Krafttraining für Kinder und Jugendliche

Echter Mehrwert oder hipper Modetrend?

Es gibt gute und ganz handfeste Gründe, warum geleitetes Krafttraining für Kinder und Jugendliche bereits im Teenageralter sinnvoll ist.

Copyright: iStockphoto.com

Sollen Kinder und Jugendliche im Kraftraum Gewichte stemmen? Muskeln mithilfe von Hanteln stählen? Einem kraftbetonten Schönheitsideal nacheifern? Keinesfalls! Es gibt jedoch gute und ganz handfeste Gründe, warum geleitetes Krafttraining für Kinder und Jugendliche bereits im Teenageralter sinnvoll ist.

Kinderärzte wie auch Physiotherapie-Praxen stellen fest, dass die Verletzungsrate von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren schweizweit kontinuierlich zugenommen hat. So beobachtet beispielsweise Physiotherapeutin Wiebke Schubien in Aarau: «Kinder bewegen sich heute generell weniger, was bereits mit dem morgendlichen Fahrt im ‹Elterntaxi› zur Schule beginnt.» Sah man die Kids früher auf den Pausenplätzen noch «Fangis» oder Gummitwist spielen, dominiert heute der Blick ins Smartphone – mit gebeugtem Rücken und vorgerecktem Hals. «Kinder haben kein Gespür und kein Bewusstsein mehr für eine natürliche, aufrechte Haltung», beobachtet die Physiotherapeutin mit Besorgnis. Vom drohenden Übergewicht ganz zu schweigen.

Zu wenig Sport? Zu viel Sport?
Auf der anderen Seite stellt die Kinderärztin Mélanie Doutaz von der Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in Aarau fest, dass sich sportlich aktive Kinder vermehrt verletzen. «Vor allem bei Ballsportlern, die bereits in jungen Jahren bis fünf Mal wöchentlich trainieren, nimmt die Verletzungsrate markant zu.» Schuld daran ist einmal ein zu frühes spezifisches oder zu ambitioniertes Sporttraining, das die Kinder und Jugendlichen einseitig belastet. Dann schlägt auch die Tatsache negativ zu Buche, dass in den Sportclubs und -mannschaften kaum Wert auf einen soliden und elementaren Aufbau der Rumpfkraft gelegt wird. «Je besser ausgebildet die Kinder- und Jugendtrainer sind, desto mehr Wert legen sie auf Rumpf- und Stabilitätstraining», sagt Physiotherapeutin Wiebke Schubien. «Sie beugen damit Verletzungen der unteren und oberen Extremitäten vor und bekämpfen muskuläre Dysbalancen, die sich ansonsten in Knie-, und Schulter- und Rückenschmerzen bemerkbar machen.»

Um das Problem an der Wurzel zu packen, haben sich die beiden medizinischen Fachpersonen in Aarau zusammengetan und einen zehnteiligen Kursblock «Krafttraining für Kinder und Jugendliche» ins Leben gerufen. «Wir wollen Kindern und Jugendlichen einen spielerischen Zugang zu qualitativem, altersgerechten Krafttraining ermöglichen», erläutert Wiebke Schubien. «Da werden natürlich nicht sinnlos Gewichte gestemmt, sondern sorgfältige Bewegungsabläufe und Kräftigungsübungen mit Kinderhanteln erlernt.» Erkenntnisse aus der Forschung (Martin Zawieja / Klaus Oltmann: «Kinder lernen Krafttraining», Kooperation mit der Trainerakademie Köln, Philippka-Sportverlag 2011) fliessen in dieses Krafttraining ebenso ein wie das Programm für Stabilitätstraining, welches Dr. med. Mario Bizzini von der Schulthess Clinic in Zürich für die FIFA-Jugendspieler erarbeitet hat.

Was Hänschen nicht lernt…
Die ersten beiden Kursblöcke «Krafttraining für Kinder und Jugendliche» starten Ende April 2019 in der Praxis für Physiotherapie Wiebke Schubien in Aarau, wahlweise am Dienstag- oder am Mittwochnachmittag (ab 17 bzw. 17.30 Uhr). Zielgruppe sind Kinder im Alter von 10–16 Jahren, welche in Ballsportarten wie Fussball, Volleyball, Handball, aber auch Unihockey, Golf und Tennis daheim sind oder generell Kinder, die Interesse an Bewegung und Sport haben. Die maximal acht Kinder werden von zwei ausgebildeten Physiotherapeutinnen angeleitet und überwacht. Nach einem spassbetonten Aufwärmen mit Spielen und Geschicklichkeitparcous, wird Kraft und Rumpfstabilität an verschiedenen Geräten trainiert. Dabei kommen Kinderhanteln bis 2-5 kg ebenso zum Einsatz wie Therabänder, Wackelbrettchen und Pilatesrollen. Damit die Kurskosten erschwinglich bleiben (10 Lektionen à 60 Minuten kosten gerade mal 100.- Franken) wird das Angebot von der Aargauischen Kantonalbank wie auch von der Mobiliar Versicherung grosszügig gesponsert. Wiebke Schubien wünscht sich: «Es wäre toll, wenn unsere Idee in der ganzen Schweiz Nachahmer finden würde. Denn wer in jungen Jahren bereits einen positiven und sinnvollen Zugang zum Kraft- und Stabitraining erfahren hat, wird auch später dabei bleiben.» Die beste Basis für lebenslanges, verletzungsarmes Sporttreiben.