Lebensdauer eines Skating-Ski

Die inneren Werte zählen

Die Lebensdauer eines Skating-Ski hängt von verschiedenen Faktoren ab.

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Es gibt wohl kein anderes europäisches Land, in dem Langläufer so gut ausgerüstet sind wie in der Schweiz. Eine Skating-Ausrüstung mit Ski, Bindung, Schuhen und Stöcken kostet rasch weit über 1000 Franken, Bekleidung exklusive. Wenn an einem strahlenden Winterwochenende Tausende Skater über die Schweizer Loipen flitzen, sind mehrere Millionen Franken unterwegs im Schnee. Die Schweizer Langlauf-Kundschaft will top ausgerüstet sein, vor allem dann, wenn ab und zu auch ein Wettkampf bestritten wird. Ähnlich wie im Triathlon fühlen sich viele ambitionierte Breitensportler rasch benachteiligt, wenn sie etwa beim Engadin Skimarathon nicht mit dem ultimativ neuesten Modell am Start stehen. Doch ist dieser Material-Kult nötig? Wie lange hält ein guter Skatingski, wann macht es Sinn, einen neuen zu kaufen, und vor allem, wie erkennt man, dass das alte Modell sein Leben ausgehaucht hat?

Viele Faktoren entscheiden
Fragen, die von zahlreichen Faktoren abhängen. Als erstes spielt die Bauweise eine gewichtige Rolle. «Das Innenleben eines 250-fränkigen Einsteiger-Skatingskis unterscheidet sich gewaltig von demjenigen eines 700-Franken-Rennmodells», sagt Walter Hobi, Produktespezialist bei Rossignol: «Der komplexe Aufbau macht den Unterschied, ob ein Ski billig oder teuer ist, Belag und Kanten sind vernachlässigbar. Ein teurer Ski besitzt einen hochwertigen Wabenkern aus Holz oder Synthetik oder eine Kombination aus beidem. Dazu kommen mehrere Schichten aus Fiberglas, dünnes Spezialholz und/oder Karbonfasern.» Neben der Bauweise spielt auch das Leistungsvermögen sowie die Konstitution des Sportlers eine Rolle. Bei einem 90-Kilo-Athleten wird ein Ski mit ganz anderen Kräften konfrontiert als bei einer 50-Kilo-Skaterin. Und auch die Lauftechnik beeinflusst die Lebensdauer. Wer als Einsteiger mit kleinen Schlittschuhschrittchen über den Schnee rutscht, nutzt seinen Ski kaum ab, egal ob Billigski oder Rennmodell. Kräftige und dynamisch laufende Sportler hingegen drücken den Ski bei jedem Abstoss durch, wodurch das Material irgendwann ermüdet und die Spannkraft verloren geht.

2000 Kilometer als Richtzahl
Neben dem Verlust der Spannkraft erfährt ein Ski aber auch eine äusserliche Abnutzung. Durch den steten Druck beim Abstoss deformiert sich mit der Zeit der Belag, er wird rund und ist nicht mehr ganz eben, wodurch der Ski weniger gut führt. «Bei einem Läufer, der beim Skiaufsatz immer sofort auf den Kanten steht, ist die Abnützung grösser als bei einem technisch versierten Läufer», erklärt Andreas Schaad von Schaad Nordic Sports in Studen. «Der Belag eines Topläufers deformiert kaum.» Was heisst das alles konkret? Kann man trotz der vielen beteiligten Faktoren die Lebensdauer eines Skating-Skis in konkreten Zahlen beziffern, in Stunden oder Kilometern? Andreas Schaad wagt eine Prognose: «Mit rund 2000 Kilometern darf man beim Erwerb eines qualitativ guten Skis rechnen.» Man rechne: Wenn ein Hobbysportler pro Schneetraining etwa anderthalb Stunden unterwegs ist und dabei 20–25  Kilometer absolviert, kann er rund 80–100 Einheiten absolvieren, bis er die erwähnten 2000 Kilometer erreicht hat. Und wenn er pro Saison 20–30 Schneetage schafft – was für einen Flachländer schon viel ist –, ergibt das eine Lebensdauer von rund 3–4 Jahren. «Das kommt etwa hin», sagt Schaad, «allerdings kann man noch weiter differenzieren. Wenn viel auf Hartschnee oder eisigem Untergrund gelaufen wird, was in der Schweiz relativ häufig ist, nutzt sich der Ski schneller ab als bei Pulverschneeverhältnissen, wie sie in den nordischen Ländern üblich sind.»

Rennski 20 bis 30 mal im Einsatz
Im Rennsport ist die Lebensdauer noch einmal deutlich kürzer, da kommt laut Walter Hobi ein Ski «rund 20–30 Mal zum Einsatz.» Was aber nicht zwingend bedeutet, dass er dann unbrauchbar ist: «Wenn ein Ski im Laufe seines Lebenszyklus Flex verliert, kann er bei guten Schneeverhältnissen immer noch als Trainingsski zum Einsatz kommen. Wir haben die Ski dann oft auch an die Jungen weitergegeben, die noch gut damit laufen können.» Und wie erkennt ein Sportler, ob die Spannkraft seiner Ski noch seinen Ansprüchen genügt oder ein neues Modell fällig ist? «Gute Läufer spüren, dass Führung und Torsion der Ski vor allem bei harten Verhältnissen nachlassen», erklärt Dani Grab, Inhaber des Langlaufcenter Schindellegi. Alle anderen sollten den Ski vom Experten im Fachgeschäft beurteilen lassen. Erfahrene Verkäufer können die Vorspannung bereits mit blossem Druck grob interpretieren. Oder sie legen den Ski in Spezialgeräte ein, welche die Spannung überprüfen. Bei Grab ist es der sogenannte Ski Selector, der den Ski über die ganze Länge abscannt und nach Unregelmässigkeiten untersucht. «Damit testen wir nicht nur die Spannung, sondern erkennen auch Ermüdungsbrüche im Ski.» Aus Erfahrung möchte Grab noch eine persönliche Empfehlung loswerden: «Ein Langlaufbelag verträgt nicht so viel Hitze im Kern wie ein Alpinski. Läufer, die selber wachsen, sollten daher aufpassen, dass sie mit dem Bügeleisen nicht zu lange an Ort und Stelle bleiben, denn auch das kann den Belag rund machen. Zum Teil sogar so rund, dass man ihn gar nicht mehr plan schleifen kann.»

Karbon für Langlebigkeit
Langlebigkeit ist im Skibau nur bedingt ein Thema. Gute Ski verfügen über geschmeidige Laufeigenschaften bei gleichzeitiger Torsionssteifigkeit, was nicht einfach zu erreichen ist, vor allem nicht bei allen Schneeverhältnissen. Kommt dazu, dass die Kundenwünsche unterschiedlich sind. Die einen bevorzugen gutmütige Ski, andere steife und aggressivere Modelle. Beim Skibau kommt zunehmend Karbon zum Einsatz. Oft nur als Fasern in die inneren Schichten des Skis eingebaut, manchmal aber auch komplett um den Ski gewickelt. Das steife Karbon ist ermüdungsresistent und macht einen Ski langlebiger. Allerdings ist das dynamische Verhalten eines Skis äusserst komplex und nicht nur von der Steifigkeit abhängig. Deshalb gibt es auch Modelle, die eher im Neuschnee punkten und andere, die bei harten Verhältnissen ihre Stärken haben.

Pflege erhöht Lebensdauer nicht
Die Pflege eines Skis hat grundsätzlich mit der Lebensdauer nichts zu tun. Denn die Spannkraft kann mit sorgfältiger Pflege weder verbessert noch erhalten bleiben. Die Gleiteigenschaft hingegen schon. Regelmässiges Wachsen pflegt den Belag und verbessert dessen Gleitverhalten. Und auch gelegentliches Schleifen hat einen positven Einfluss auf den Belag und das Fahrverhalten des Skis, weshalb das von Zeit zu Zeit durchaus Sinn macht. Der letzte Tipp kommt von Walter Hobi; er empfiehlt allen Skatern, die pro Saison mehr als 500 Schneekilometer skaten, ein zweites Paar anzuschaffen. «So kann man den alten Ski eher bei weichen Schneeverhältnissen einsetzen und den neuen bei harten und im Wettkampf.»

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