Mitgelaufen beim Rheinquellen-Trail

Premiere in Sedrun

Der erste Rheinquelle-Trail im Sommer 2020 war auch der erste Laufwettkampf nach dem Lockdown. Und noch dazu ein ganz besonderer.

Copyright: Rheinquelle Trail/Angerer Henning

Schwere Zeiten für Sportveranstalter: Allein in der Schweiz sind in diesem Jahr mehr als 250 Lauf-Events der Coronapandemie zum Opfer gefallen. Eine bittere Bilanz. Einige Organisatoren aber trotzten dem Virus und stellten trotz schwieriger Begleitumstände, geforderten Schutzmassnahmen und trüben Aussichten auf finanziellen Gewinn einen Wettkampf auf die Beine. Im Vorteil waren dabei vor allem die kleineren Organisationen, die schlank und beweglich aufgestellt sind, und die mit der Begrenzung auf 1000 Teilnehmer pro Wettkampftag gut umgehen konnten. Zu jenen Veranstaltungen zählten insbesondere Trailruns wie der Vogellisi Berglauf in Adelboden und der Stockhorn Halbmarathon im Simmental, aber auch der Swissalpine in Davos – und eben der Rheinquelle-Trail mit Start und Ziel in Sedrun. Der Trailrun in der urigen Berglandschaft feierte dabei gleich zweifach Premiere: als erster Laufwettkampf nach dem Lockdown und als erste anspruchsvolle Laufveranstaltung im Gebiet der Rheinquelle.

Segen vom Kloster
Das OK um Initiantin Simona Barmettler und Rennleiter Stefan Schwenke zeigte sich dabei erstaunlich weitsichtig. Sie nahmen nämlich das Kloster Disentis mit ins Programm auf: als exklusives Hotel, als Bierlieferant und Überbringer von anderen kulinarischen Köstlichkeiten aus paradiesischen Gärten. Die Partnerschaft mit dem Kloster erwies sich als cleverer Schachzug, der offensichtlich auch meteorologisch Wirkung zeigte. Der heftige Gewitterregen, der für die ersten Rennstunden angekündigt war, verzog sich schnell wieder. Die Benediktiner-Mönche vom Kloster Disentis hatten offenbar auch mit gefalteten Händen ganze Arbeit geleistet. Manchmal lohnt es sich, dem Himmel etwas näher zu sein.

Knackige 3182 Höhenmeter
In der Folge kamen auch wir Teilnehmer dem Himmel näher, wobei wir auf dem Weg dahin mehrmals durch die Hölle mussten. Denn die Strecken erwiesen sich als höchst anspruchsvoll. Vor allem der Tomasee-Trail, der Hauptlauf über drei veritable Berggipfel: den Garvers-Dil Tgom (2489 m), den Piz Cavradi (2612 m) und den Pazolastock (2739 m). Insgesamt 41,1 Kilometer und knackige 3182 Höhenmeter galt es dabei zu überwinden. Ganz schön happig für eine Premiere. Selbst Nina Zoller, die Duathlon-Weltmeisterin aus Chur, die das Rennen in 5:36 Stunden überzeugend gewann, zeigte am Ende Respekt. «Eine wunderschöne Strecke, aber mega hart.» Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – stehen an diesem zweiten Juli-Samstag 512 Trail- und Wettkampflustige am Start. S Erfreut darüber, nach vielen Monaten endlich wieder einmal einen «richtigen Lauf» bestreiten zu können. Trotz strenger und konsequent umgesetzter Schutzmassnahmen bleiben die Einschränkungen für die Teilnehmer überschaubar. Gewöhnungsbedürftig ist einzig, dass man als Läufer an den Verpflegungsposten nicht selber nach Ess- und Trinkbarem greifen darf. Selbst die Getränke werden von den Helfern gereicht. Corona lässt grüssen.

Fernab des Touristenstroms
Die Bergwelt bleibt derweil unangetastet. Und die ist rau, schroff und naturbelassen auf den Gipfeln der Surselva. Vor allem da, wo keine Bahn hochfährt. Auf dem Weg zum Piz Cavradi beispielsweise, im Winter besonders bei Skialpinisten beliebt, läuft man auf Pfaden, die ihrem Namen kaum gerecht werden, quer über riesige Alpenrosenfelder. Auch auf dem langen Aufstieg zum Pazolastock, hoch über dem Oberalppass, ist man fernab des Touristenstroms unterwegs. Mit wunderbarem Weitblick. Einzig beim Tomasee, wo der Rhein lautstark und spektakulär entspringt, begegnet man einigen Wanderern. Die Szenerie ist das Herzstück des Laufs. Noch mehr Herzklopfen machen nur die drei langen, sehr langen Anstiege. Der Rheinquelle-Trail ist atemberaubend schön, mit 3182 Höhenmetern aber auch ganz schön atemberaubend. Und gewisse Abstiege sind so steil, dass bei weniger Geübten in höheren Altersklassen vor allem der Muskelkater nachhaltig wirkt. Die Strecke ist dennoch angenehm konzipiert: ein sanftes Einrollen zu Beginn, dann drei anspruchsvolle Berge, und schliesslich läuft man die letzten zehn Kilometer vom Oberalp parallel zur Passstrasse hinunter nach Sedrun. Für jene, die noch frische Beine fühlen, eine sanfte Form von Rock ’n’ Roll. Seinem Namen wird der Rheinquelle-Trail jedenfalls gerecht: Der Lauf ist ein echter Trailrun, mehr als 80 Prozent der Strecke sind Trails oder Wanderwege. Und die Organisatoren haben gleich bei der Premiere gezeigt, dass sie auch mit schwierigen Bedingungen umzugehen wissen. Der Rheinquelle-Trail hat gewiss Potenzial. Weil er breit abgestützt, von der Tourismus-Region getragen und professionell organisiert ist. Für nächstes Jahr hat er seinen Platz im Laufkalender bereits beansprucht. Es ist dies der 10. Juli 2021. Rennleiter Schwenke verspricht: «Viel schwerer wird es nicht mehr.»

News teilen