Massenstart beim Open Water Schwimmen

So meistern sie einen Massenstart

Wer ein paar Tricks und Vorsichtsmassnahmen kennt und sich sorgfältig vorbereitet, kann seinem nächsten Schwimmstart zuversichtlich entgegenblicken

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Die Szene ist so altbekannt wie die Titelmelodie von James Bond. Ungeduldig drängeln sich die Schwimmer an der Startlinie, die Nervosität ist gross. Ein Schuss ertönt und schon stürzen sich Hunderte Schwarzbekleideter wie ein Heer einer militärischen Sondereinheit ohne Rücksicht auf Verluste in die Fluten, als ob sich der Wettkampf auf den nächsten 200 Metern entscheiden würde. Was jetzt abgeht, kann in Dramatik und Kampfdramaturgie mit dem besten Agententhriller mithalten: Es wird gestossen und ausgeschlagen, Ellbogen finden ihren Weg ans Kinn des Konkurrenten, Füsse donnern gegen Rippen, Fingernägel krallen sich am Vordermann fest und die ersten Opfer schnappen hilflos auf dem Rücken liegend nach Luft, die nach kaum fünfzig Metern schon da ist, wo sie nicht sein sollte: draussen.

Richtig einstehen
Viel gegen solche Rangeleien unternehmen lässt sich nicht, zumal oft keine böse Absicht dahintersteckt, sondern einfach zu viele Schwimmer auf zu wenig Fläche um ihren Platz kämpfen. Notwehr sozusagen. Und zum Glück geht es auch nicht bei allen Schwimmstarts derart brutal zu und her und vor allem nicht in allen Regionen des Startfeldes. Daher sollte man sich gut überlegen, wo man sich bei einem Schwimmstart positionieren soll. Schätzen Sie Ihr Können richtig ein! Ungeübte Schwimmer reihen sich am besten hinten ein und lassen die grosse Masse erst einmal ziehen. Ambitionierten Mittelfeld-Schwimmern ohne Kampfgelüste seien die Randplätze empfohlen, wo es sich bei Engpässen ein wenig zur Seite ausweichen lässt. Und nur wer entweder sehr gut schwimmt, sich gerne prügelt oder entsprechend muskulös gebaut ist, stellt sich ganz vorne in die Mitte hin.

Opfer im Massenstart – was tun?
Damit im Gerangel alles an seinem Platz bleibt, folgende Vorsichtsmassnahmen beim Anziehen beachten: Am besten die Schwimmbrille unter der Badekappe tragen, den Neopren-Bändel unter dem Klettverschluss verstecken und den Zeitmess-Chip am Fussgelenk unter dem Neoprenabschluss versorgen. Falls man dennoch Opfer einer Rempelei wird, ist es von Vorteil, wenn man die folgenden Szenarien für unschöne Situationen bereits einmal im Training geübt hat:

 

  • Brille weg: Schwimmbrille im offenen Gewässer ohne Bodenkontakt anziehen lernen, indem man an Ort und Stelle wassertritt oder sich auf den Rücken legt.
  • Neopren offen: Offenen Reissverschluss des Neopren ohne fremde Hilfe schliessen lernen, indem man wie ein Bleistift senkrecht im Wasser steht und dadurch den Bändel auf der Wasseroberfläche liegend zu fassen kriegt und hochziehen kann.
  • Badekappe weg: Haare so zusammenbinden, dass auch ohne Badekappe geschwommen werden könnte.
  • Unter Wasser gedrückt: Ruhe bewahren, entweder mit Kopf oberhalb Wasser weiterkraulen oder ein paar Meter Brust schwimmen. Sich im schlimmsten Fall auf den Rücken legen und ruhig durchatmen.
  • Verletzt: Sich vor dem Start ausmalen, wohin man sich im Falle einer Verletzung wenden würde (Boje, Sprungturm, Rettungsbote?).
  • Notsituation: Wird im Wasser Hilfe benötigt, mit der flachen Hand aufs Wasser schlagen, um die Rettungskräfte auf sich aufmerksam zu machen.

Temposog nach Startschuss
Die wahre Crux beim Massenstart liegt für das Gros der Athleten jedoch nicht in den Rangeleien am Start, sondern im Temposog, dem man sich nur schwerlich entziehen kann (vor allem dann nicht, wenn man sich zu weit vorne positioniert hat). Das Gute daran: Man ist zu Beginn überraschend schnell unterwegs. Das Schlechte daran: Sauerstoffschuld, überhöhter Puls und übersäuerte Muskeln bevor die erste Boje überhaupt in Reichweite ist. Doch auch auf diese Situation kann man sich vorbereiten. Wer auf den ersten zwei-bis fünfhundert Metern eines Massenstarts nicht «versauern” will, muss sich im Training mit verschiedenen Übungen auf diese «Startexplosion» vorbereiten. Natürlich kann ein derartiges Training den Ernstfall im freien Gewässer kaum je vollständig simulieren. Aber unbequeme Sprintserien im Vorfeld des Wettkampfs fördern die Fähigkeit, kurzfristig eine Sauerstoffschuld einzugehen und tragen dazu bei, dass Massenstarts im Triathlon so enden, wie sich das auch bei James Bond gehört: mit einem Happy End.

Massenstart-Simulation im Training
Nach einem kurzen Einschwimmen wird dem regulären Training eine «unbequeme» Sprintserie von 4 x 100 m oder 8 x 50 m mit 10–15 Sekunden Pause vorangestellt. Dabei geht es vor allem darum, Tempohärte trotz «Störfaktoren» auszubilden. Diese Sprintserien können wie folgt gestaltet werden:

  • Mit Fäusten schwimmen.
  • Beim Wenden die Wand oder den Boden nicht berühren, sondern sich nur am Wasser abstossen.
  • Beim Starten nicht an der Wand abstossen, sondern bäuchlings auf dem Wasser liegend in den Sprint starten.
  • Nach dem Abstossen von der Wand eine Rolle im Wasser machen, bevor man weitersprintet.
  • Kraulsprint, ohne den Kopf ins Wasser zu legen, Blick immer nach vorne gerichtet.
  • Nach dem Abstossen 15 m tauchen, dann auftauchen und sofort lossprinten.
  • Kraulsprint mit Fünfer-oder Siebneratmung.
  • Jedesmal aussteigen und einen Kopfsprung ins Wasser machen, 10 m sprinten, 15 Sekunden Wassertreten an Ort, weitersprinten.

Trainingstipps in der Gruppe

  • Die oben genannten Übungen können als Wettkampf oder Staffel in der Gruppe ausgeführt werden.
  • Nebeneinander schwimmen, einer darf James Bond spielen und die anderen mit fiesen Mitteln (halten, hauen, stossen) am Schwimmen hindern und abservieren.
  • Einer sprintet mittelschnell los, die anderen holen ihn ein und überholen ihn rücksichtslos.
  • Slalomschwimmen: Wer hinten ist, muss die anderen Schwimmer überholen, dies darf er auch unsanft tun. Nun ist der hintere Schwimmer dran mit Überholen.

 

 

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