Artikel - FIT for LIFE Magazin

Mister Laufkalender tritt zurück

Aus für den Laufkalender per Ende 2020

Am 31. Dezember 2020 wird der «laufkalender.ch» offiziell eingestellt. «Mister Laufkalender» Andi Pfaff blickt im Interview auf die letzten 16 Jahre zurück.

Copyright: Sportograf und ZVG

Andi, du gibst mitten in der Corona-Krise das Aus des allseits beliebten Laufkalenders bekannt. Hast du schon früher darüber nachgedacht, beim Laufkalender kürzer zu treten?

Gedanken darüber, meine Freizeit für neue Dinge zu verwenden, habe ich mir schon manchmal gemacht. Corona hat das aber beschleunigt – und mir letzten Endes die Entscheidung abgenommen. Die Situation ist für Veranstalter und Läufer gleichermassen ärgerlich, und insbesondere für professionelle Veranstalter problematisch. Bei uns ist fast die gesamte Vorarbeit für 2020 umsonst gewesen. Um die Sache noch schlimmer zu machen, musste ich dieses Jahr fast alle Veranstaltungen nach und nach wieder als «verschoben» oder gleich als «abgesagt» markieren.

Bereits während des laufenden Jahres und insbesondere im Herbst, wenn die deutschen Veranstalter auf der Laufbörse ihre Termine vom Verband bestätigt bekommen, ergänzen wir die Daten für das kommende Jahr. Im Herbst kann es daher durchaus sein, dass ich innerhalb von drei Tagen 2000 E-Mails mit neuen Daten erhalte. Der Prozess, um die Daten einzupflegen, ist bis ins Detail optimiert, aber bei ca. einem Drittel der Veranstaltungen - und das sind immer noch fast 2000 - muss ich die Daten für das Folgejahr mühsam auf den Veranstalter-Webseiten zusammensuchen. Da der November und Dezember sehr ruhige Monate sind, in denen ich keine Pressemitteilungen zur Publikation erhalte, kann ich die Zeit für die Aktualisierung verwenden. Für 2021 sehe ich aber schwarz, denn zumindest für das Frühjahr liegt noch vieles im Argen. Ich werde also vermutlich noch gar keine aktuellen Daten erhalten, und diejenigen, die ich publiziere, werden evtl. wieder abgesagt.

Kannst du abschätzen, wie viele Stunden ehrenamtlicher Arbeit im Laufkalender liegen?

Während der Hochsaison, also im Herbst und im Frühjahr, arbeite ich pro Woche mindestens 10 Stunden für den Laufkalender. Im Herbst, wenn die neuen Daten feststehen, dann sitze ich schon mal zwei oder drei komplette Wochenenden am PC und durchsuche die Veranstalterseiten nach neuen Daten oder korrigiere E-Mail-Adressen, wenn Anfragen per Serien-Mail zurückkommen.

Auf welche schönen, unvergesslichen Erinnerungen blickst du zurück?

Solche Momente gabs immer wieder! Wenn ich mich nach einigen E-Mails mit einem Veranstalter selbst auf einen Lauf irgendwo eingeladen und eine Bratwurst und ein Bier als Dankeschön gefordert habe. Einladungen gabs von Nizza bis Usedom, und neben Wurst und Bier wäre mir auch einmal das Hotel bezahlt worden.

Gab es auch Momente, die so richtig «Sch...» waren oder Momente, an denen du verzweifelt bist?

Wenn du ein verlängertes Wochenende ohne Notebook und Internet in Paris machst, und nach der Rückkehr am Sonntagabend 1000 E-Mails im Posteingang hast, die sich am Montagabend auf 2000 erhöhen, dann musst du schon mal die Zähne zusammenbeissen. Das hat aber trotzdem immer geklappt, da viele Abläufe optimiert waren und manche E-Mails innerhalb weniger Sekunden erledigt werden konnten.

Wenn du heute nochmals starten würdest, was würdest du anders machen?

Ich würde das wieder ähnlich machen. Heute würde man vielleicht zuerst das Design der Webseite machen, und dann den Inhalt. Das ist für Google und Konsorten wichtig, sonst landest du wegen schlechtem Design oder fehlender Mobilwebseite nicht mehr in den Suchergebnissen. Ich hatte aber zuerst eine Datensammlung von Läufen, und hab drum herum eine normale Webseite gebaut. 2006 gab es noch keine Mobilgeräte. Die entsprechende Mobilseite haben wir erst später gebaut, und zwar drei Mal in verschiedenen Versionen.

Hast du noch die Hoffnung, dass jemand dein Werk weiterführt?

Daran glaube ich eher nicht. Alle Laufkalender werden sich momentan dieselbe Frage stellen: Wozu der ganze Aufwand mit der Datenpflege, wenn kaum Läufe stattfinden dürfen? Das wird bei Webseiten, die mit Werbung arbeiten, natürlich auch ins Gewicht fallen, denn die Werbeeinnahmen stehen und fallen mit den Zugriffszahlen auf der Webseite - und die sehen nicht gut aus.

Du hast als Marathonläufer begonnen und dich nun (verletzungsbedingt) dem Rennvelo zugewandt. Welche sportlichen Ziele warten auf dich in den nächsten Jahren? Worauf freust du dich in deinem laufkalenderbefreiten Leben?

Seit dem 1. November, als ich das bekannt gemacht habe, fühle ich mich wie von einer riesigen Last befreit. Ich komme von der Arbeit nach Hause, und schalte nicht mehr direkt den PC ein, sondern nehme meine Zeitung DIE ZEIT, lümmel mich in den Sessel und lese sie in aller Ruhe durch. Früher hatte ich Mühe, das in einer Woche zu schaffen, heute bin ich nach drei Tagen damit durch. Und sobald es wieder Frühjahr wird, findet man mich auf dem Rennrad oder Mountainbike auf irgendeinem Pass. Meine neueste Datenbank ist nämlich eine mit allen Alpenpässen…

Wäre es nicht eine Idee, über deine Zeit an der Seite von Tausenden von Laufevents ein Buch mit Anekdoten zu schreiben?

Gute Idee. Es gäbe viele Geschichten, die ich über Veranstalter zu erzählen hätte. Z. B. über einen Veranstalter, der aus Sparsamkeit irgendwann vom teuren, aber professionellen Zeitmesser zu einem günstigeren Mitbewerber gewechselt hatte. Im Anschluss an die Veranstaltung musste er seine Teilnehmer per Newsletter bitten, ihre selbst gemessenen Zeiten zu übermitteln, damit man die Ranglisten publizieren konnte….

Andi, wir danken dir von Herzen für deine geleistete Arbeit und wünschen dir für deine Zukunft nur das Beste!

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