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Gozo Marathon

Er ist überraschend anders. Der Gozo Marathon ist welliger als das Meer rundherum, älter als der London Marathon – und wesentlich kürzer, als er suggeriert.

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Gozo? fragte ein Laufkollege verwundert. «Ist das ein neuartiges veganes Menu? Oder der grosse Bruder von Gozilla?» Nein, nein, Gozo ist kein grosser Bruder. Gozo gilt vielmehr als kleine Schwester von Malta, der Mittelmeerinsel südlich von Sizilien, die ebenfalls nicht sehr gross ist. Gozo ist 14 Kilometer lang und 7 Kilometer breit. Und mit einer Fläche von 67 Quadratkilometern nur rund ein Sechstel so gross wie Scuol im Unterengadin, grösste Gemeinde der Schweiz.

«Und auf diesem Gozo findet ein Marathon statt?» fragt mein Kollege nochmals verwundert. «Laufen die denn da im Kreis rum?» Nicht ganz. Die Veranstaltung heisst zwar Gozo Marathon, die längste Strecke ist aber bloss 21,1 Kilometer lang, ein Halbmarathon. Aber ja, auf Gozo kann man laufen, sehr wohl sogar. Denn im April, wenn hierzulande die Schneefallgrenze noch bis fast ins Mittelland reicht, ist es auf Gozo längst frühlingshaft warm. Wer langärmlig läuft, ist definitiv overdressed.

Ohnehin ist auf Gozo alles etwas anders als bei einem herkömmlichen Halbmarathon. Das Startgeld beispielsweise beträgt läppische 12 Euro. Und dafür bekommt man eine abwechslungsreiche Laufstrecke und einen professionellen Service geboten – plus ein funktionales Shirt ausgehändigt und im Ziel eine Medaille um den Hals gehängt. Wo, bitte schön, erhält man für so wenig Geld noch so viel Lohn?

Älter als der Marathon in Rom
Und Gozo ist nicht bloss aus touristischen Gründen auf die populäre HalbmarathonWelle aufgestiegen, nein, der Event findet bereits seit 43 Jahren statt, ist also traditionsreicher als beispielsweise die populären Städtemarathons von London oder Rom.

Tradition wird ohnehin gross geschrieben auf der kleinen Insel. Start und Ziel befinden sich in Ix-Xaghra – ausgesprochen Ischaara – mit rund 4000 Einwohnern der zweitgrösste Ort der Insel. Bekannt ist Ix-Xaghra vor allem wegen seiner megalithischen Überreste, insbesondere des zum Unesco-Welterbe gehörenden, etwa 6000 Jahre alten Tempels von Ggantija am Ortsrand, der zu den ältesten halbwegs erhaltenen freistehenden Gebäuden der Welt zählt und auch das Logo des Halbmarathons trägt.

Teilnehmer aus 60 Nationen
Der Start erfolgt auf dem zentralen Hauptplatz des Dorfes, mit den Türmen der Basilika, die hell in der Morgensonne leuchtet, als glanzvoller Kulisse. 1450 Läuferinnen und Läufer haben sich hier versammelt, so viele wie noch nie. Die Teilnehmer kommen aus 60 verschiedenen Nationen, der Grossteil aber gleichwohl aus Malta. Die Stimmung ist ausserordentlich relaxt. Zehn Minuten vor dem Startschuss steht noch niemand an der Startlinie. Erst als der Speaker darauf hinweist, dass pünktlich gestartet werde, rückt die Läuferschaft langsam vor. Und los gehts.

Die Strecke erweist sich als überaus wellig. Erst einmal gehts so sehr bergab, dass man glaubt, bald unter dem Meeresniveau zu laufen, dann wieder so sehr bergauf, dass man sich an einem Berglauf wähnt. Dabei liegt die höchste Erhebung Gozos auf nicht mal 200 Metern über Meer. Allein durch das Auf und Ab erweist sich der Parcours als sehr abwechslungsreich. Vorbei gehts an erstaunlich grünen Feldern, vorbei an Schilf und Palmen, und immer wieder durch diese kleinen Dörfer, die fast alle gleich aussehen, weil die Häuser allesamt mit dem gleichen Natursandstein gebaut sind. Beton ist auf Gozo verpönt. Und immer wieder erscheint eine dieser malerischen und ebenfalls aus Sandstein erbauten Kirchen am Horizont, die an wahre Kathedralen erinnern.

Die Kirche im Dorf gelassen
Gozo hat 32000 Einwohner, 31500 Katholiken, 150 Priester – und mehr als 100 religiöse Stätten. Die eine nennt sich Tas-Salvatur, eine 12 Meter hohe Jesus-Statue, die oberhalb von Marsalforn auf einem rund hundert Meter hohen Felskegel throhnt und uns mit weit ausgebreiteten Armen am Horizont empfängt. Nicht zufällig erinnert sie an das berühmte brasilianische Ebenbild auf dem Corcovado in Rio de Janeiro. Prunkstück ist indes die Citadella in der Hauptstadt Victoria, deren turmhohen Festungsmauern weithin sichtbar sind. Die «City» wirkt verschlafen an diesem Sonntagmorgen. Sind die Menschen, die keine Laufschuhe tragen, alle in der Kirche?

Bei Rennhälfte erreichen wir Ghajnsielem, in dessen Ortsteil Mgarr sich der wichtigste Hafen der Insel befindet. Hier legen vor allem die Fähren zur Hauptinsel Malta an und ab. Und hier gibts immer wieder Projekte für Tunnel oder Brücken, die Gozo und Malta über den rund fünf Kilometer langen Kanal direkt verbinden sollen. Pendler begrüssen eine Direktverbindung. Andere befürchten, dass sich dann der Charakter der Insel erheblich verändern könnte. Noch schätzt man auf Gozo die Ruhe, die Beschaulichkeit und den Charme der ursprünglichen mediterranen Atmosphäre.

Laufend entdecken
Weiter gehts auf der Sightseeing-Welle, rauf und runter. Gleich 400 Höhenmeter sind bei diesem Halbmarathon zu bewältigen, die letzten 50 auf dem letzten Kilometer hinauf nach Xaghra. Einige Läufer brechen hier jämmerlich ein wie das einstige Wahrzeichen Gozos, das Azure Window, das Felsentor an der Westküste, das im März 2017 einem Sturm erlegen ist und die Gozitaner, wie sich die Inselbewohner selber nennen, noch heute traurig stimmt.

Die Stimmung auf der Zielgeraden hingegen macht nochmals Kräfte frei. Viele Schaulustige stehen applaudierend Spalier, als wir die letzten 100 Meter über den ausgerollten roten Teppich ins Ziel laufen und uns eine goldglänzende Medaille umhängen lassen.

Spätestens bei der «After-Race-Get-Together-Party», die gleich auf dem Dorfplatz inszeniert wird, fühlen wir uns mindestens so heldenhaft wie Pedro Antonio Lopez de Haro. Der siegreiche Spanier hat die anspruchsvolle Inselrunde in 1:13:18 Stunden abgespult, der zweitbesten Zeit in der 44-jährigen Geschichte des Gozo Marathons. Und wir fragen uns, warum man hier ein Auto mietet, wenn man die ganze Insel an einem halben Tag auch einfach ablaufen kann.


Gozo Marathon

Nächste Austragung
: 26. April 2020
Strecken: 21,1 km, 10 km
Startgeld: 12 Euro
Anreise: Flug Zürich–Malta (2:10 Stunden, mit Air Malta ab Fr. 95.–). Vom Flughafen mit dem Shuttlebus nach Cirkewwa (ca. 45 Minuten), und dort mit der Fähre nach Mgarr auf Gozo (ca. 20 Minuten, Hin- und Rückfahrt-Ticket: 5 Euro).
www.gozomarathon.org 


 

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