletzungen im Rücken- oder Hüftbereich auf den Schragen.

Mit vulkanisierendem Klebstoff, speziellen Textilklebestreifen, Bügeleisen, Haarföhn und Reinbenzin kümmert sich Günter um das Wohl seiner Patienten. «Es gibt keine Verletzung, die ich nicht beheben könnte», erklärt der gemütliche Deutsche. «Die Frage ist bloss, ob die Zeit für eine sorgfältige Reparatur langt. Wer eine Viertelstunde vor dem Schwimmstart einen Riss im Anzug flicken lassen will, kriegt dann halt nur ein Provisorium für den Wettkampf.»

Tipps zum selber flicken
Ein Wetsuit aus Neopren besteht aus drei Schichten: Einer weichen, textilen Innenschicht aus Jersey, einer aufgeschäumten, dicken Gummischicht und einem Überzug aus glattem, gleitfähigem, wasserabweisenden Material. Ist die äussere Schicht oberflächlich beschädigt, reicht es, dieses Loch mit einem speziellen 30-Sekunden-Neoprenkleber zusammenzukleben. «Ich habe lange gesucht, bis ich den perfekten Neoprenleim gefunden habe», erzählt Günter, während seine Fingerspitzen das Loch rund 2 Minuten sanft zusammendrücken. «Den Kleber verkaufe ich mittlerweile auch so, damit können kleine äussere Verletzungen vom Sportler selber behoben werden.» Mehr als ein gutes Fingerspitzengefühl und die nötige Zeit braucht es dazu nicht. Der Neopren-Kleber ist auch in Surfshops für rund 10 Franken erhältlich.

Idealerweise bringt man seinen beschädigten Neopren – egal, welcher Marke – in vollständig getrocknetem Zustand zum Wetsuit-Doktor. «Bei nassen Anzügen muss ich die verletzte Stelle erst trockenföhnen», sagt Günter und greift zum Haarföhn. Weist der Anzug einen durchgängigen Riss auf, ist es nötig, auf der Innenseite einen speziellen Textilklebestreifen aufzubügeln. «Diesen Klebestreifen habe ich in China gefunden, die gibt es in Europa gar nicht», so Günter und schickt gleich eine Warnung an Hobbyhandwerker hinterher: «Der Umgang mit dem Bügeleisen und den Textilklebern will gelernt sein.» Anstatt selber Hand anzulegen und den Neopren möglicherweise unwiderruflich zu schädigen, bringt man ihn besser bei einer Fachperson vorbei. Das ist sicherer und erst noch günstig. «Kleine Klebearbeiten erledige ich im Ironman Village umsonst.» Wenn es richtig viel Arbeit macht, kostet es dann mal 15 bis 20 Franken.

Vaseline ist Gift für jeden Neopren
Was kann man als Athlet tun, damit der Wetsuit-Doktor möglichst wenig in Anspruch genommen werden muss? «Sonne, UV-Strahlung, Chlorwasser und Schweiss setzen dem Neopren mit der erheblich Zeit zu und beeinträchtigen die Lebenserwartung. Deshalb sollte man ihn nach Gebrauch immer mit kaltem, klarem Wasser ausspülen und zum Trocknen auf einen Bügel hängen», weiss Günters Kollege Benjamin. Die meisten Verletzungen ergeben sich aber beim Anziehen und im Wettkampf selber. «Fingernägel und Vaseline gegen Scheuerstellen sind reines Gift für den Anzug.» Am besten verwendet man zum Reinschlüpfen deshalb dünne Chirurgenhandschuhe, dann kann nichts passieren. Anstatt Vaseline oder andere erdölhaltige Produkte, die den Neopren angreifen, sollte unbedingt ein neoprenfreundliches Gleitmittel verwendet werden. Im Handel sind zum Beispiel Body-Glide-Sticks aus pflanzlichen Substanzen erhältlich. 

Sachgemäss lagern
Auch die richtige Lagerung eines Neoprens ist relevant, wenn es um eine lange Lebensdauer geht. Idealerweise hängt man den Neopren auf einem breiten Bügel in den Kleiderschrank. Wer den Gummigeruch nicht mag, stülpt noch einen Kleidersack drüber. «Vorsicht bei einer Lagerung im Keller», warnt Benjamin. «Feuchtes oder sehr trockenes Klima schadet dem Material und lässt es schneller altern.» Doch auch bei korrektem Gebrauch wird der Neopren irgendwann altersschwach und kriegt eine Art Zellulitis. «Bei intensiver Benutzung (etwa drei- bis fünfmal wöchentlich während der Saison und im Chlorwasser) lebt ein Wetsuit zwei- bis vier Jahre. Wer ihn weniger gebraucht, dürfte auf sechs bis zehn Jahre kommen», schätzt Benjamin. Benützen kann man einen Neopren mit Loch zwar immer noch. Sobald durch das Loch Wasser eintritt, hat das jedoch Auswirkungen auf den Wärmeschutz. Und ab einer gewissen Lochgrösse leidet der Auftrieb und somit die Geschwindigkeit.

Günters Arbeitstag ist erst vorbei, wenn auch der letzte Athlet seinen Patienten wieder bei ihm abgeholt hat. «Manchmal kommen die Sportler nach dem Ironman persönlich bei mir vorbei und bedanken sich für meinen Notfall-Einsatz am frühen Morgen», freut sich Günter. Das sind dann jene Momente, in denen der Wetsuit-Doktor emotional für seine langen Arbeitseinsätze am Bügeleisen entschädigt wird.

› Download Checkliste Neopren-Pflege (PDF)

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